Melis Hasse in ihrer Boutique mit Mundschutz.  Foto: Volkmar Otto

Der Frühling und Sommer versprach farbenfroh und frisch zu werden. Die Berlinerinnen Sübi Olmaz und Melis Hasse orderten Kleider in Rosa, Rot, Lila, Grün, Hellblau und Pink. Die Ware packten Mutter und Tochter erst gar nicht aus. Corona setzte die Boutique-Chefinnen Schachmatt. So langsam läuft es wieder, doch die zwei haben 70 Prozent ihres Umsatzes eingebüßt. Sie sind kein Einzelfall, die Textilbranche leidet immens, vielen droht die Insolvenz. Eine Zeitenwende.

Sübi Olmaz ist in Charlottenburg geboren und aufgewachsen. Dort, wo heute auf der Wilmersdorfer Straße die Arcaden mit den vielen Geschäften hochgezogen worden sind, stand früher Quelle. Einmal im Monat suchten sie und ihre Brüder sich etwas in der Spielzeugabteilung aus. Papa spendierte.

„Wir sind mit erhobenem Haupt mit unseren Tüten nach Hause gekommen.“ Sie lächelt. Hertie gab es – unten an der Bismarckstraße. „Es war eine sehr schöne Einkaufsstraße mit tollen Geschäften“, erinnert sie sich.

Der Einzelhandel rechnet mit 50.000 Insolvenzen

Doch das Warenhaus schloss genauso wie Quelle. Es überlebten der Feinkostladen Rogacki und ein Märklin-Spielzeug-Einzelhandelsgeschäft.

Heute sterben die Geschäfte wieder. Der Pleitegeier kreiste erst über der Branche, jetzt setzt er zur Landung an. Große Unternehmen wie Karstadt und Esprit schließen Läden, Tausende Menschen stehen auf der Straße.

Der Einzelhandelsverband rechnet in den nächsten Monaten mit bis zu 50.000 Insolvenzen. Die Verluste werden auf 30 Milliarden geschätzt. Viele trifft es wegen der hohen Mieten und weil sie keine Rücklagen haben. Hält die Talfahrt an, müssen Mutter und Tochter nach neuen Lösungen suchen.

Es ist, als habe jemand den Stecker gezogen und das Karussell steht still. Seit Jahren dreht sich die Modewelt immer schneller, wöchentlich jagt ein Trend den nächsten. Vor Corona sind etwa 10 Millionen Modeartikel täglich verkauft worden, so die Textilbranche. 60 Teile leistet sich ein Bundesbürger im Schnitt pro Jahr. Sübi Olmaz rannte leidenschaftlich mit. „Mode ist Balsam für die Seele, sie tut ihr einfach gut“, sagt sie. „Mit 20 fing es bei mir an. Ich liebe Kleider, neue Farben und Muster.“

Sübi Olmaz: „Ich mache mir viele Gedanken.“ Foto: Volkmar Otto

Momentan sitzen Mutter und Tochter auf einem Kleiderberg – so wie der gesamte Handel. Viele Unternehmen entsorgen die Klamotten. Die Händler könnten sie gemeinnützigen Vereinen spenden, um Notleidende zu versorgen. Doch dafür müssten sie pro Stück etwa vier Euro Umsatzsteuer zahlen. Verbrennen ist kostenlos. Sübi Olmaz und Melis Hasse würden es nicht übers Herz bringen. „Wir gehen lieber im Preis noch mehr runter“, sagt die Mutter.

Wir haben ja keinen Einblick, was kommt.

Melis Hasse

Im März verstauten die zwei ihre 600 bestellten Kleider, Blusen, Röcke, Hosen und Shirts in einem kleinen Lager. Sie schlossen die Tür ihrer Boutique hinter sich zu und verzogen sich verunsichert und besorgt in ihren Wohnungen. Sübi Olmaz stürzte sich auf ihre Terrasse, pflanzte Blumen, Kräuter und Stauden, stutzte Hecken und fegte die Fließen. Zwei Wochen später langweilte sie sich und stellte sich dabei oft die Frage, wie es weitergeht. Privat wie beruflich. Aber auch wie es um ältere Menschen steht, die alleine zu Hause sind. „Ich habe mir viele Gedanken gemacht“, sagt sie.

Ihrer Tochter erging es ebenso. Aber sie freute sich auch, endlich mehr Zeit für ihr Baby zu haben. „Ich habe es genossen, weil ich einen Monat nach der Geburt wieder im Laden stand. Alles andere habe ich etwas vernachlässigt“, sagt sie. Das Online-Geschäft liegt ihr am Herzen. Sie will es nun ankurbeln, um in Zukunft gewappnet zu sein. „Wir haben ja keinen Einblick, was kommt und vor allem, wie lange die Krise andauert.“

In diesem Jahr ist die Kollektion der zwei Berlinerinnen besonders farbenfroh.  Foto: Volkmar Otto

Sübi Olmaz und Melis Hasse führen seit dreieinhalb Jahren den Multilabel-Store LaMiaCosa in den Wilmersdorfer Arcarden. Vorher waren sie in einem Modegeschäft angestellt. Sie bieten keine Massenware an, nur ausgewählte Designer und bestellen immer nur drei bis vier Größen eines Kleides.

Ein Zuckerschlecken war es nie. Erst rückten in der Einkaufspassage die Bauarbeiter an, bohrten und sägten den ganzen Tag, um die Einkaufsmeile aufzuhübschen. Dem trotzten Mutter und Tochter noch. Ebenso den Online-Händlern sowie den Geiz-ist-geil-Geschäften. Corona gab ihnen dann allerdings den Rest.

Melis Hasse: „Im Januar und Februar lief es bestens. Im Mai, nachdem wir wieder öffnen konnten, ebenso.“ Im Juni erlebten sie eine Flaute. Inzwischen sind die Soforthilfen vom Land aufgebraucht.

Ihre Klamotten, die sie im vergangenen Jahr für die diesjährige Frühjahrs- und Sommersaison  eingekauft haben, verkaufen sie im Moment im Sale. Kleider von den Münchner Geschwister-Designerinnen Ana Alcazar kosten jetzt nicht mehr um die 168 Euro, sondern 100. Manche Designer nahmen sie aus ihrem Repertoire, weil diese in der Corona-Zeit pleitegegangen sind.

Es läuft schleppend. Kunden kommen in den Laden, schauen kurz und sind weg. „Uns retten Stammkunden, sie sind uns treu geblieben. Und dafür sind wir ihnen überaus dankbar“, sagt Melis Hasse. Sie hat Verständnis dafür, dass viele sparen. „Wir sind ja nicht die Einzigen, die die Krise in gefährliche Zeiten geschleudert hat.“ Die gesenkte Mehrwertsteuer habe momentan keine Konsumlaune entfacht.

Sübi Olmaz mit ihrer Tochter Melis Hasse.  Foto: Volkmar Otto

Nach dem Mauerfall fühlten sich viele frei, heute eingeschlossen.

Sübi Olmaz 

Sübi Olmaz lernte Einzelhandelskauffrau. Neben ihr saßen Schüler aus Ost-Berlin. Vorher war sie mit Menschen hinter der Mauer nicht in Berührung gekommen. „Es war aufregend, wie sie und wie wir gelebt haben. In West-Berlin lebten wir wie Insulaner, die sich ausgezeichnet eingerichtet hatten. Trotzdem erfasste uns eine Euphorie, nachdem die Mauer gefallen war. Ich fand es irre, dass wir keine geteilte Stadt mehr waren.“

Viele Menschen strömten in ihr beschauliches Charlottenburg. Bananen und Hühnereier waren ausverkauft. „Und Schaumküsse, beispiellos.“ Das kannte sie sonst nur von älteren Generationen, in deren Vorratskammern niemals Eier, Milch und Mehl fehlen durften.

Sieht sie Parallelen zu der Corona bedingten Zeitenwende? Sie lacht: „In der gegenwärtigen Zeit ist Klopapier ausverkauft.“ Fügt hinzu: „Auf jeden Fall. Nur damals haben viele anfangs die neue Freiheit genossen. Im Moment fühlen sie sich eingeschlossen. Es gibt keine Mauer, aber eine unsichtbare Gefahr, die uns einsperrt.“

Sübi Olmaz ist die Tochter einer Gastarbeiterfamilie. 1972 setzte sich ihre Mutter in Istanbul in einen Zug, und reiste mit einem Koffer und einer Tasche nach Berlin. 1974 folgte ihr Mann, der als Schlosser arbeitete. Beide malochten im Schichtdienst. „Meine drei Brüder und ich waren Schlüsselkinder der 80er-Jahre“, lächelt die 46-Jährige.

Es darf nicht sein, dass Krisen wie die jetzige die Menschen weiter entzweit.

Melis Hasse

1990 kam Melis zur Welt, sechs Jahre später ihr Bruder. „Ich habe mich in der Stadt immer wohlgefühlt.“ Sie habe sich nie fremd gefühlt.

Jetzt beobachten Mutter und Tochter, dass die Pandemie die Menschen verändert hat. Sübi Olmaz: „Im Positiven wie im Negativen. Manche öffnen sich, andere haben nur sich im Sinn. Krisen zeigen die wahren Gesichter.“ Sie bemerken außerdem eine zunehmende Ausländerfeindlichkeit.

Melis Hasse nickt: „Es darf nicht sein, dass Krisen wie die jetzige die Menschen weiter entzweit. Ich bin und bleibe optimistisch. Es wird besser, das sage ich mir jeden Tag. Wir streben alle das gleiche an: Keine Masken tragen, zusammen und frei sein. Ich schätze Selbstverständlichkeiten mehr. Und meine Mutter und ich sind dankbar, dass unsere Liebsten gesund sind.“

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