Johan aus Winsen/Aller hat Post-Covid – bereits seit zehn Monaten.
Johan aus Winsen/Aller hat Post-Covid – bereits seit zehn Monaten. epd

Das Haus der Familie Armbrust sieht nach fröhlich-trubeligem Familienleben aus. Ein selbstgebasteltes Schild heißt Besucher willkommen, Dogge Bonny springt freudig auf, sobald es an der Tür klingelt, innen herrscht heimeliges Durcheinander. Doch die Lebendigkeit trügt. Zumindest gilt sie nicht für Johan, das jüngste Mitglied der fünfköpfigen Familie. Der Zwölfjährige schleicht aus seinem Zimmer, als seine Mutter Tanja Armbrust ihn ruft. Am Esszimmertisch stützt er seinen Kopf in die Hände und gähnt.

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Johan leidet unter Post-Covid. Seit September ist er Patient in der Long-Covid-Ambulanz für Kinder und Jugendliche der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Diagnose hat er schriftlich. „Das ist für uns wichtig“, sagt Tanja Armbrust. Lehrer, Freunde, sogar die Oma hätten lange nicht an Post-Covid geglaubt. „Wenn einer in Johans Alter nicht zur Schule geht, schlapp ist, rumhängt, glauben alle, er habe bloß keine Lust auf Schule.“

Johan (r., hier mit seiner Mutter Tanja) aus Winsen/Aller erhielt erst im September die Diagnose.
Johan (r., hier mit seiner Mutter Tanja) aus Winsen/Aller erhielt erst im September die Diagnose. epd

Dass Post-Covid und Long Covid schwer zu greifen sind, zeigen schon die beiden Begriffe, die munter durcheinander gehen: Der WHO zufolge werden unter Long Covid Symptome verstanden, die auch vier Wochen nach einer Sars-Cov-2-Infektion noch andauern. Von Post-Covid spricht man bei Beschwerden, die mehr als zwölf Wochen nach der Infektion noch bestehen, anderweitig nicht erklärbar sind oder nach eine Phase der Symptomfreiheit neu auftreten.

Johan hatte sich im März 2022 mit Corona infiziert

Die Häufigkeit kann dem Robert-Koch-Institut zufolge nur geschätzt werden. Bei Erwachsenen ohne Krankenhausaufenthalt seien 7,5 bis 41 Prozent betroffen, bei nicht hospitalisierten Kindern 2 bis 3,5 Prozent. Long- und Post-Covid-Ambulanzen, die auf Kinder und Jugendliche spezialisiert sind, gibt es an mehreren deutschen Kliniken, etwa in Bielefeld-Bethel, München-Schwabing und Jena.

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Johan hatte sich im März 2022 mit dem Coronavirus infiziert. Zehn Tage habe er flachgelegen, sagt seine Mutter. Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, „als stecke der Kopf in einer Schraubzwinge“, Herzrasen, Atemnot – so beschreibt die 44-Jährige die Symptome. Ihr Sohn sitzt neben ihr, den Blick gesenkt, er nickt.

Das Trainingstagebuch von Johan
Das Trainingstagebuch von Johan epd

Als es ihm besser geht, setzt sich Johan aufs Rad, um zur Schule zu fahren. So wie immer, ein Weg von fünf Minuten. „Er schaffte es nicht, ich musste ihn fahren“, erinnert sich die Mutter. Martin Wetzke, Leiter der Hannoveraner Long-Covid-Ambulanz, hört solche und ähnliche Schilderungen oft: „Die Kinder rennen nach überstandener Infektion dem Schulbus hinterher oder in die dritte Etage zum Klassenraum und sind völlig aus der Puste“, sagt der Kinder-Lungenarzt.

Johan ist immer müde, hat Gleichgewichtsstörungen

Bei Johan aber ist es noch schlimmer. Er ist immer müde, hat Gleichgewichtsstörungen, kommt morgens kaum aus dem Bett. „Manchmal ist er auf allen Vieren zur Toilette gekrabbelt“, sagt Tanja Armbrust.

Johan geht in die fünfte Klasse, im Frühsommer kommt er bereits auf 57 Fehltage. Mehr als zwei- bis dreimal die Woche schafft er es nicht in den Unterricht, die Konzentration fällt ihm schwer. „Die Lehrer zeigten wenig Entgegenkommen“, sagt die Mutter. „Da hieß es nur, Johan solle die Klasse wiederholen.“

Johan hatte sich im März 2022 mit dem Coronavirus infiziert.
Johan hatte sich im März 2022 mit dem Coronavirus infiziert. epd

Auch der Kinderarzt weiß keinen Rat. „Körperlich war ja nichts festzustellen“, sagt Tanja Armbrust. Es war eine Vertreterin des Kinderarztes, die die Familie dann an die Ambulanz verwies. Für die Familie ein Lichtblick. „Wir wurden endlich ernst genommen“, so Johans Mutter. Und vor allem: Die Untersuchungen zeigten, dass der Zwölfjährige unter keiner anderen, womöglich gefährlichen Erkrankung leidet. Das sei trotz allem eine Erleichterung gewesen.

Es gehe ihm schon besser, sagt Johan

Neben Ultraschalluntersuchung des Herzens, MRT, EKG, Lungenfunktionstests und Blutuntersuchungen wird Johan an der Medizinischen Hochschule auch sportmedizinisch untersucht. Er bekommt einen Sportplan für zu Hause und ein Fitnessarmband, das seine Bewegungsdaten festhält.

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Wichtig sei, sagt Oberarzt Wetzke, dass sich Long- und Post-Covid-Patienten nicht überforderten. Bewegung sei gut, aber nicht zu viel. „Sie müssen mit ihren Kräften haushalten.“ Ein schmaler Grat für einen Zwölfjährigen. „Manchmal tobe ich in der Pause“, erzählt Johan. Seine Mutter blickt ernst: „Wenn er es übertreibt, bekommt er die Quittung und liegt dann zwei Tage flach.“

Johan (r.) mit seiner Schwester Lara (l.) und seiner Mutter Tanja
Johan (r.) mit seiner Schwester Lara (l.) und seiner Mutter Tanja epd

Die Schule hat Johan inzwischen gewechselt, auf der neuen Schule erhält er wegen seiner Diagnose einen Nachteilsausgleich. „Ich soll mich nur auf die Hauptfächer konzentrieren“, sagt er erleichtert.

Auch Lara und Max, Johans Geschwistern, hilft die Diagnose. „Wir müssen manchmal seine Aufgaben im Haus übernehmen oder auf Ausflüge verzichten, weil Johan schlapp ist“, erzählt die 16-Jährige. „Jetzt wissen wir zumindest, dass er nichts dafür kann.“

Es gehe ihm schon besser, sagt Johan. „Ich bekomme es hin, aber es wäre schön, wenn es mir wieder richtig gut ginge.“ Und dann hat er noch einen Wunsch – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, zumindest in der Zeit vor Corona: „Ich möchte meinen Geburtstag mit Freunden feiern, das habe ich drei Jahre lang nicht gemacht.“