Eine 97-Jährige in ihrem Rollstuhl. Viele Pflegebedürftige trinken zu wenig und müssen regelmäßig dazu ermuntert werden. Das passiert aber nicht immer. Foto: imago images.

Es war der Joghurt, der Karsten Lange stutzig machte. Der ihn erkennen ließ, dass etwas nicht stimmte in jenem Moment am Bett des älteren Herren, eines seiner Patienten an diesem Tag. Dass insgesamt im System der Altenpflege etwas schiefläuft. Nicht zum ersten Mal beschlich ihn dieses Gefühl.

Ein kleiner Becher Joghurt würde für die Tabletten schon reichen, Flüssigkeit sei zur Einnahme nicht nötig. Das hatte eine Hilfskraft im Gehen zu Lange gesagt. Ihm, dem examinierten Krankenpfleger. Sie hatte gerade das Essen abgetragen, einen fast vollen Teller. Ein Wasserglas stand auf dem Nachttisch, kaum angerührt.

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Vier Wochen später war der alte Herr tot, gestorben mit Mitte siebzig. „Weil er über einen längeren Zeitraum zu wenig getrunken hat“, sagt Lange. „Niemand hat darauf geachtet, dass er genug Flüssigkeit aufnimmt.“ Gerichtsfest beweisen kann Lange das nicht. Deshalb will er seinen richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung geschrieben sehen, möchte, dass der Träger des ambulanten Pflegedienstes, für den er arbeitet, unerwähnt bleibt. Lange kann sich juristischen Ärger nicht leisten. Doch er will, dass sich etwas ändert im System.

Die Geschichte von Karsten Lange und dem Tod seines Patienten hat sich in Berlin zugetragen. Sie ist auch andernorts denkbar, ereignet sich so oder ähnlich hierzulande immer wieder. Drei Viertel der Pflegebedürftigen leben nicht in Heimen, sondern werden zu Hause gepflegt. So wie der ältere Herr. Deutschlandweit sind das mehr als 2,5 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Knapp 300.000 von ihnen haben den zweithöchsten Pflegegrad, Pflegegrad vier. So wie Langes Patient. In Berlin gibt es 112.500 anerkannte Pflegebedürftige, davon werden 57.000 alleine durch Angehörige, 27.800 von ambulanten Diensten betreut. So wie Langes Patient. Und wie er starben in Berlin 180 Menschen laut der jüngsten Statistik von 2018 an Flüssigkeitsmangel. Exsikkose ist der Fachbegriff, die Dunkelziffer gilt als hoch.

Langes Geschichte spielt in einer durchökonomisierten Welt, in der Gesundheit eine Ware ist und pflegebedürftige Menschen Klienten genannt werden. An ihnen wird gegen Geld eine Dienstleistung verrichtet. Gemäß Verträgen mit einer Pflegekasse. Im Takt von Tarifen.

Auch der Tag, an dem Lange stutzig wurde, verlief nach festgelegter Taktung. Er war für die Medikamente zuständig. Psychopharmaka mussten verabreicht werden, der „Klient“ litt an Alzheimer im Anfangsstadium. Seine Nieren arbeiteten nur noch eingeschränkt. „Ein bis anderthalb Liter Flüssigkeit sollte man in so einem Krankheitsstadium pro Tag zu sich nehmen. Nicht mehr, sonst wird es problematisch. Aber auch nicht weniger, nicht zuletzt wegen der Wirkung der Tabletten.“

Vier Pfleger wechseln sich am Tag in der Betreuung ab

Der Mann lebte allein, hatte zwar eine amtlich bestellte, gesetzliche Betreuerin, konnte allerdings den Tagesablauf in seinen vier Wänden weitgehend selbst gestalten. Neben Lange wechselten sich in einer Schicht angelernte Pflegekräfte ab. „An einem Tag haben sich um ihn mindestens vier Leute gekümmert“, erinnert er sich. „Über die Woche verteilt waren acht beteiligt.“

Sie orientierten sich wie üblich an einem Plan, der regelte, was wann wie zu tun ist. Ein examinierter Krankenpfleger morgens für acht Minuten, eine angelernte Pflegekraft morgens und mittags für je 20 Minuten. Und abends noch einmal: Krankenpfleger acht Minuten, Pflegekraft 20 Minuten. „In einem Leistungsnachweis setzen wir dann unseren Kringel hinter die entsprechende Zeile.“ Patient wird gewaschen, Kringel. Patient wird zum Essen ermutigt, Kringel. Patient bekommt zu trinken, Kringel. So weit schien alles in Ordnung zu sein.

„Wir haben dann noch einen Pflegebericht, in den wir reinschreiben, wenn es etwas Besonderes gibt“, erzählt Lange. Auf dem Berichtsblatt des alten Herrn stand allerdings kaum etwas. „Jedenfalls nichts, woraus für mich hervorging, dass er im Beisein von Pflegefachkräften etwas getrunken hat. ,Klient hat nur ein halbes Glas geschafft.‘ So etwas in der Art. Stand da aber nicht.“ Wie viel Flüssigkeit binnen 24 Stunden verabreicht werden sollte, „war in der Dokumentation vor Ort ebenfalls nicht verzeichnet“.

Solche Versäumnisse seien nicht ungewöhnlich, sagt Lange. Sie seien systembedingt, hätten mit Zeitmangel und Mentalität zu tun. Zur Eile ermahnt werden er und seine Kollegen vom Pflegedienst nicht. Im Gegenteil: „Es heißt immer: Nehmt euch die Zeit, die nötig ist. Doch der Druck ergibt sich aus der Planung der täglichen Touren.“

Lange hat für jeden Patienten einige Minuten. Länger sollte es nicht dauern, eine Tablette zu geben oder eine Spritze zu setzen. Alles, was darüber hinausgeht, stört den Takt. Lange kommt regelmäßig aus dem Rhythmus. Er sagt: „Wenn jemand über Schmerzen klagt, muss ich doch der Sache auf den Grund gehen.“ Oder im Fall des alten Herrn: „Wenn jemand nur sehr, sehr langsam trinkt, schöpfe ich Verdacht, weil ich annehmen muss, dass er das Trinken nicht gewohnt ist.“ Und wenn einer angelernten Pflegekraft beigebracht wird, ein Joghurt zum Psychopharmakon – ohne Wasser – würde reichen, läuft etwas ganz und gar aus dem Ruder. „Milchprodukte“, sagt Lange, „können die Wirkung solcher Medikamente negativ beeinflussen.“

Zwar bleiben diejenigen Pfleger von Abzügen verschont, die eine Verzögerung im Arbeitsablauf fachlich begründen können. „Doch de facto geht es trotzdem zulasten der Pflegekräfte, weil sie ja länger für ihre Tour brauchen, aber nicht unbedingt mehr Geld dafür erhalten und die folgenden Klienten schon ungeduldig warten.“ Struktureller Druck nennt Lange das. „Die Kollegen, die immer zu allem Ja sagen, weil sie Schwierigkeiten haben, Nein zu sagen, bekommen deshalb gerne mal die größeren Touren.“

Der Schock sitzt tief

Einen Qualitätsbeauftragten haben sie in Langes Pflegedienst nicht. Jemanden, der bei Patienten zur Visite erscheint, um zu sehen, ob die Standards eingehalten werden. Eigentlich ist das vorgeschrieben. „Es gibt auch für die meisten Klienten de facto keine Bezugspflegekräfte“, sagt Lange. „Also Leute, die sich immer fest um einen bestimmten Klienten kümmern.“ Das bedeutet im Klartext: Niemand kennt sich im Zweifel aus mit dem Patienten, niemand fühlt sich für den Einzelfall wirklich zuständig oder verantwortlich.

Als der alte Herr ins Krankenhaus eingeliefert wurde, nachdem aus dem sich schleichend verschlechternden Fall ein lebensbedrohlicher Zustand geworden war, war Lange anderweitig im Einsatz. Als er davon hörte, wollte er den Patienten besuchen. Eine Stationsschwester begrüßte ihn als dringend erwarteten Angehörigen. Lange musste sie enttäuschen, erfuhr dennoch: Sein Patient war in der Nacht gestorben. „Das war ein Schock.“

Kollegen empfanden genauso. „Wir haben uns mit der Pflegedienstleitung zusammengesetzt“, sagt Lange. „Ein Krisentreffen, denn so etwas sollte nie wieder passieren.“ Einige schlugen vor, eine Karaffe an allen Patientenbetten aufzustellen. „Quasi als Sofortmaßnahme. Als Gedächtnisstütze für die Kolleginnen und Kollegen, auf ausreichende Zufuhr von Flüssigkeit zu achten.“ Umgesetzt wurde die Idee nicht. „Zu teuer, sagte man uns.“

Als er später das Protokoll zur Sitzung einsehen konnte, stand dort von seinen Anregungen und seiner Kritik nichts geschrieben. Und je weiter der Tod des Patienten zurücklag, desto vehementer äußerten die Vorgesetzten Zweifel an Langes Version. „Es hieß: ,Der war doch sowieso schon angeschlagen.‘ Oder: ,Wie kommst du darauf, dass er gestorben ist, weil wir ihm zu wenig zu trinken gegeben haben?‘ Ich war total überrascht, weil sich das vorher noch ganz anders angehört hatte und sogar Selbstkritik in den ersten Reaktionen herauszuhören war.“

Der Arzt im Krankenhaus hatte ebenfalls von Flüssigkeitsmangel als möglicher Todesursache gesprochen. Sich darauf festlegen lassen wollte er nicht. Deshalb hat Lange über Wochen mit sich gerungen, hat überlegt, ob er mit der Geschichte vom verdursteten Patienten an die Öffentlichkeit gehen soll. Er hat sich am Ende dafür entschieden, weil er nicht möchte, dass der Mann umsonst gestorben ist. „Am schlimmsten an der ganzen Sache finde ich“, sagt er, „dass ich in meinem Pflegedienst keine Lernfähigkeit feststellen kann.“

Es wird weitergearbeitet wie bisher. Schlimmer noch: „Die Corona-Krise hat dafür gesorgt, dass der Druck gewachsen ist.“ Für manche Leistungen wurde die Zeit gekürzt. „Die Leitung meint, wir müssten sparen“, sagt Lange. Er hält die Pandemie für ein vorgeschobenes Argument. Doch beweisen kann er auch das nicht. Schließlich wird ihm die Geschäftsführung kaum einen Einblick in ihre Bücher gewähren.

Hin und her zwischen Klinik und Wohnung

Und so bleibt Karsten Lange nur, zu tun, was in seiner Macht steht: aus dem Takt zu geraten, wenn er es für geboten hält im Interesse seiner Patienten. So wie neulich bei einem Mann, Ende siebzig und dement. Lange fand ihn in seiner Wohnung unter dicken Decken vor. Er hatte nach anfänglichem Schüttelfrost 40,5 Fieber. Der herbeigerufene Bereitschaftsarzt dagegen kam auf 36,8. „Wie auch immer er das gemacht hat.“ Langes zweite Messung lag noch über 38. Aber die Temperatur sank, immerhin.

„Wenige Tage später ging die Urinmenge deutlich zurück.“ Die alarmierte Feuerwehr nahm den Mann mit, das Krankenhaus entließ ihn kurz darauf wieder, offenbar ohne zuvor die Nieren untersucht zu haben. Am nächsten Tag verschlechterte sich der Zustand des Patienten, es ging retour. „Verdacht auf Urosepsis, nun wurde auch die Niere geprüft“, sagt Lange. „Er bleibt vorerst im Krankenhaus.“

Lange wird sich nach dem Zustand des Patienten erkundigen, doch wahrscheinlich nicht mehr an diesem Tag. Obwohl die Tour vergleichsweise überschaubar ist, zu der er gleich aufbrechen wird. „Nur 17 Klienten“, sagt Karsten Lange. „Das kann ich in gut sechs Stunden schaffen.“ Wenn nichts dazwischenkommt.