Immer wieder verschwinden Menschen. Angehörige und Freunde bleiben mit Fragen zurück. Vor allem die Ungewissheit ist belastend. Berliner KURIER/Markus Wächter

Etwa einen Monat nach seinem 50. Geburtstag verschwindet Marco Schuch aus einer Klinik in Eberswalde (Barnim). Es war der 18. April 2020. Der Familienvater litt unter Depressionen, die er dort behandeln lassen wollte. Noch immer hofft seine Familie auf ein Lebenszeichen. „Er fehlt mir“, sagt Tochter Jenny Friedrich. „Mein größter Wunsch ist einfach, dass er noch lebt.“

Die 27-Jährige hatte damals selbst Suchtrupps zusammengestellt. „Ich habe einen WhatsApp-Gruppe erstellt. Über den Status haben wir mitgeteilt, wo wir nach ihm suchen.“ Mehrere Wochen lang suchte die Familie mit der Hilfe von Freunden und Bekannten sowie Menschen, die ihre Hilfe anboten, nach dem heute 51-Jährigen. Sie verteilten Flyer, sprachen Passanten an, verbreiteten die Vermisstenanzeige über Facebook.

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„Wir haben verschiedene Posten gebildet und besetzt, beispielsweise an der Toilette in einem Kaufland oder Baumarkt im Brandenburgischen Viertel in Eberswalde. Wir hatten viele Hinweise, dass er in dem Viertel gesehen worden war.“ Selbst organisierte Friedrich mit Angehörigen und Freunden Spürhunde. Sie schlugen einige Wochen nach seinem Verschwinden in Seelow – rund 60 Kilometer von Eberswalde entfernt – an.

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Die Spur des Vermissten verliert sich in Seelow

„Meine Mutter hat mit einem Freund die ganze Nacht dort im Auto gesessen. Vielleicht wäre mein Vater noch mal dort aufgetaucht? Den Moment wollten wir nicht verpassen.“ Danach verliert sich die Spur des Kfz-Mechanikers aus dem Oderbruch. Auch die Polizei suchte mit Hubschraubern, veröffentlicht eine Vermisstenanzeige.

„Der Hubschrauber hat bestimmte Bereiche mehrfach überflogen, beispielsweise den Finowkanal, wo er entlanggegangen sein soll“, sagt Kriminalhauptkommissarin Bärbel Cotte-Weiß von der Polizeidirektion Ost. Pfleger und Ärzte in der Klinik, in der Marco Schuch zuvor gewesen ist, seien befragt worden, sowie andere Patienten, die mit ihm Kontakt hatten und Freunde und Familie. Bislang führten keine Hinweise zu dem Familienvater. „Natürlich können wir auch ein Verbrechen nicht ausschließen.“

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Wie viele Menschen in Brandenburg derzeit vermisst werden, lässt sich nicht genau sagen. „Es gibt keine verlässlichen Zahlen, denn Vermisste können jederzeit lebend oder tot gefunden werden“, weiß Cotte-Weiß. Vom 1. bis zum 2. Januar sind innerhalb von 24 Stunden drei Vermisstenanzeigen bei der Direktion Ost eingegangen.

Ein Vermisstenfoto der Polizei zeigt Marco Schuch. Immer wieder verschwinden Menschen. Angehörige und Freunde bleiben mit Fragen zurück. Polizeidirektion Ost/dpa

Joachim Lemmel vom Landeskriminalamt Brandenburg (LKA) weißt auch auf ein anderes Problem hin: „Es gibt oft Dauerausreißer, die immer wieder weglaufen.“ Diese würden in der Statistik dann doppelt erfasst werden. Zumindest die Personen, die im vergangenen Jahr vermisst gemeldet worden sind und noch immer vermisst werden, konnte das LKA nennen: es sind 201 Menschen.

Beim LKA in Eberswalde werden solche Vermisstenfälle aufbewahrt, bei denen ein Verbrechensverdacht besteht und es bei der Polizei erst einmal keine neuen Ermittlungsansätze mehr gibt. 26 Fälle liegen aktuell in den Schränken der Ermittler. Ebenfalls landen in dem zuständigen Kommissariat sogenannte Altfälle, auch bekannt als „Cold Cases“ (auf Deutsch: ungelöste Fälle). Davon gibt es derzeit 88.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

„Die Fälle sind mit Abschluss des Ermittlungsverfahrens nicht vom Tisch“, erklärt LKA-Sprecher Lemmel. Bei den Dezernenten können mitunter Jahrzehnte alte Fälle liegen – denn Mord verjährt nicht. Die Akten werden aus den Schränken geholt, wenn beispielsweise neue Hinweise auftauchen. Aber auch neue Untersuchungsmöglichkeiten der Kriminaltechnik können dazu führen, dass ein Fall noch einmal neu aufgerollt wird.

Jenny Friedrich kann das Verschwinden ihres Vaters auch nach fast zwei Jahren noch nicht begreifen. „Es ist auch für Freunde und Bekannte von Papa nicht nachvollziehbar, dass er einfach so untertaucht. Das passte nicht zu ihm.“ Friedrich beschreibt ihren Vater als einen „standhaften Mann“, der im Karnevalsverein und der freiwilligen Feuerwehr tätig war. Doch die Depressionen hätten ihn in der Zeit vor seinem Verschwinden so verändert. „Er hatte Versagens- und Versorgungsängste.“ Doch die 27-Jährige hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ihr Vater noch lebt. „Ich möchte einfach ein Lebenszeichen. Die Unsicherheit ist das Schwerste.“