Ein Bewohner im Rollstuhl. Die geforderten Standards sind viel höher als noch vor 30 oder 40 Jahren. Foto: dpa

Wer für einen Angehörigen einen Platz im Pflegeheim sucht, stellt sich erst mal auf lange Wartezeiten ein. Alles voll, könnte man glauben. Doch dieser Eindruck stimmt nicht ganz, wenn man sich die neuesten Zahlen der Senatsverwaltung für Gesundheit anschaut. Tatsächlich sind nicht alle Heime an der Kapazitätsgrenze: Von den derzeit 31.627 Pflegeplätzen in Berlin sind nur 89 Prozent belegt. Das entspricht etwa dem Bundesdurchschnitt.

Die Zahl der Pflegeeinrichtungen in der Stadt ist rückläufig. 2009 gab es 299 Heime. Anfang 2019 waren es noch 288 Einrichtungen. Die aktuelle Zahl vom Juli 2020 liegt bei 283 (KURIER berichtete).

Bisher unbekannt war: Allein in den letzten fünf Jahren hat Berlin 18 Pflegeheime dichtgemacht. Sechs jeweils 2016 und 2019. Im Gegenzug wurden in den letzten fünf  Jahren nur zehn Einrichtungen eröffnet, wie der Senat weiter mitteilt. Wo genau Häuser geschlossen oder und neue aufgemacht haben, wird auf KURIER-Anfrage nicht gesagt. Die Verantwortlichen berufen sich auf den Datenschutz. 

Älter werdende Gesellschaft

Im Hinblick auf die älter werdende Gesellschaft lassen die Zahlen so manchen stutzig werden. „Das ist eine ungute Tendenz, der Bedarf wird in den nächsten Jahren steigen. Wir brauchen mehr Heime, viele kleine Einrichtungen, die nah am Wohnort liegen“, sagt Thomas Seerig, pflegepolitischer Sprecher der Berliner FDP. Die Auflagen für den Heimneubau sollten dafür erleichtert werden, findet er.

Tatsächlich sind die Auflagen sehr streng. Experte Michael Lomb vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) erklärt: „Die Standards sind in den letzten Jahren gestiegen. Doppelzimmer wird es nicht mehr geben. Neue Einrichtungen brauchen W-LAN. In Berlin fehlt das günstige Bauland und die Pflegekräfte fehlen auch.“ Ein Pflegeplatz dürfe, wenn ein Heim neu entstehe, nicht teurer als 98.000 Euro sein, sagt er. Laut Lomb ist diese Grenze berlinweit festgelegt. Sonst werden die Heimplätze für die Senioren und die Kassen unbezahlbar.  

Der Mangel an Fachkräften ist auch ein Grund, warum in den vergangenen Jahren so viele Einrichtungen geschlossen wurden. Denn weniger Fachkräfte können nur weniger Senioren versorgen. Die Heimaufsicht des Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) kann die Anzahl der Pflegeplätze begrenzen. Egal, wie groß das Haus ist. Die Folge: In großen Heimen, die ursprünglich für viel mehr Bewohner ausgelegt waren, werden immer weniger Menschen versorgt. Hinzu kommen die baulichen Mängel von Bauten aus den 70er- und 80er-Jahren. Folglich steigen die Kosten und die Heime rechnen sich nicht mehr. Schlussendlich müssen schließen.  

In eine Flüchtlingsunterkunft umgewandelt

 Jüngster Fall ist die Einrichtung in der Lentzeallee (Schmargendorf), die im nächsten Jahr schließt. 85 Bewohner müssen ausziehen. Was mit dem in die Jahre gekommenen 70er-Jahre-Bau passiert, ist noch unklar. Im Jahr 2019 machten das Pflegeheim des Jüdischen Krankenhauses und die Senioren-Domizile Am Alexanderplatz in der Magazinstraße und in der Invalidenstraße zu.  Auch das Marie-Schlei-Haus in Wittenau arbeitete lange unwirtschaftlich und wurde schon vor Jahren in eine Flüchtlingsunterkunft umgewandelt.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste kann in den aktuellen Zahlen aus Berlin keinen Negativtrend erkennen. Dennoch sollte man die Zahlen der freien Pflegeplätze im Blick behalten, heißt es.