„@catcallsofberlin – #stoppt Belästigung – ‚So jemanden wie dich sollte man mal durchf**ken.‘ Ich war 11.“ steht auf einem Bürgersteig geschrieben. Der anzügliche Spruch wird später auf der Instagram-Seite „catcallsofberlin“ veröffentlicht. Paul Zinken/dpa

„‚So jemanden wie dich sollte man mal durchf**ken.‘ Ich war 11“, schreibt Lucie mit bunter Kreide auf die Straße am Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg. Dazu: „#StopptBelästigung“. Danach fotografiert die 21 Jahre alte Studentin ihr Werk und veröffentlicht es auf der Instagram-Seite „catcallsofberlin“. Bewaffnet mit bunter Kreide kämpft die Initiative gegen verbale und körperliche sexualisierte Belästigung auf der Straße.

„Wir kreiden quasi wortwörtlich an, was Betroffenen auf den Straßen passiert ist, um es so sichtbar zu machen“, sagt Lucie, die bei der Aktion unter diesem Namen auftritt, aber eigentlich anders heißt. Unter „Catcalling“ fallen neben unpassenden Kommentaren und Gesten auch Pfiffe oder anzügliche Geräusche und aufdringliche Blicke.

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„catcallsofberlin“ schreit nach Aufmerksamkeit für sexualisierte Belästigungen

Betroffene können der Gruppe eine private Nachricht auf Instagram schreiben. Die Erlebnisse schreiben die Aktivistinnen dann in verkürzter Form oder als Zitat an denselben Ort, an dem der jeweilige „Catcall“ passiert sei. „Es ist der erste Schritt, um dieses Problem anzugehen, dass Leute überhaupt wissen, dass so was passiert, also auch Leute, die nicht davon betroffen sind, damit auch sie mitkämpfen können.“ Gleichzeitig sei es ihnen wichtig, den Betroffenen Gehör und Sichtbarkeit zu schenken.

Die „Chalk Back“-Bewegung - also das „Ankreiden“ – hat ihren Ursprung in New York. Dort entstand auch der englische Begriff für das Phänomen „Catcalling“, das sich zwar meist gegen Frauen richtet, im Grunde jedoch jeden treffen kann. Mittlerweile sammeln weltweit vorwiegend junge Frauen sexualisierte Anfeindungen über Instagram. Rund 6000 aktive Mitglieder aus 42 Ländern kämpfen gemeinsam gegen „Catcalling“. In Berlin seien es zurzeit um die 30 Mitglieder, darunter auch Männer.

Die meisten Reaktionen seien positiv, meint Lucie. Beim Ankreiden schauten viele Menschen interessiert zu oder fragten höflich nach, was sie da machten. „Viele kommen auch und sagen, dass sie so was noch nie mitbekommen haben.“ Meist sind es demnach Männer, die dann überrascht sagen: „Was, so was passiert wirklich?“

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Im Netz kämen auch mal negative Kommentare wie: „Das ist doch ein Kompliment!“ oder „Was darf man überhaupt noch sagen?“ Trotzdem seien auch auf Instagram die meisten Menschen dankbar für ihren Aktivismus und die Aufklärung. Besonders Betroffene reagierten positiv. „Wenn man die Anfragen beantwortet, bedanken sie sich immer mega, weil sie sich gesehen und gehört fühlen“, sagt Lucie. Die Kreide auf der Straße sei zwar beim nächsten Regen weg, aber die Bilder auf Instagram blieben bestehen.

„Catcalling“ ist in Deutschland keine Straftat

Im Vordergrund stehe bei ihnen immer der Mensch, der „Catcalling“ erfahren habe. „Wenn das für die betroffene Person eine belastende Situation war, die sie als ‚Catcall‘ definiert, dann ist das auch so.“ Nicht betroffene Personen könnten das gut unterscheiden, weil es bei der Handlung um den Kontext und die Intentionen gehe und darum, ob die Sprache herabwürdigend sei. „Wenn ich irgendwo langlaufe und jemand aus einer Gruppe irgendetwas hinterherruft oder pfeift, dann kann das kein Kompliment sein, das ist einfach nur super-übergriffig.“

In einigen Ländern ist „Catcalling“ bereits eine Straftat. In Deutschland nicht. Eine Studentin aus Fulda außerhalb der „Chalk Back“-Bewegung hat eine Online-Petition gestartet. Sie und fast 70.000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner wollen, dass „Catcalling“ auch in Deutschland einen Platz im Strafgesetzbuch bekommt.

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Studentin Lucie schreibt mit Kreide auf einen Bürgersteig. Ihre Initiative kämpft gegen „Catcalling“ – verbale und körperliche sexualisierte Belästigung auf der Straße. Paul Zinken/dpa

Kein konkreter Straftatbestand für sogenanntes „Catcalling“ bedeute nicht, dass entsprechendes Verhalten stets straffrei wäre, sagt eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums. Äußerungen, die als „Catcalling“ bezeichnet werden, fielen zwar nicht unter verbale sexuelle Belästigung, „denn der Straftatbestand erfordert eine körperliche Berührung, die zudem in sexuell bestimmter Weise erfolgen und zu einer Belästigung führen muss“, erklärt sie. Allerdings können verbale Herabsetzungen als Beleidigungen strafbar sein.

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Viele Vorurteile beim „Catcalling“ oder sexualisierte Gewalt

Lucie ist beim Thema Strafbarkeit zwiegespalten – und das aus einem bestimmten Grund. „Es hätte natürlich eine Signalwirkung, wenn ‚Catcalling‘ strafbar wäre“, sagt sie. Betroffene wüssten dann: Was ihnen passiert ist, ist illegal und kann angezeigt werden. Gleichzeitig sieht Lucie dabei ein gewisses Risiko. „Es wird oft behauptet, dass ‚Catcalling‘ oder sexualisierte Gewalt eher von nicht deutsch gelesenen Menschen kommt.“ Das sei natürlich Quatsch, aber es bestehe die Gefahr, dass dieses Stigma verstärkt werde und nur nicht deutsch gelesene Menschen zur Verantwortung gezogen würden.

Die Aktivistinnen wollen auch in Zukunft weiter dafür kämpfen, „Catcalling“ sichtbar zu machen, zum Beispiel mit Workshops für Betroffene, aber auch für nicht Betroffene. Lucie kann sich auch vorstellen, an Schulen Vorträge über sexualisierte Belästigung zu halten.