Ein Blick auf das Gericht in Brescia. In dem Prozess gegen zwei Münchner nach dem Motorboot-Unfall vom Gardasee mit zwei Toten sind vorerst neun Verhandlungstage bis März anberaumt. AP/dpa/Antonio Calanni

Als der angeklagte Münchner leise um Vergebung bittet für den furchtbaren Unfall vom Gardasee, ist es im Gerichtssaal 67 still. Es ist aber kein andächtiges, trauerndes Schweigen am Mittwoch im Palazzo di Giustizia von Brescia – sondern angespannte Stille.

Der Deutsche spricht zu den Eltern von Greta Nedrotti, vor denen ein Strauß mit 25 weißen Rosen liegt. 25 Jahre alt war Greta, als sie in einer Juni-Nacht auf dem Gardasee zusammen mit ihrem Freund Umberto Garzarella (37) von einem Motorboot überfahren wurde und starb.

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Anwesender Angeklagter: „Es tut mir von Herzen leid“

„Es tut mir von Herzen leid“, sagt der wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Mann. Seine Frau steht daneben und weint. Die Hinterbliebenen in Italien trauern seit fast fünf Monaten. In diesem Moment überwiegt bei ihnen die Empörung.

„Haben Sie kein Gewissen?“, fragt jemand der mehr als zwei Dutzend Familienangehörigen und Freunde, die zum Prozessauftakt nach Brescia gekommen waren. Er selbst könne nicht mehr schlafen, erzählte der Deutsche, der in Italien unter Hausarrest steht, vorsichtig. „Meinen Sie denn, wir können schlafen?“, ruft jemand. „Und wo ist eigentlich Ihr Freund?“ Einige Anwesende klatschen. Der zweite deutsche Angeklagte ist zum Prozessauftakt nicht erschienen.

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Raffaele Nedrotti (re.), und seine Frau Nadia, die Eltern von Greta, die bei einer Bootskollision auf dem Gardasee ums Leben kam, sprechen nach einer Anhörung vor dem Gericht von Brescia mit Journalisten.

Die Männer haben in der Nacht des 19. Juni Greta Nedrotti und Umberto Garzarella getötet, so die Anklage. Das Liebespaar schaute sich gerade die Sterne über dem Gardasee an, Greta wollte später noch auf eine Party gehen. Kurz vor Mitternacht aber waren beide tot.

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Beide Angeklagten waren betrunken über das Wasser gerast und auf das Boot des Paares gekracht

Die Münchner waren den Ermittlungen zufolge im Motorboot über das Wasser gerast und auf das Boot des Paares gekracht. Während Umberto sofort starb und die über Bord geschleuderte Greta ertrank, fuhren die Männer nach Salò und legten an. Eine Überwachungskamera filmte einen der zwei, wie er ins Wasser plumpste und davontorkelte.

Einige Details dieses furchtbaren Samstagabends waren zuletzt bereits an Medien durchgesickert. Nun werden sie im Strafprozess in Brescia verhandelt. Dem Angeklagten droht eine Haftstrafe von fünf Jahren.

Nach einer eher technischen Auftaktsitzung, die um 9.07 Uhr begann und 42 Minuten später schon wieder vorbei war, soll es am 16. Dezember die ersten Zeugenbefragungen geben. Zunächst sind neun Verhandlungstage bis März anberaumt. Der Richter kündigte an, dass in dem Verfahren möglicherweise nicht alle Termine benötigt werden.

„Wir haben nichts mehr“, klagt Gretas Mutter, die ihre einzige Tochter verlor. „Ich kann mich nur entschuldigen“, sagt der Münchner. Ein Unfall könne passieren, räumt daraufhin Enzo Garzarella, Umbertos Vater, ein. Unfassbar sei aber, dass die beiden Motorboot-Insassen kurz nach dem Unfall und ersten Polizeibefragungen kommentarlos und ohne persönliches Treffen nach Deutschland zurückgekehrt seien. „Dann einfach abzuhauen ...“, schimpft Garzarella. „Hier geht es um Demut.“

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Beide Angeklagten flüchteten nach der Tat nach Deutschland

Als kurze Zeit später ein europäischer Haftbefehl ausgestellt wurde, stellte sich einer der beiden Deutschen – der mutmaßliche Bootslenker an jenem Abend – der Polizei in einer Nacht-und-Nebel-Aktion am Brenner. Er kam in Untersuchungshaft und dann in Hausarrest.

Am Mittwoch wendet sich der Münchner dann erstmals persönlich an die Familien der zwei Toten. „Ein bisschen spät nach vier Monaten ...“, findet Gretas Vater. Die Hinterbliebenen hatten sich zuvor als Nebenkläger zurückgezogen, nachdem sie sich mit einer deutschen Versicherung auf die Zahlung einer Entschädigungssumme geeinigt hatten. „Das Geld bringt uns Greta nicht zurück“, sagt ihre Mutter. „Dieser Schmerz bleibt mir bis zum Tod“, fügt Enzo Garzarella hinzu.

Vieles aus der Todesnacht hatten Ermittler bereits rekonstruiert: Nach Aussagen von Zeugen – auch in Medien – seien die Deutschen am späten Abend nach einem Restaurantbesuch mit dem Boot losgefahren. Eine Überwachungskamera zeigte, wie das Boot der prestigeträchtigen Marke Riva durch die Nacht raste. Verbotenerweise waren die grellen Frontlichter eingeschaltet, sodass die Sicht auf die Umgebung eingeschränkt war. Sachverständige errechneten, dass die Münchner mit dem Vierfachen der erlaubten Geschwindigkeit unterwegs waren.

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Videobeweise zeigen den tödlichen Crash

Um 23.24 Uhr kam es dann vor dem Örtchen Portese zu dem Crash: Auf Videobildern ist ein kleiner, schwacher Punkt zu sehen, das Boot des italienischen Pärchens. Dann nähert sich schnell ein großer, greller Punkt. Beim Aufprall hebt das Motorboot ab, bremst danach aber nicht.

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Italienische Forensiker begutachten im Juni 2021 den Schaden an dem Boot, indem das junge Paar in der verhängnisvollen Nacht saß.

Die Deutschen gaben Medienberichten zufolge bei der Befragung der Polizei an, dass sie von Treibholz ausgegangen seien. Umbertos Vater erzählte, dass er am Sonntagmorgen das Holzboot seines Sohnes bei einem Spaziergang am See gesehen, sich aber nichts dabei gedacht habe. Ein Fischer entdeckte Umberto kurz darauf tot an Bord. Taucher fanden Greta in knapp 100 Metern Tiefe am Grund des Sees.