In Berlin gibt es ein einzigartiges Hilfsangebot für Angehörige von Verschwörungstheoretikern. imago images/Gottfried Czepluch

Der Kollege behauptet, wir leben in einer Diktatur und würden unserer Grundrechte beraubt? Im Familienchat werden dubiose Quellen und alternative Fakten geteilt? Immer häufiger treiben unterschiedliche Ansichten rund um die Corona-Pandemie und ihre Folgen einen Keil in Freundschaften und Beziehungen. Doch was kann man tun, wenn die Familie am vermeintlichen Irrglauben des Vaters zu zerbrechen droht? In Berlin gibt es jetzt eine Beratungsstelle, die genau in solchen scheinbar aussichtslosen Situationen hilft.

Die „veritas“ – eine Beratungsstelle für Angehörige von Verschwörungstheoretikern – unterstützt und berät Menschen, die sich durch Verwandte und Bekannte, die Verschwörungserzählungen verbreiten, belastet fühlen. „Wir möchten Ihren Leidensdruck mindern und Ihnen ­unter Umständen auch ermöglichen, wieder in Beziehung mit der betreffenden Person zu treten“, heißt es auf der Website.

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Angehörige von Verschwörungstheoretikern sollten in Kontakt bleiben

Es kämen Menschen in die Beratung, die darüber streiten, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken sollen, weil es dort eine Testpflicht gibt. „Oder extremere Fälle, in denen ein Partner auswandern möchte, weil sich Deutschland im Krieg befinde. Oder Eltern, die ihren Kindern mit Suizid drohen, wenn sie sich impfen ließen“, verrät Tobias Meilicke, Projektleiter der Beratungsstelle, gegenüber der Taz. Egal ob Partner, Kinder, Eltern, Geschwister oder einfach nur enge Freunde – die Hilfe steht jedem offen.

Über persönliche Beratungen versuchen die Sozialarbeiter und Psychologen dann, ihren Klienten in sechs bis acht intensiven Gesprächen, Werkzeuge an die Hand zu geben, um besser mit belastenden Gesprächen umgehen zu können.

„Argumentationen auf Gefühlsebene können hilfreich sein, denn meistens steckt hinter Verschwörungserzählungen ein Gefühl der Angst. Das wahrzunehmen und anzusprechen ist total wichtig“, erklärt Tobias Meilicke. Ein Gespräch mit Fakten anzureichern sei hingegen oft vergebene Liebesmüh und gießt unter Umständen nur noch mehr Öl ins Feuer.

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Unterschiedliche Ansichten zur Corona-Pandemie führen in vielen Familien zu extremen Belastungen. imago/photothek

Wichtig sei es in jedem Fall, den Kontakt – wenn möglich – auch zu den Menschen aufrechtzuerhalten, die man selbst in die Ecke der Verschwörungstheoretiker stellt. Die einem zunehmend die Nerven rauben mit ihren ganz eigenen Wahrheiten rund um die Pandemie. Gerade als enger Vertrauter ist man eine „wichtige Brücke, falls die Verschwörungsgläubigen doch mal ins Zweifeln kommen“, meint der Experte.

Aber wie kann das gehen, wenn jedes Gespräch in einer Eskalation endet? Wenn man selbst als Leitragender aus der Situation herausgeht? Wenn die Fronten einfach verhärtet sind? Dann hilft im Zweifel auch ein Brief. Oder mehrere. „Dadurch zeige ich einer Person, dass sie mir wichtig ist, kann meine Gefühle kommunizieren und gleichzeitig eine gewisse Distanz schaffen“, erklärt Tobias Meilicke.

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Beratung für Angehörige von Verschwörungstheoretikern an der Belastungsgrenze

Er hat das Projekt Anfang des Jahres zusammen mit Kollegen und Kolleginnen gegründet. „Wir haben festgestellt, dass im Internet nicht nur ganz viele Verschwörungstheorien verbreitet werden, sondern dass da auch ganz viele Betroffene ihr Leid klagen, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen und wo sie sich hinwenden können“, sagt er im Interview mit Domradio.

Mittlerweile habe das Team rund 60 bis 70 Anfragen im Monat und kommt kaum noch hinterher. Denn Angebote wie dieses sind rar. Eine Wartezeit von bis zu zehn Wochen ist keine Seltenheit.

„Und das ist gefährlich, denn wir wissen aus anderen Bereichen, dass es immer schwieriger wird, Impulse zu setzen, je später man in den Radikalisierungsprozess eingreift. Insofern ist jede Woche und jeder Monat, den die Menschen warten müssen, zu viel“, so Tobias Meilicke. Aber mehr als arbeiten können er und sein Team eben auch nicht.

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Acht Tipps: So bleiben Sie bei Gesprächen mit Corona-Leugnern ruhig

  • Bestimmen Sie Ziele: Was wollen Sie mit dem Gespräch erreichen? Was ist Ihnen wichtig? Machen Sie sich darüber im Vorfeld einen Kopf.
  • Setzen Sie Grenzen: Gehen Sie nur so weit, wie Sie es sich zutrauen. Bleiben Sie möglichst im Kontakt, vielleicht auch per Brief. Wenn es Ihnen zu weit geht, ist aber vielleicht ein (vorübergehender) Kontaktabbruch doch ratsam.
  • Achten Sie auf den Gesprächsrahmen: Im Affekt zu diskutieren macht oft wenig Sinn und verhärtet die Fronten. Für ein Gespräch überlegen Sie im Vorfeld genau, wann, wo und wie lange Sie reden möchten, und sprechen Sie darüber mit Ihrem Gegenüber.
  • Führen Sie ein Gespräch auf Augenhöhe: Gehen Sie nicht konfrontativ auf Ihr Gegenüber zu. Versuchen Sie, ihn/sie zu verstehen. Seien Sie (auch wenn es schwerfällt) empathisch. Wenn sich Ihr Gegenüber verstanden fühlt, ist es eher bereit, sich auf Sie einzulassen.
  • Seien Sie mit Fakten vorsichtig: Informieren Sie sich vor dem Gespräch gut, aber bombardieren Sie Ihr Gegenüber nicht mit Fakten. Was logisch scheint, ist hier nicht hilfreich: Verschwörungstheoretiker lassen sich selten mit schlüssigen Gegenbeweisen umstimmen.
  • Versuchen Sie, Ihr Gegenüber zu verstehen: Warum glaubt er oder sie überhaupt an Verschwörungstheorien? Versuchen Sie dem auf die Schliche zu kommen. Häufig hängt der Verschwörungsglaube mit einer spezifischen Krisenerfahrung zusammen. Erfragen Sie diese, nehmen Sie diese ernst und bieten Sie Ihre Hilfe an.
  • Fragen statt sagen: Die Verschwörungstheorien des Gegenübers einfach als Schwachsinn abzutun, wird wenig bringen. Besser: Hinterfragen Sie diese! Das regt zum Nachdenken an und hat größeres Potenzial, eine Reflektion des eigenen Denkens zu erzeugen.
  • Suchen Sie sich Unterstützung: Eine Beratung zum Umgang mit Verschwörungstheoretikern und Corona-Leugnern bietet in Berlin die veritas.