Seebad mit Kaiseradlern – ein Bild aus Ahlbeck im Teil-Lockdown. Foto: Torsten Harmsen/BK

Mein alter Schulkumpel und ich sind mal wieder zusammen weggefahren. Und zwar nach Usedom, an die Badewanne der Berliner, wie die Ostsee auch genannt wird. Wir machen das in jedem Herbst. Dieses Mal fuhren wir in den Tagen vor dem Teil-Lockdown. Wir wollten noch mal so richtig Luft schnappen, am Strand hin- und herlaufen, Fisch essen und Rostocker Doppelkümmel trinken.

Die sogenannten Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin wirken wie aus der Zeit gefallen. Hinter Nebel und Geniesel dösen die prachtvollen Seehotels, als seien sie vor hundert Jahren eingeschlafen. Sie heißen unbekümmert „Kaiser Wilhelm“, „Germania“ und „Imperator“, während man sich in Berlin „die Köppe einhaut“, weil irgendwelche Straßenschilder die Namen von Kolonialisten tragen.

Auf der Promenade lädt bereits jetzt ein Plakat zu den „Heringsdorfer Kaisertagen“ im Sommer 2021 ein: mit dem Einzug des Kaiserpaares, ganz in Weiß. Dieses Jahr hat das monarchistische Spektakel leider ausfallen müssen. Das Coronavirus wartet noch auf seinen Prozess wegen Majestätsbeleidigung.

Ob wir uns wirklich sehen? Das hängt vom Coronavirus ab, das mehr Macht hat als der Kaiser. Foto: Torsten Harmsen/BK

Wir wanderten die Promenade entlang und lasen die grünen Emailleschilder mit den Namen berühmter Gäste der Hotels und Villen. Die Auswahlkriterien wirken recht beliebig. „Allet is dabei – vom Kaiser bis zur Huppdohle“, sagte mein Schulkumpel. Mit „Huppdohle“ meinte er eine Tänzerin vom Pariser Moulin Rouge, die 1912 in einem der Hotels nächtigte. Beim russischen Dichter Maxim Gorki reichte es schon, dass er 1922 ein paarmal im Hotel Bellevue Kaffee trank, um auf einem Schild verewigt zu werden. Gewohnt hatte er dagegen in der Villa Irmgard. „Wahrscheinlich war da der Kaffee so schlecht, dass er extra zum Hotel Bellewü loofen musste“, ätzte mein Schulkumpel.

Dann begann für uns der Wellenbrecher-Lockdown. Zwar durften die Urlauber noch bis zum Donnerstag bleiben, aber am Montag waren schon alle Restaurants zu. Wie die Möwen tippelten wir umher, um irgendwo noch etwas Essbares zu ergattern. Eine kleine Fischerbude war noch offen. Mit zwei Fischbrötchen in der Hand traten wir auf den Strand zurück, sofort umringt von Möwen und Krähen, die uns keine Zehntelsekunde lang aus den Augen ließen. Überlebenskampf in Coronazeiten! „Pardon wird nicht gegeben!“, hatte einst der olle Kaiser Wilhelm zwoo gesagt. Wir würgten die Fischbrötchen runter, bevor die Vögel zum Angriff starten konnten.

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Auch eine Glühweinbude am Strand war noch offen. „Eigentlich müsste ich hier zumachen“, sagte die Besitzerin. Sie ermahnte uns, uns nicht in die Strandkörbe zu setzen, die im Umkreis im Sand standen. Das wäre nämlich kein Außer-Haus-Verkauf mehr. „Ach wat!“, sagte mein alter Schulkumpel und nippte am Glühwein. „Pass uff, gleich scheucht uns eena weg, um den Strand hochzuklappen und dit janze Wasser abzulassen!“ Aber nichts passierte. Es war ja auch nur ein Teil-Lockdown.