Hannes Mitterhofer, Südtiroler Gastwirt in Berlin.
Foto: Berliner KURIER/Markus Wächter

Hannes Mitterhofer hört sich am Telefon so richtig geladen an. „Krass ist das. Ich habe überhaupt keine Lust mehr“, sagt er. Eine Katastrophe, das ist seine erste Reaktion am Mittwoch, nachdem die Kanzlerin verkündet hat, ihm für den ganzen November die Wirtschaft zu schließen.

Hannes Mitterhofer ist ein Berliner Gastwirt. Er betreibt das „Wirtshaus zum Mitterhofer“, ein bodenständiges Lokal mit Speisen aus Südtirol in der Kreuzberger Fichtestraße. Wie alle Restaurants und Bars wird er nach den neuesten bundesweiten Anti-Corona-Verfügungen ab Montag sein Lokal geschlossen halten müssen. Und dabei hatte er sich so viel Mühe gegeben.

Lesen Sie auch: Kontakte, Einkaufen, Freizeit, Arbeit: Alle Lockdown-Regeln auf einen Blick >>

Gleich an der Glastür am Eingang hängt eine unmissverständliche Botschaft. „Eintritt nur mit Maske“, heißt es handgeschrieben auf einem weißen Blatt Papier. In Versalien, mit blauem Kugelschreiber. Die Linien sind drei- und vierfach nachgezogen. Am Ende prangt ein Ausrufezeichen.

Pandemie hat Wirt und Gästen jetzt schon alles abverlangt

Mitterhofer hat den Zettel geschrieben und aufgehängt. Keiner soll sagen können, er habe ja keinen Hinweis gesehen. Zu Betriebszeiten stehen noch weitere Schilder mit Hinweisen für pandemiekonformes Speisen im Garten herum. Dass Gäste platziert werden und sich nicht selbst an einen der Tische setzen sollen, zum Beispiel. Alles eindeutig – und trotzdem gibt es immer wieder Diskussionen.

Lesen Sie auch: Wut und Verzweiflung in der Gastronomie: Wird der Lockdown zum Knockdown? >>

Das Lokal ist eine Institution in der Gegend. Seine Gäste sprechen nur von Hannes. Die Mitterhofer-Allee, so nennt der Wirt die Fichtestraße, an der zwei seiner Lokale liegen, wenn er gut gelaunt ist. Das ist nicht übertrieben. Normalerweise. Wenn nicht gerade Corona die Gedanken der Menschen beherrscht. In anderen Zeiten musste man für den Abend einen Tisch vorbestellen, sogar unter der Woche. In den vergangenen Wochen hat die Pandemie Wirt und Gästen allerdings einiges abverlangt.

An einem goldenen Oktobertag um die Mittagszeit ist Hannes Mitterhofer allein in seinem Lokal. Er sitzt – kurze Hose, T-Shirt trotz frischer Temperaturen – an einem der Tische hinterm Gartenzaun direkt am Bürgersteig, bereit zum Gespräch. Aber man muss immer wieder innehalten. Menschen bleiben stehen und begrüßen ihn. Eine Frau fragt, ob ein Paket für sie hinter seiner Theke liegt. Eine andere leiht sich eben mal Geld für einen Einkauf im Supermarkt. Ein Pärchen grüßt von irgendwelchen Bekannten. Ein Mann reserviert einen Tisch. Eine Frau will wissen, ob er zufällig ihre Brille gefunden hat. Es ist ein bisschen wie zu Besuch beim König der Fichtestraße.

Am selben Abend herrscht im Lokal Totentanz. Zur Hauptbetriebszeit zwischen 18 und 20 Uhr sind nur ein paar Tische draußen besetzt. Drinnen sind die Kellner mit zwei einzelnen Gästen allein. Hannes Mitterhofer guckt sich im Lokal um. „Gruselig“, sagt er.

Kindergärtner der Nation

Die Pandemie hat vieles verändert. Besonders schwer tut sich Hannes Mitterhofer damit, in eine neue Rolle zu finden, die der Staat ihm zugedacht hat. Es ist die einer Gouvernante. Er fühle sich wie ein Erzieher, sagt Hannes Mitterhofer. Er zeigt auf sein Schild am Eingang. „Was ist so schwer daran, das zu verstehen. Rein geht’s nur mit Mundschutz. Man muss ihn vorher aufsetzen. Nicht beim Reingehen. Nicht den Pullover über die Nase ziehen. Auch nicht nur den Arm vors Gesicht halten“, sagt er.

Wirte wie Hannes Mitterhofer sind in der Pandemie zu den Kindergärtnern der Nation geworden. Sie passen auf, dass nicht zu viele Menschen an einem Tisch sitzen. Dass sie sich nicht gegenseitig ins Essen oder ins Gesicht husten. Dass sie auch auf dem Weg zum Klo eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen. Dass sie ihren korrekten Namen auf eine Kontaktverfolgungsliste setzen. Dass sie brav nach Hause gehen, wenn der Staat sagt, jetzt gibt’s kein Bier mehr. Sperrstunde. Hannes Mitterhofer findet das alles auch furchtbar. Aber noch schlimmer findet er, dass der Berliner Senat ihn und seine Angestellten immer mehr zu Aufpassern macht.

Lesen Sie auch: Dieser „Lockdown Light“ trifft die Falschen mit voller Wucht >>

In den vergangenen Monaten hat die Landesregierung ihre Corona-Verordnung immer wieder verschärft. Neben Hygiene- und Abstandsregeln, dem Umstand, dass maximal sechs Personen an einem Tisch sitzen dürfen, und der Dokumentationspflicht wurde den Wirten auch noch auferlegt, um 23 Uhr zu schließen. Alkohol soll dann weder ausgeschenkt noch verkauft werden. Das hatte Mitterhofer beim ersten Treffen Anfang des Monats sich noch als Schreckgespenst ausgemalt. Dann wurde es Wirklichkeit. Jetzt wird noch mehr reglementiert.

Einige Berliner Wirte haben gegen die Sperrstunde geklagt. Erst elf, dann 30. Vor Gericht bekamen sie recht. Die Richter sehen nicht, dass eine Sperrstunde für eine nennenswerte Bekämpfung des Infektionsgeschehens erforderlich sei. Sie verweisen auf das Robert-Koch-Institut und dessen Daten, wonach Gaststätten mit Hygieneschutz keinen derart wesentlichen Anteil am Infektionsgeschehen gehabt haben. Warum sie dann jetzt ganz geschlossen werden, ist auch so eine Frage.

Aber Widersprüche gibt es ja viele. Wer geklagt hatte, durfte also auch am späten Abend öffnen, die anderen nicht. Alkohol durfte nach 23 Uhr niemand mehr ausschenken, verkaufen oder abgeben. Es gab Kontrollen. Aber nicht überall.

Branchenverband Dehoga rät zu Klagen und Demos

Der Branchenverband Dehoga geißelt schon länger das Durcheinander, rief zum Demonstrieren auf und empfahl die Klage. Die Sperrstunde stelle einen „erheblichen Eingriff in die Berufsausübungsfreiheit“ dar. Vielleicht, so die Unterstellung, solle die Sperrstunde ja für immer bleiben. Das wäre dann das Ende der Partystadt Berlin. Vollkommen unakzeptabel. Ein erneuter Lockdown sei das Ende für ein Drittel der Betriebe im Gastgewerbe, hatte der Verband prognostiziert.

Aber was sind die Alternativen? Und wo übernimmt der Einzelne Verantwortung und wo nicht? Hannes Mitterhofer erzählt von einer Frau, oft bei ihm zu Gast, die an einem Abend wütend nach Hause abzog, nur weil er sie an die Maske erinnert hatte. Er hätte ihr den Abend verdorben, habe sie gesagt. „Ja, was soll ich denn da noch machen“, sagt Mitterhofer. Manche Gäste wollten einfach nicht.

Hannes Mitterhofer ist 44 Jahre alt. Er ist in Meran aufgewachsen, in Südtirol. Er kommt aus einer Familie von Gastronomen, wollte aber etwas anderes für sich. Seit dem Jahrtausendwechsel ist er in Berlin. Er hat Sozialpädagogik studiert und auch kurz als Sozialarbeiter gearbeitet. Aber es sei dann doch eine zu große Umstellung für ihn gewesen, sagt er. Jeden Morgen um neun im Büro, das war nicht seins.

2009 öffnete er ein Lokal an der Fichtestraße. 40 Sitzplätze. Es lief wunderbar, sodass er 2014 ein zweites Lokal mit 100 Plätzen öffnen konnte – schräg gegenüber. Mit Corona durfte er nur noch an etwa 25 Plätzen servieren.

Die Fichtestraße sei kulinarisch ziemlich gut entwickelt, sagt er. Es gibt sogar ein Sternelokal. Mitterhofer konzentriert sich auf gute Mittelklasse. Das heißt: gelernte Köche, aber junge ungelernte Kräfte, die Lust haben auf den Job, im Service. So beschreibt er seine Geschäftsidee. Es funktioniert offenbar. Jedenfalls komme er finanziell ganz gut durch die Krise, sagt er. Weil er in den vergangenen zwei Jahren viel verdient und das Geld noch nicht ausgegeben hat.

Wirtschaftlich ist zumachen besser

Und trotzdem leidet er. Wirtschaftlich ist zumachen besser. Weil sich so ein Betrieb in Corona-Zeiten, zumal mit Sperrstunde, ja überhaupt nicht lohne. Miete, Gehälter, Krankenkassenbeiträge, alles läuft weiter, auch wenn die Umsätze sinken. 15 Mitarbeiter sind von seinen Lokalen abhängig. Im Winter wird der Betrieb draußen schwierig. Und drinnen? Ständig lüften, das heißt Heizung auf Vollgas – hohe Heizkosten. „Alkoholverbot und Sperrstunde können wir nicht tragen. Es sind ja schon alle Weihnachtsfeiern und Geburtstage weg, dann die Sechs-Leute-Regel am Tisch. Das ist das Äußerste. Mehr geht nicht“, sagt er.

Hannes Mitterhofer ist ein sehr unkomplizierter Typ. Er findet Lüften für die Gäste durchaus zumutbar. Sollen sie halt eine Jacke anziehen und eine Wollunterhose. Außerdem gebe es ja auch Gäste, die es sogar gut finden, wenn alle Sicherheitsempfehlungen eingehalten werden, ständig gelüftet werde, alle Masken tragen. Sie kämen sonst gar nicht. Die meisten hielten sich an die Regeln in seinen Lokalen, sagt er. Aber es gibt eben auch die anderen, die Angst haben, sich zu erkälten, die das ungemütlich finden. Die dann „Donald Duck“ in die Kontaktliste schreiben.

Lesen Sie auch: Berlins Gastronomen fühlen sich von der Regierung ausgegrenzt >>

Der Job als Kindermädchen, das ständige Gemaule, das nervt ihn. Besonders schwierig sei es aber für die jungen Mitarbeiterinnen, zumeist Studentinnen, dass sie die Gäste ermahnen sollen. „Die trauen sich das doch gar nicht. Da sitzt einer, 50 oder 60 Jahre alt, am Tisch, steht ohne Maske auf und sie, die 20-Jährige, soll dem jetzt sagen, dass er gefälligst das Ding aufsetzen soll“, sagt Mitterhofer. Absurd. Aber so sei es jeden Tag. 40 Prozent der Gäste müsse man ermahnen. Der eine hat die Maske vergessen, der nächste setzt sie erst auf, wenn er schon durch den halben Laden gegangen ist, der dritte guckt zerknirscht und läuft einfach weiter. „Es ist eine klare Ansage, Eintritt nur mit Maske. Was ist daran falsch zu verstehen?“, sagt Mitterhofer. Auf Widerstand trifft er eher bei den Älteren. Die Jüngeren setzten die Maske sofort auf, wenn man sie anspreche.

Eine Frage der Bevormundung

Für die Kontaktverfolgung hat Mitterhofer es mal mit einer App versucht. Das hat er wieder aufgegeben. Niemand wollte seine Daten eintragen. „Die vertrauen mir, aber nicht so einer App. Sie gehen mit Google Maps hierher, aber das wollen sie dann doch nicht“, sagt er. Auch ein Widerspruch, aber er kann die Leute verstehen. Er würde auch lieber dem Wirt einen Zettel in die Hand drücken als im Internet Daten hinterlassen.

Hannes Mitterhofer hat zwei Kinder, eins davon noch im Kindergartenalter. Er wohnt direkt gegenüber von seinem Lokal. Das findet er gut und schlecht gleichermaßen. „Ich liebe den Kiez, ich liebe es, durch die Straßen zu gehen und dass jeder mich kennt. Es gibt Sicherheit auch für meine Kinder. Ich kenne fast jeden hier. Negativ ist, dass meine Tochter sagt, es nervt sie, mit mir auf die Straße zu gehen, weil ich sechsmal stehen bleibe, weil ich angesprochen werde und die Leute wissen wollen, wie es mir geht.“

Der Wirt hat eine eigene Theorie zu Corona und den Regeln. Manchmal erzählen ihm fünf Leute hintereinander, sie hätten ihre Masken vergessen. „Gewisse Menschen können mit dieser Bevormundung nicht leben. Sie sagen: Ich sehe es als nicht sinnvoll an, dass ich für den Weg an diesen drei Tischen entlang eine Maske aufziehe. Sie sagen auch: Das tut nichts hier an der frischen Luft. Und sie sagen: Ich folge dem nicht, weil es mir gegen den Strich geht“, sagt Mitterhofer. Je höher der Promille- und der Bildungsgrad, umso schwieriger werde die Auseinandersetzung.

Lesen Sie auch: Die Angst der Gastronomen vor neuen Corona-Maßnahmen >>

Am Donnerstag, am Tag nach der Verkündigung, fragt sich Hannes Mitterhofer, ob die neueste Entwicklung wirklich schlimmer ist, als das vorher. Als er nur zehn Essen am Tag verkauft hat. Jeden Tag Geld verlor. Seine Wut hat sich ein bisschen abgekühlt. „Ich habe zum ersten Mal wieder durchgeschlafen seit langer Zeit. Denn jetzt weiß ich, es ist zu“, sagt er. Das Hilfspaket – eine staatliche Finanzspritze von 75 Prozent seines Verdienstausfalls – sieht er jetzt als gute Sache. Dass er dafür zumachen muss, als Gegenleistung. Ein Deal also. Nur ein Deal? „Natürlich kommen langfristige Schäden. Irgendwann ist der Ofen aus. Das Geschäft geht kaputt“, sagt er.

Und was wird er nun machen, im neuen Lockdown? „Erholen“, sagt Mitterhofer. Er hat ein Wohnmobil. Es steht ein paar Meter die Straße runter in einer Parklücke. Beige. Ein älteres Modell. Er könnte einfach einsteigen und davonfahren, wenn alle Lokale schließen müssten. Aber reisen darf er ja auch nicht.

Und eigentlich will er ja auch gar nicht. Er liebt sein Leben an der Kreuzberger Fichtestraße. Zumachen ist keine Option. Er tut es nur, weil er muss.