Menina Woitalla  arbeitet als Senior-Model und Illustratorin. Zurzeit bangt sie wie viele andere um ihre Existenz.  Volkmar Otto 

Menina Woitalla (54) überlebte eine schwere Krebserkrankung. Sie ist seit Jahren ein begehrtes Best-Age Classic Model und Illustratorin. Corona stimmt sie nachdenklich, weil jetzt alle einen Neustart brauchen. Sie fühlt sich gewappnet. Meistens jedenfalls.

Es nieselt an jenem Tag in Berlin. Das Wetter ist wechselhaft in diesem Sommer, wie vieles andere. Menina Woitalla möchte dennoch in ihrem Bötzow-Kiez draußen sitzen, die Luft ist klar und es gibt eine Balustrade, unter der wir nicht nass werden. Sie trägt eine Jeans und Stiefeletten. Darüber einen Mantel. Ein klug gewählter Zwiebellook. Wir bestellen Latte Macchiato und eine Limo.

Ich hätte nie gedacht, nochmal so auf null gestellt zu sein. 

Menina Woitalla

Trüb ist das Leben nicht, stellen wir fest. Nur oft anstrengend. Gerade erst hat Menina Woitalla erfahren, dass manche finanzielle Hilfen in der Corona-Krise für Solo-Selbstständige wahrscheinlich zurückgezahlt werden müssen. Sie zuckt mit den Schultern: „Ich hätte nie gedacht, nochmal so auf null gestellt zu sein.“

Für sie beginnt es im März. Im Januar und Februar hat das Model noch mehrere sehr gute Aufträge. „Ich habe mich auf ein gutes Jahr gefreut“, sagt sie. Ein paar Tage später sieht es düster aus: Es gibt Absagen über Absagen. Menina Woitalla tigert am Anfang oft in ihrer Wohnung rum, setzt sich an den Schreibtisch, widmet sich ihren Illustrationen. Doch auch diese Firma, die sie beliefert, ist schnell in Kurzarbeit. Sie versucht, nicht alles düster zu sehen. Es gelingt mal besser, mal schlechter. Immer schön lächeln, denkt sie sich. 

Immer schön lächeln! Menina Woitalla ist ebenso Influenzerin.  Volkmar Otto 

Was sie noch machen kann, ist, sich ihrem Instagram Profil zu widmen. Sie kramt ihr Handy aus der Tasche, zeigt uns ein Foto in ihrem Instagram-Account. Menina Woitalla strahlt in die Kamera, sie wirbt für eine Hyaluron-Creme, die sie für eine Kooperation als Influenzerin beworben hat. Jetzt muss sie nur noch einen klugen Satz dazuschreiben. Dass sie gute Gene habe? Das findet sie unangemessen. Oder: „Haut ist der Spiegel deiner Seele.“ Irgendwie auch abgedroschen. Sie lacht.

Das Model kam 1993 mit einem vollgepackten Mazda nach Berlin. Sie landete im Prenzlauer Berg, und fand vieles anfangs hässlich. „Mehr als ein halbes Jahr wollte ich nicht bleiben“, grinst sie. Doch bald entdeckte sie das Schöne an dieser Stadt und lebt nun seit mehr als 26 Jahren hier. „Selbst das Graue, die verwilderten Hinterhöfe, die Ofenheizung in meiner Wohnung. Ich mochte dieses Morbide.“ Heute sei alles in ihrem Kiez wie aus dem Ei gepellt. Und viele, die hier immer gewohnt hätten, auch vor der Wende, seien verdrängt worden.

Freiheit und Selbständigkeit sind wichtig 

Ihr Ex-Mann lebt noch hier, mit dem sie einen Sohn (23) hat. Er ist Ostberliner. Genauso wie Freunde von ihr. „Ostdeutsche Männer haben mich mehr als westdeutsche angezogen. Man ist gleichberechtigt. Alles ist viel offener, manchmal auch einfacher. Sie sind oft weicher und verständnisvoller. Das hat mir immer gefallen“, sagt sie. Das sei ein klarer Vorteil der Wende gewesen. Vielleicht liege es auch daran, dass ihr Vater Süditaliener gewesen sei. „Bei ihm hatten Frauen nicht viel zu sagen.“ Sie grinst. Der Vater ist gerade erst gestorben. Sie vermisst ihn.

Menina Woitalla ist 1966 geboren. „Im chinesischen Zeichen des Feuerpferdes“, erklärt sie, fügt hinzu: „Die haben es mitunter schwer, weil sie freiheitsliebend und rebellisch sind. Deshalb bin ich früh von zuhause weg.“ Mit 17 packte sie daheim in Kronberg im Taunus ihre Sachen und verschwand. Sie landet zunächst in Oberfranken und studiert dort Porzellan-Design für vier Jahre. Sie arbeitet danach angestellt als Designerin in verschiedenen Firmen, findet aber schnell heraus, dass ihr Selbstständigkeit und Freiheit wichtig sind und geht 1993 nach Berlin.

Dort jobbt sie in Clubs, bemalt und dekoriert Wände und besucht eine Schauspielschule. Alles ist aufregend in diesen Jahren. Die Mauer ist weg, alles scheint möglich, doch auch sie muss sich erst einmal neu finden. 1996 kommt ihr Sohn Hugo zur Welt. Sie arbeitet mal als Kleindarstellerin, mal als Illustratorin. Mit 35 wird sie als Model für eine Zigarettenwerbung entdeckt, ihr Sohn ist sechs Jahre. „Ich bin da reingerutscht“, erzählt sie. Und kommt gleich richtig gut an. Für die namenhafte Zigarettenmarke reist sie nach Südafrika. „Wir musste eine Gruppe von Menschen spielen, die sich gut verstehen. Die Männer durften rauchen, die Frauen nicht.“

Eine ihrer Illustrationen.  Volkmar Otto 

Also beginnt sie als professionelles Model für Commercials, Fashion, Beauty & Lifestyle zu arbeiten. Inzwischen verdient sie als Best Age Model den größten Part ihres Lebensunterhalts. Banken, Finanzdienstleister, Schuhfirmen, Brauereien buchen sie - ebenso Kosmetik-Unternehmen. Sie habe das Glück, dass sie vom Typ her besonders in internationale Werbekampagnen passe. In Ungarn läuft gerade noch eine Werbung mit ihr als Darstellerin für eine Naturkosmetik.

Wie lange möchte sie modeln? „So lange, wie es geht“, sagt sie, fügt hinzu: „Ich frage mich manchmal, ob man ab 50 in der deutschen Werbung nicht mehr sexy sein darf, das finde ich sehr schade, da die Gesellschaft heute doch viel länger jung und agil bleibt.“

In der Corona-Zeit beobachtete sie, wie viele ihrer Kolleginnen sich die Haare grau färbten. Mit der Hoffnung, mehr Buchungen zu bekommen. Manchmal würden 20-Jährige besetzt, um Mütter eines Zehnjährigen zu spielen. Franzosen schätzten ihre Frauen als Diven bis ins hohe Alter, warum nicht hier? All diese Gedanken machte sie sich während des Lockdowns.

Ich wollte nicht sterben. Mein Kampfgeist war geweckt. 

Menina Woitalla 

Sie fragt nachdenklich: „Was für mich übrigbleibt? Ich weiß es nicht.“ Sie sehe nicht ein, dass sie in diesem Alters-Wettstreit mitmachen solle. Sie fühle sich viel jünger, wolle sich nicht an einer Zahl festmachen lassen. Männern verrät sie nach wie vor ihr Alter, obwohl Freundinnen ihr davon abraten. „Was für ein Irrsinn.“

Die eigentliche Zeitwende in Meninas Leben liegt Jahre zurück. 39 ist sie, als Ärzte bei ihr ein seltenes Krebsgeschwür entdecken. Sie dürfte heute nicht hier sitzen, sagt sie. Anderthalb Jahre lang kämpft sie um ihr Leben.

Ich bin demütiger geworden. 

Menina Woitalla 

Dass etwas in ihrem Körper nicht stimmt, spürte sie lange vor der Diagnose. Menina Woitalla hatte Schmerzen im Bein, war ewig erschöpft. Als sie beim Rollerskaten hinfällt, geht sie zum Arzt. Viele Arztbesuche später erfährt sie, dass sie an einem aggressiven Tumor erkrankt ist. „Doch da war mein Sohn neun Jahre alt und ich wollte nicht sterben. Mein Kampfgeist war geweckt.“ Ihr Freund und ihre Mutter kümmerten sich liebevoll. „Das werde ich denen nie vergessen“, sagt sie.

Anfangs will sie den Krebs weghungern. Sechs Wochen lang isst sie nichts und trinkt nur speziellen Tee, fiel dafür mehrere Male in Ohnmacht. Später macht sie die lebensrettende Chemotherapie. „Anders hätte es nicht geschafft.“ Sie fühlt sich in der Zeit, wie eine 80-jährige Oma, die sich ewig erbrechen muss und Halluzinationen hat. Sie überlebt, bis heute haben sich keine Metastasen gebildet und sie gilt als geheilt.

„Ich hatte 50 000 Schutzengel“, sagt sie. Und sie habe gelernt, mit Umbrüchen im Leben umzugehen. „Ich bin demütiger geworden, dankbarer und habe nicht mehr das Gefühl, nur mit Leistung etwas wert zu sein.“ Das mache sie ein Stück weit freier. Und das helfe ihr zurzeit auch bei dieser Krise. Sie lächelt.