Bis vor sieben Jahren galt Elisa Chirino als eines der hoffnungsvollsten Turntalente in Deutschland. Foto:  Dajana Rubert

Schicksal? „Daran glaube ich nicht“, sagt Elisa Chirino. „Sonst müsste ich ja auch daran glauben, dass das ganze Leben von einer höheren Kraft vorhergeplant ist. Aber mein Leben, das kann ich doch selbst in die Hand nehmen, es beeinflussen.“

Elisa sitzt in ihrem Spezial-Rollstuhl: grünes Metall, die Lehne schwarz, gepolstert, zurechtgebogen, damit sie Elisa optimal stützen kann.

Auf dem Schoß der 23-Jährigen liegt das Smartphone, das mit einem kurzen, glockenklaren Ton in regelmäßigen Abständen die Aufmerksamkeit der jungen Frau fordert. Dann wischt sie mit dem Knöchel ihres rechten Zeigefingers über das Display, schreibt so Antworten auf Chat-Nachrichten. Ein Stück Normalität. Davon hat Elisa nicht mehr viel. Heute, am 25. März jährt sich der Tag, der alles veränderte, zum siebenten Mal. Und auch wenn sie versuchen will, dem Datum so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken - ganz spurlos wird dieser Donnerstag nicht an ihr vorbeigehen.

Ein letztes Zucken

Bis vor sieben Jahren galt Elisa Chirino als eines der hoffnungsvollsten Turntalente in Deutschland. Sie war gerade Dritte bei der Deutschen Meisterschaft der Frauen im Sprung geworden. Die Olympischen Spiele hatte sie fest im Blick. Und sie hatte realistische Chancen darauf.

Es ist das zweite Training an diesem verregneten 25. März 2014, die letzte Übung, der letzte Abgang: Elisa turnt am Stufenbarren, doch schon beim Loslassen des Holms merkt die 16-Jährige, dass etwas nicht stimmt. Statt auf ihren Füßen zu landen, schlägt sie mit dem Kopf auf dem Boden auf.

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Sofort ist ihr bewusst, dass gerade etwas ganz Schlimmes passiert sein muss. Sie spürt ihren Körper nicht, liegt auf dem Bauch, den Kopf zum rechten Arm gedreht, sie sieht die Finger ihrer Hand zucken, ein letztes Zucken, als hätte jemand ihren Körper abgeschaltet, den Stecker gezogen.

„Natürlich frage ich mich, warum es ausgerechnet mir passiert ist, aber ganz ehrlich: Die Antwort darauf werde ich niemals bekommen“, sagt Elisa heute. „Letztendlich kann jedem in jeder Situation das Schlimmste passieren. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die wie ich im Rollstuhl sitzen: Der eine ist im Winter vor die Tür gegangen, ausgerutscht, und dem geht es seitdem schlechter als mir. Ein anderer, ein junger Fußballer, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, ist bei einem Hallenturnier gegen eine Wand gelaufen. Das passiert sicher hundertmal bei jedem einzelnen Turnier. Aber für ihn war es der Moment, der sein Leben für immer veränderte.“

Was macht man in einem Club, wenn man nicht tanzen kann?

Auch für Elisa ist seit diesem Tag im März 2014 nichts mehr, wie es einmal war. Fast zwei Jahre liegt sie stationär im Krankenhaus.

Danach geht es nicht zurück in die Wohnung ihrer Mutter, denn die ist nicht barrierefrei. Gut 90 Quadratmeter in Lichtenberg werden zur neuen Bleibe der zierlichen Frau. Dabei hatte sie sich die Sache mit der ersten eigenen Wohnung so anders vorgestellt. „Ich wohne eben doch nicht wirklich alleine. Und werde es auch nie.“

Ihr 18. Geburtstag, knapp 14 Monate nach dem Unfall, ist trotzdem einer der Tage, den sie wohl niemals vergessen wird. Ein Bett, ein Tisch, eine Couch, die Lehrer ihrer Schule für diesen einen Tag extra nach Lichtenberg gebracht hatten. Dazu ein paar mit Helium gefüllte Luftballons in Sternenform. Mehr nicht.

„So sah meine Wohnung aus, als ich damals zum 18. Geburtstag zum ersten Mal für eine Nacht das Krankenhaus verlassen durfte“, erzählt Elisa. „Meine Familie war bei mir. Am Abend waren wir in einer Sky-Bar eines Berliner Hotels mit einem fantastischen Blick über die Stadt. Danach bin ich mit meinen beiden älteren Schwestern und einem Kumpel in einen Club gegangen.“

Was macht man in einem Club, wenn man nicht tanzen kann?

„Wer sagt denn, dass ich nicht tanzen kann?“, sagt Elisa mit einem Lächeln im Gesicht. „Ich tanze vielleicht nicht mehr wie ein Fußgänger. Aber das geht schon.“ Sie bewegt die Schultern im Rhythmus auf und ab und lacht dabei. „Okay, mit etwas Alkohol geht es natürlich noch ein bisschen besser.“

Fast noch besser aber war, dass am nächsten Morgen alle ihre Liebsten - die besten Freunde und die Familie - mit ihr in einem Café auf ihren Geburtstag angestoßen haben. „Ein Besuch in einem Café - das ist doch eigentlich nichts Besonderes. Aber ich war so erfüllt mit Freude und positiver Energie. Dieses Gefühl kannte ich nicht von der Zeit vor dem Unfall. Diese innere Wärme habe ich noch nie zuvor gefühlt.“

Das Leben ist nicht selbstverständlich

Überhaupt habe sie Kleinigkeiten schätzen gelernt. Das Leben ist nicht selbstverständlich. Nichts im Leben ist selbstverständlich, wenn man als Teenager neu lernen muss zu atmen, zu schlucken, zu sprechen, wenn man für jeden Schluck eines Getränkes einen Strohhalm braucht, den Donut, der vor einem liegt, nicht einfach in den Mund stecken und davon abbeißen kann.

Wioletta Ferenc, Krankenschwester seit über dreißig Jahren, reicht Elisa das runde Hefegebäck. Seit drei Jahren ist die gebürtige Polin im Pflegeteam der Ex-Turnerin. Die Balance zwischen Hilfe und Privatsphäre ist ein Drahtseilakt - jeden Tag aufs Neue. Rund um die Uhr wird „Elli“ betreut. Ständig ist jemand an ihrer Seite. „Natürlich teile ich besonders schöne Momente lieber mit Freunden oder mit der Familie als mit einer Pflegekraft“, sagt Elisa. Ins Kino gehen, zum Beispiel. Auf Festivals. Zu Konzerten.

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Oder das Erlebnis, im See zu baden. Was für die meisten jungen Menschen so normal ist wie die Luft zum Atmen, ist für Elisa eines der großen Highlights der letzten Jahre. Freunde hatten sie im vergangen Sommer abgeholt, sie fuhren mit ihr zum Schlachtensee. Ein Kumpel trug sie ins Wasser und hielt sie an den Schultern fest.

„Das war wirklich toll. Im Wasser fühlt sich der Körper ganz anders an.“

Sitzt seit sieben Jahren im Rollstuhl: Elisa Chirino. Foto: Dajana Rubert

Ein Glücksgefühl, das ihr Madeleine Felix bald öfter bescheren will. Eine Therapie im Schwimmbecken des Unfallkrankenhauses ist angedacht. „Das hilft dem kompletten Körper. Mal nicht nur zu sitzen oder zu liegen - das regt den Kreislauf an. Die Organe haben mehr Platz, müssen auch wieder mehr arbeiten. Das Herz muss gegen die Schwerkraft pumpen“, erklärt die Physiotherapeutin. „Wir sind noch lange nicht fertig, wir haben noch viel vor. Nicht wahr, Elisa?“

Vor einigen Wochen hatte sie eine Liege besorgt, auf der die Therapeutin die Ex-Turnerin und andere querschnittsgelähmte Patienten fixieren und damit hinstellen kann. Auch das ist etwas ganz Besonderes. Die Freude darüber steht Elisa ins Gesicht geschrieben, wenn sie von der Horizontalen in die Vertikale gefahren wird. Die Beine werden kurz von der Therapeutin korrigiert, der Rumpf auch. Steht die Patientin gerade? Passt alles? Dann los: Schattenboxen und Luftballon spielen, bis der Kreislauf schlapp macht. Das stärkt den Rumpf und macht noch dazu Spaß.

Zehn Minuten hält Elisa diesmal durch, so lange wie noch nie zuvor. Zehn Minuten, die auch die Perspektive verändern, die Elisa auf Augenhöhe bringen und ihr ein, wenn auch vorübergehendes, Gefühl von Standfestigkeit vermitteln.

Neben Physio- und Ergotherapie steht zweimal in der Woche Sporttherapie auf dem Programm. Eine kleine „Muckibude“ versteckt sich neben den Gängen des Unfallkrankenhauses, in dem Elisa im Reha-Zentrum vor allem daran arbeitet, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten und zu verbessern.

Ärzte haben Elisa Chirino von Beginn an kaum Hoffnungen gemacht

„Das ist ein bisschen wie früher. Hier im Kraftraum denke ich oft an meine Zeit im Leistungssport zurück. Wir waren als Trainingsgruppe oft im Kraftraum, haben gern auch einmal Quatsch gemacht, wenn der Trainer nicht hingeschaut hat“, erzählt sie, während der Sportwissenschaftler Dennis Springer ihr die blauen Handmanschetten, in denen die Seile des Zugturmes eingeklickt waren, gegen schwarze Bandagen tauscht.

Ran ans nächste Gerät. Beine bewegen, wenigstens passiv. Auf einem speziellen Sitz-Cross-Trainer steuern die Arme die Bewegung der unteren Extremitäten. „Das sieht doch cool aus, oder?“, sagt Elisa. Denn spüren kann sie nichts von dem, was mit ihren Beinen passiert.

Dass das Gefühl in den Beinen zurückkommt, ist ausgeschlossen. Von Anfang an haben ihr die Ärzte wenig Hoffnung gemacht, dass verloren gegangene Fähigkeiten zurückkehren könnten.

Und so sind kleine Fortschritte für Elisa große Erfolge. Einen für sie speziell zurechtgebogenen Löffel kann sie eigenständig zum Mund führen und somit Mahlzeiten selbstständig zu sich nehmen. Dank des Smartphones bleibt sie in Kontakt mit Freunden.

„Auf große Sprünge hoffe ich aber nicht. Auch wenn die Forschung dran ist und versucht, die getrennten Nerven von Querschnitts-Patienten wieder zu verbinden, kann ich daran nicht glauben. Für mich käme das wohl eh zu spät. Und ein Versuchs-Kaninchen würde ich nicht sein wollen. Eine OP mit Risiko würde ich nicht eingehen“, erklärt Elisa.

Aufrecht stehen kann Elisa Chirino nur, wenn sie festgeschnallt ist. Foto: Dajana Rubert

Zurück vom Training, zu Hause in den eigenen vier Wänden, ist Elisa k.o., aber glücklich. Dieses Gefühl, sich ausgepowert zu haben - das sei nach wie vor ein ganz besonders schönes. Ein bisschen etwas von dem zu haben, was früher war - das bedeutet Sport für sie heute.

„Ich träume noch immer viel vom Turnen.“

„Ich träume noch immer viel vom Turnen. Ich träume vom Training, von bestimmten Elementen, die ich korrekt ausführen will. Ich hoffe, diese Träume kann ich mir noch lange bewahren“, sagt sie. Natürlich sei es ein „krasser“ Cut, wenn sie aufwache und wieder in der Realität sei. „Aber ich finde es schön, in meinen Träumen zu turnen. Denn nur auf diese Art und Weise kann ich das immer wieder erleben.“

Dem Turnen ist sie als Zuschauerin treu geblieben, dem Sport, der zwölf Jahre lang ihr Leben war, und dem Sport, der ihr Leben so drastisch veränderte. Drei Bilderrahmen mit Fotos aus Kindheitstagen stehen auf einer Anrichte im Wohnzimmer. Mit ihren ehemaligen Vereinskameradinnen fiebert sie bis heute mit, freut sich über gelungene Küren und ärgert sich über vermasselte Elemente.

Die Turn-Familie gebe ihr nach wie vor großen Halt, sagt Elisa. Dass das irgendwann nicht mehr so sein könnte, weil der Abstand mit den Jahren größer wird, davor hat sie ein wenig Angst.

Auch deshalb denkt sie in kleinen Etappen. Im vergangenen Sommer hat sie ihr Abitur gemacht, an der Schule, in die sie schon vor dem Unfall ging, dem Sport-und-Schulleistungszentrum Berlin. Ihre Prüfungen hat sie selbst geschrieben. Dabei wird der Stift in die gekrümmten Finger geklemmt, da sie diese nicht mehr bewegen kann. Die Bewegung kommt aus der Schulter. Viel Übung und Fleiß, dazu ein bisschen Extra-Zeit im Vergleich zu den Mitschülern, haben es ihr ermöglicht, in über sechs Stunden eine Englisch-Leistungskurs-Klausur zu schreiben, für die sie letztlich mit einer glatten Zwei belohnt wurde. Auch in ihrem zweiten Leistungsfach, Biologie, war sie eine der Besten.

Auf ihrem Handy tippt Elisa Chirino mit dem Fingerknöchel.  Foto: Dajana Rubert

„Ich bin verdammt stolz darauf, wie sie das alles meistert“, sagt Heike Chirino, Elisas Mama.

Oft ist sie für ihre Tochter da, überbrückt auch Zeiten, in denen der Pflegedienst keine Arbeitskraft für Elisa hat.

„Trotz aller Rückschläge hat sich Elisa durchs Abitur gekämpft und dabei sogar richtig gut abgeschnitten“, sagt Heike Chirino. „Es war nicht leicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Und Elisa musste auch ein paar Abstriche bei den Therapiezeiten machen. Das hätte ich gern anders gesehen.“

Ihre Tochter will aber eben nicht, dass sich alles nur um die Beeinträchtigung dreht. Im Gegenteil: Das, was geht, und das, was sie kann, will sie voll auskosten. Sie will reisen: Kalifornien, Südamerika und Australien stehen ganz oben auf der Liste der Wunschziele.

Mit Pinsel und Farbe kommt Elisa Chirino zur Ruhe

Zum Geburtstag im Mai - das wünscht sich Elisa - wäre ein Kurztrip nach Spanien ein Traum. Es bedeutet eben viel mehr Organisation und verursacht auch höhere Kosten, die Welt im Rollstuhl zu entdecken. Je nach Dauer der Reise muss wenigstens eine Pflegekraft dabei sein, dazu Freunde oder die Familie. Aber möglich ist vieles.

Als neues Hobby hat Elisa das Malen für sich entdeckt. Mit Pinsel und Farbe kann sie sich ausdrücken, kreativ sein. Vor allem aber kann sie abschalten, wenn sie einmal wieder zu viele Termine auf einen Schlag hatte.

Auf ihrem Schreibtisch liegen Leinwände, manche schon teilweise bemalt. An der Wand hängen Bilder im selben Format, auf denen grüne Tannen vor hohen Bergen stehen. Der Himmel ist strahlend blau. Und als wolle die Künstlerin damit sagen „Wenn dich dein Leben nervt, streu Glitzer drauf“, hat jedes ihrer Bilder ein bisschen etwas von dem Funkel-Staub. Die Bergspitzen zum Beispiel. Glitzer ist ihr Markenzeichen geworden - zumindest in der Kunst.

Zum Wintersemester will Elisa ein Psychologie-Studium beginnen, später will sie als Sportpsychologin arbeiten. Ein normaler Alltag? Normale Arbeit?

Die Schranken im Kopf haben meist die anderen, nicht ich.

Elisa Chirino

„Die Schranken im Kopf haben meist die anderen, nicht ich. Ich kenne einen Mann, der auch im Rollstuhl sitzt, auf derselben Höhe querschnittsgelähmt ist wie ich - der hat sogar eine eigene Praxis. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich aufgrund meiner Erfahrungen aus dem Leistungssport anderen Sportlern eine gute Beraterin sein kann. Ich kann mich in die Situation meines Gegenübers gut hineinversetzen“, erzählt Elisa selbstbewusst.

Manchmal wünscht sie sich einen menschlicheren Umgang mit ihrer Situation. Wer unsicher ist, solle einfach fragen. Wer sie auf der Straße trifft, kann sie ansprechen, nicht ihre Begleiter, wie es so oft der Fall ist. Schließlich habe sie auch keine Hemmungen, um Hilfe zu bitten, wenn der Fahrstuhl am U-Bahnhof mal wieder nicht funktioniert. Und meistens finden sich auch ein paar junge Männer, die sie hinauf- oder heruntertragen.

Elisa igelt sich nicht ein. Immer wieder mal sagt sie diesen Satz: „Nur weil ich im Rollstuhl sitze, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht reden kann. Körperlich beeinträchtigt zu sein, heißt doch nicht, geistig eingeschränkt zu sein.“ Ein Grund, sich gehen zu lassen, ist das auch nicht. Ihre Haare sind hübsch zurechtgemacht, die Mascara trägt sie allein auf. In der Drogerie verbringt sie die meiste Zeit mit der Auswahl eines neuen Lippenstiftes.

Kleidung shoppt sie im Internet. „Da habe ich eine größere Auswahl. Und ich bin nicht auf Hilfe angewiesen.“ Während im Laden alles eng an eng hängt - danach greifen kann Elisa nicht - , zeigen Online-Shops jedes Teil aus verschiedenen Perspektiven. Und was nicht passt, kann zurückgeschickt werden. „Es gibt mir ein gutes Gefühl, durch das Einkaufen im Internet etwas selbstständiger zu sein“, sagt Elisa.

Auf ihrem Smartphone wischt sie von Foto zu Foto: „Das war mein Kleid zum Abi-Ball. Das habe ich auch aus dem Internet.“ Weiß, bodenlang, mit Spitze. Die junge Frau mag es schick und elegant. Aber auch ein sportlicher Look ist okay - vor allem an den Tagen, an denen sie Therapien hat.

Für Absatzschuhe ist der Rollstuhl zu unpraktisch

Und es gibt noch so ein Mädchen-Thema, an dem Elisa nicht vorbeikommt: Das Thema „Schuhe“. Die braucht man theoretisch nicht so oft neu zu kaufen, wenn man in ihnen nicht läuft. Elisa macht das aber trotzdem ab und zu. „Ich würde sehr gerne mal Absatzschuhe tragen. Das ist aber doof, weil das Trittbrett des Rollstuhls zu kurz ist. Der Hacken würde dann auf dem Boden schleifen“, sagt sie. „Also trage ich Turnschuhe, die sind ja auch ganz cool. Und ich kann mir weiße Sneakers gönnen. Im Gegensatz zu Fußgängern muss ich die nämlich nie putzen.“ Sie lacht herzlich.

Es ist vermutlich auch ihre positive Energie, die ihrer Familie den Umgang mit dem Schicksalsschlag erleichtert. Mama Heike ist momentan sehr oft bei ihrer Jüngsten. „Natürlich muss man nach vorn gucken, das mache ich auch. Aber mich persönlich holt der Moment, als es passiert ist, immer wieder ein. Wir sind mittlerweile in ein Leben mit Rollstuhl hineingewachsen und in all die Sachen, die damit zusammenhängen. Aber wenn ich manchmal sehe, wie hilflos Elisa ist, das zieht mich runter. Ich kann nicht sagen, dass jeder Tag schön ist.“

Natürlich nicht. Auch nicht für Elisa selbst. Aber sie hat eben nicht verlernt, zu kämpfen. So wie sie es einst am Schwebebalken oder beim Sprung getan hat. Annehmen werde sie ihr Schicksal, das sie selbst so nicht nennen möchte, wohl nie, sagt Elisa. Aber das Beste daraus zu machen, das hat sie in den vergangenen fünf Jahren gelernt. Und so verliert das Wort Schicksal auch seine bedrohliche Bedeutung. Das Leben im Rollstuhl ist jetzt ihr Leben. Sie hat nur dieses.