Helena Steinhaus (32) hat den Verein 2015 gegründet. Hartz-IV-Empfänger bekommen Geldspenden und auf Wunsch auch einen Anwalt.
Foto: Christian Stollwerk

Vereinsgründerin Helena Kilian-Steinhaus (32) musste nach dem Studium selbst für kurze Zeit von Hartz IV leben. Das war lange bevor sie in der Corona-Krise Spendengelder an betroffene Familien verteilte. Die Termine im Jobcenter waren nicht immer erfreulich, erinnert sich die Neuköllnerin. Von einigen Beratern fühlte sie sich  abschätzig behandelt. „Das Machtgefälle zwischen Sachbearbeiter und Kunde ist enorm“, sagt sie.  

Das System in den Jobcentern ist bekannt: Wer Termine versäumt, sich nicht auf vorgeschlagene Stellen bewirbt, bekommt Sanktionen. Geld wird gestrichen. „Diese Sanktionen machen Menschen erpressbar“, so Helena Kilian-Steinhaus. Sie findet das System nicht angemessen. Um Betroffenen zu helfen, gründete sie 2015 den Verein „Sanktionsfrei“. Mit ihm sammelt sie Spenden für Hartz-IV-Empfänger, denen Geld gestrichen wurde, und vermittelt ihnen Anwälte. Etwa 4000 Euro bekommt der Verein pro Monat.

Spenden-Engel von Neukölln

Während der Corona-Zeit waren Spenden übrig und der Verein wurde in der Not aktiv: Helena Kilian-Steinhaus verloste einfach 100 Euro im Monat an Hartz-IV-Familien.  Deutschlandweit meldeten sie sich, nahmen an der Verlosung teil und bekamen mit ein bisschen Glück das Geld. 230 Haushalte erhielten die Hilfe. Und Helena Kilian-Steinhaus wurde so zum Spenden-Engel von Neukölln, der insgesamt 23.000 Euro gab.

Denn Corona hat gerade das Leben für ärmere Familien teurer gemacht: Der Preis für Gemüse ist im Frühjahr um 6,5 Prozent gestiegen, günstige Artikel waren während der Hamsterkäufe schnell vergriffen. Der Preis für seltene Produkte hat sich im Einzelfall sogar verdoppelt. Als Kitas und Schulen geschlossen waren, mussten die Kinder zu Hause essen. Eltern mussten mehr Geld ausgeben. Ganz egal, ob sie es im Portemonnaie hatten. „Je mehr Menschen in einer Bedarfsgemeinschaft leben, desto weniger bleibt für den Einzelnen“, weiß Helena Kilian-Steinhaus.

Die Aktion kam deutschlandweit richtig gut an, läuft aber inzwischen nicht mehr. Denn die Spendengelder waren ja nur deswegen übrig, weil das Bundesarbeitsministerium die Sanktionen wegen Corona für drei Monate ausgesetzt hatte. Das ist aber vorbei. Inzwischen werden Hartz IV-Empfänger wieder sanktioniert und der Verein braucht das Geld für den Ausgleich.

„Sanktionsfrei“ ist jetzt immerhin bekannter als vorher.  Die Vereinsarbeit wird künftiger nicht einfacher: 65 Prozent der Deutschen glauben laut einer Forsa-Umfrage, dass jeder, der arbeiten möchte, auch einen Job finde. 45 Prozent sind der Meinung, dass Hartz-IV-Empfänger bei der Job-Auswahl zu wählerisch seien. Fast 30 Prozent glauben, dass die Betroffenen nicht arbeiten wollten.

Helena Kilian-Steinhaus sagt: „Es ist ein Stigma, in Deutschland Hartz IV zu bekommen.“