Gute Beelitzer Familientradition: Gerhard Jochen rückt im Jahr 1995 zur Spargel-Ernte aus. Foto: Bernd Friedel

Im Frühling sind alle heiß auf Spargel aus Beelitz. Das „weiße Gold“ des Ostens ist ein Genuss – und ein Stück Geschichte. Das weiß niemand besser als Landwirt Gerhard Jochen (69), Spross der Beelitz-Dynastie Jochen. Vater Horst war in der DDR der „Herr des Spargels“. Er leitete in Beelitz die LPG, sein Lebenswerk. Dort züchtete er das Gemüse, das Wessis neidisch machte.      

Beschauliches Spargel-Business

Spargelbauer Jochen junior sitzt in der Sonne und blättert in alten Fotos. Er denkt gern zurück an die Zeiten, in denen das Beelitzer Spargel-Business beschaulicher war als heute. „Mein Vater Horst gründete 1960 die LPG und wurde ihr Vorsitzender“, sagt Gerhard Jochen. Dem Senior war der Spargel Herzenssache, obwohl alle Welt damals eher in Kartoffeln und Getreide die Zukunft sah.

„Mein Vater schrieb sogar seine Ingenieursarbeit über den Spargelanbau in Beelitz“, sagt Gerhard Jochen. Der Senior war nicht nur Spargel-Praktiker, sondern auch wissenschaftlicher Vordenker.

LPG-Vorsitz war große Ehre

Gerhard Jochen kutschiert als kleiner Junge über die Felder.
Foto: Bernd Friedel (Repro)

Vater Horst Jochen ereilte nicht ohne Grund die Ehre, den LPG-Vorsitz zu übernehmen. Er hatte große Erfahrung als Landwirt und schon 1944 den Traditionshof der Familie übernommen. Sein eigener Vater hatte sich mit den Nazis angelegt, wurde festgenommen – und starb unter bis heute ungeklärten Umständen.

„Unsere Familie ist Beelitz schon lange verbunden“, sagt Gerhard Jochen. Sie sehe sich – wenn auch nicht durch Verwandtschaft – in der Tradition des legendären Carl Friedrich Wilhelm Herrmann. Der hatte 1861 den Spargel nach Beelitz gebracht – 100 Jahre, bevor Horst Jochen als LPG-Chef oberster Spargelbauer wurde. 

SED beschloss Fünfjahresplan 

„Die LPG produzierte pro Jahr 30 Tonnen Spargel auf etwa 15 Hektar Fläche“, so Gerhard Jochen. Doch die SED hätte es gern größer gehabt. Im Fünfjahresplan 1971 – 1975 wurde auf Beschluss des 8. Parteitags der SED festgelegt, dass 750 Tonnen auf 250 Hektar geerntet werden sollen.

Das blieb in der damaligen Zeit aber eine Kopfgeburt. „Es gab schon damals Arbeitskräftemangel“, sagt Gerhard Jochen. Der Spargel sei von den Ehefrauen der Genossenschaftsmitglieder gestochen worden.

50 Kilo zum eigenen Verzehr

Trotz Kollektivierung durften die LPG-Bauern private Flächen mit Spargel bepflanzen. „So hatten viele Beelitzer 100 Kilo Ernte pro Jahr“, sagt Gerhard Jochen. 50 Kilo habe man selbst verspeist – schön mit brauner Butter, wie es der Landwirt bis heute liebt. Die anderen 50 Kilo wurden am Straßenrand verkauft.

„Man musste sich nur an die Straße stellen und mit den Spargelstangen winken“, sagt Gerhard Jochen. Der nächste Autofahrer hätte angehalten – und überglücklich die begehrte Mangelware Spargel gekauft.

Die Wessis kommen

Mit der Wende wurden auch die Wessis auf das „weiße Gold“ aus Beelitz aufmerksam. So etwas Gutes kannten sie nicht. „Als der Spargel-Boom begann, war mein Vater schon nicht mehr aktiv“, sagt Gerhard Jochen. Aber er selbst sei ja bereits seit 1977 Bauer gewesen, habe 1990 zusätzliches Land gepachtet – und die Spargeltradition seiner Familie fortgesetzt.

Die große Frage bleibt, was nun in Zukunft aus der Dynastie Jochen wird. Die nächste Generation ist beruflich anders orientiert. Der Sohn arbeitet als Porsche-Schrauber in der Schweiz, die Tochter ist Rechtsanwältin. Gerhard Jochen konzentriert sich inzwischen auf den Anbau von Aroniabeeren. Ob sich noch ein Nachfolger findet?

In Brandenburg wurden zuletzt 22 000 Tonnen Spargel im Jahr produziert. Der Beelitzer Sandboden bringt nur das Beste hervor. Das Geschäft könnte sich lohnen.