Eine irre Vorfreude auf das Berlin nach der Krise.   Foto: dpa

Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, welcher der letzte normale Tag war. Es gelang nicht. Irgendwann nach dem Winterurlaub ist die Welt wie wir sie kannten, zerbröselt.

Doch jetzt, nach Wochen im Ausnahmezustand, dringen die kleinen Dinge und auch die großen, die wir vermissen mit Beharrlichkeit an die Oberfläche unseres mal verängstigten, und doch immer wieder trotzig, mutigen Bewusstseins. Aus Vermissen wird an schlechten Tagen ein ziehendes Sehnen. An guten eine irre Vorfreude auf ein Danach, das anders sein wird. KURIER-Redakteure erzählen, worauf sie sich freuen, wenn dieser Ausnahmezustand endlich ein Ende hat.

Meine Großmutter feiert im Sommer ihren 90. Geburtstag. Ich möchte sie zu ihrem Ehrentag umarmen dürfen. Und zusehen, wie ihre Urenkel durch den Festsaal wuseln. Und wenn das nicht geht, dann muss es eben zum 91. eine Riesensause geben. Heute beim Frühstück bin ich mit dem Finger auf dem Stadtplan von Venedig den Bogen des Canale Grande abgefahren. Ein großes Fragezeichen, dem ich sobald es wieder möglich ist, das Ausrufezeichen eines Urlaubs in Italien entgegensetzen werde. Ich freue mich so sehr darauf, mit den Augen meiner Kinder die weite Welt zu entdecken. Wonach lechzt ihr, wohin sehnt ihr euch?, frage ich meine Kollegen.  

Der ganz normale Alltag wird auf einmal Sehnsuchtsort

Robin Schmidt kam nach Berlin, als die Krise sich schon anbahnte. Die frühlingserwachende Stadt mit all ihren bunten Facetten kennenlernen, jeden Winkel zu erkunden, das musste er nun erst einmal aufschieben. „Als Neu-Berliner freue ich mich darauf, endlich die vielfältigen Genusstempel in der Stadt auskosten zu können. Mein Plan ist es, einige Tage hintereinander nur essen zu gehen. Ich hoffe, dass alle Berliner Traditionsgaststätten überleben werden. Wenn ich obendrein wieder problemlos meine Freunde in Köln, München und meiner hessischen Heimat besuchen kann, ist das Glück perfekt.“  

Mein Kollege Norbert Koch-Klaucke schreibt: „Ich vermisse die Seen, das Meer, das Kreischen der Möwen. Hoffentlich ist die Corona-Krise im Sommer vorbei. Dann werde ich mit meiner Familie an die Ostsee fahren, am Strand liegen und unser neues Schlauchboot ausprobieren. Natürlich ist die Angel mit an Bord, um in den Boddengewässern ein paar leckere Fische für das Abendbrot zu angeln. Ein großer Hecht oder Zander wäre der Traum.“ Wir, die wir uns sonst im Großraumbüro gegenüber sitzen, winken uns wild beim Videoanruf zu, ich habe einen Kloß im Hals.

„Wenn dieser Wahnsinn vorbei ist, gehe ich mit meinen Freundinnen zu meinem Lieblingsitaliener Flavio. Endlich wieder einen unbeschwerten Abend dort verbringen“, danach sehnt sich Kerstin Hense. Ins Sportstudio gehen, zum Friseur, zur Kosmetikern. Der ganz normale Alltag wird auf einmal Sehnsuchtsort. „Ich freue mich auf die verschobene Reise nach Mallorca mir meiner Mutter“, schreibt Kerstin weiter und: „Fühl dich gedrückt“. Glück ist der Zustand den man nicht spürt, sagt Tucholsky.

Für Florian Thalmann sind es Freunde in der Berliner Kleinkunst-Szene – Zauberer, Artisten, Sänger, Schauspieler, Travestie-Künstler um die er sich sorgt.  „Viele wissen nicht, wie sie in einem Monat noch ihre Miete zahlen sollen. Wenn die Krise überwunden ist, hoffe ich, dass viele von ihnen trotzdem wieder Fuß fassen können. Dass kleine Theater und Veranstaltungsorte die schwierige Phase überleben, denn Unterhaltung tut der Seele gut. Ich hoffe, dass ich bald wieder mit einem Prosecco in der Hand all denen zujubeln kann, die derzeit um ihre Existenz bangen“, sagt er.  „The show must go on“ – hoffentlich auch dieses Mal.

„Die Taufe meiner Tochter wird nachgeholt. Jetzt planen wir ein rauschendes Fest."

Christian Gehrke musste die Taufe seiner kleinen Tochter wegen Corona verschieben, „Ich denke, dass wir Dinge, die früher selbstverständlich waren, dann richtig genießen werden“, sagt er am Telefon. „Ich freue mich riesig auf den ersten Kaffee und das erste Bier mit Freunden. Die Taufe wird nachgeholt. Ohne Corona wäre es vielleicht eine normale Familienfeier geworden. Jetzt planen wir ein rauschendes Fest. Ich freue mich schon.“

Endlich wieder planen können, möchte Jens Blankennagel. „Derzeit wissen wir nicht mal, ob wir nächste Woche wieder auf die Straße dürfen, geschweige denn, wann der nächste Urlaub stattfinden kann. Die Osterreise an die Ostsee fällt aus, ob wir im Sommer in die Alpen dürfen, weiß niemand. Auch nicht, ob wir die Ostseereise im Herbst nachholen dürfen. Unsere Vermieter haben uns dazu eingeladen. Wir würden gern zusagen.“