Der Angeklagte sitzt im Landgericht auf der Anklagebank. Dem Mann wird vorgeworfen, im Juli 2020 seine Ehefrau vor den Augen mehrerer Schüler in einem Linienbus erstochen zu haben. Foto:  Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Der Bus der Linie 71 hatte sein Ziel kurz vor Obergünzburg im Landkreis Ostallgäu fast erreicht, als die Attacke begann. Unvermittelt und mehrfach stach der Angreifer Zeugenaussagen zufolge am 6. Juli 2020 mit einem Küchenmesser auf eine Frau ein, bis er vom Busfahrer überwältigt wurde. Das Opfer starb, mehrere Schüler erlebten die Tat mit. Seit Dienstag muss sich der Ehemann des Opfers wegen Mordes an der 27-Jährigen vor dem Kemptener Landgericht verantworten. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft. Zum Prozessauftakt schwieg der Angeklagte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die Tat geplant und heimtückisch ausgeführt zu haben - aus Rache für eine vermeintliche Erniedrigung (Az.: 210 Js 12078/20).

Demnach hatte der 38 Jahre alte Afghane seine Frau und Kinder zuvor körperlich misshandelt. Im November 2019 habe er unter anderem seiner Tochter einen Teller gegen den Kopf geworfen, nachdem sie aus seiner Sicht zu spät nach Hause gekommen war. Als seine Frau einschritt, habe er sie mehrfach geschlagen – und schon zu diesem Zeitpunkt der Tochter gedroht, er werde ihre Mutter erstechen.

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Angeklagter misshandelte Ehefrau und die gemeinsamen Kinder

Als die Frau mit den gemeinsamen Kindern vom Angeklagten wegzog und ein Kontaktverbot für ihren Ehemann erwirkte, habe dieser einen „erheblichen Groll“ entwickelt, so die Staatsanwaltschaft. Er habe sich darüber geärgert, die Rolle des Familienoberhaupts nicht mehr ausfüllen zu können. Der Mann habe befürchtet, deshalb in der afghanischen Gemeinde in Obergünzburg an Ansehen zu verlieren.

Gestützt wurden diese Vorwürfe durch eine Freundin des Opfers. Sie sagte vor Gericht aus, der Angeklagte sei oft eifersüchtig auf seine Frau gewesen und habe diese „verdächtigt“, mit anderen Männern zu reden. Zudem habe er sie immer wieder misshandelt und bedroht. Unter anderem habe er den gemeinsamen Kindern gesagt, er werde aus ihr „Hackfleisch machen“.

In der Folge habe die Frau oft Angst gehabt, sagte die Zeugin. Sie habe deshalb auch einen längeren Weg zum Bus auf sich genommen, um an einer Haltestelle zu warten, an der mehr Menschen unterwegs seien. Den Angeklagten hätten die beiden Frauen während der Busfahrt nach Obergünzburg auf dem Rückweg vom Deutschkurs in Kempten zwar erkannt, der Angriff selbst habe sie dennoch überrascht.

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Das Opfer hatte keine Chance den Angriff zu überleben

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft plante der Angeklagte genau deshalb eine Attacke in der Öffentlichkeit: Er sei davon ausgegangen, dass sich die Frau im Bus sicher fühlen würde. Mehrere Fahrgäste sagten vor Gericht aus, der Angriff sei von hinten und ohne Vorwarnung erfolgt. „Sie hatte keine Chance“, sagte ein Schüler, der den Angriff miterlebt hatte.

Nach Angaben mehrerer Fahrgäste wurde die Attacke erst durch das Einschreiten des Busfahrers beendet. Der 31-Jährige habe den Angreifer überwältigt und aus dem Bus geworfen. Das Opfer sei zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr ansprechbar gewesen.

Dem Obduktionsbericht zufolge starb die Frau sehr schnell an den Folgen von mehreren der elf Stichverletzungen. Unter anderem wurde durch einen der Messerstiche die rechte Herzkammer abgetrennt, auch Lunge, Leber und Zwerchfell wurden getroffen.

Die vor Ort eingeleitete Wiederbelebung sei „aussichtslos“ gewesen, sagte eine Gerichtsmedizinerin. Das Herz der Frau habe vermutlich schon aufgehört zu schlagen, als der Angreifer noch auf sie einstach. Abwehrverletzungen habe man nicht entdeckt.

Der Ehemann der Frau wurde nach kurzer Flucht von der Polizei festgenommen und sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft. Mit einem Urteil im Mordprozess gegen ihn ist nach Angaben des Kemptener Landgerichts Mitte Februar zu rechnen.