Bundesweit haben die Telefonseelsorgestellen eine Zunahme der Anrufe verzeichnet. Foto: Armin Weigel/dpa

Mindestens anderthalb Meter Abstand, lautet eine wichtige Corona-Regel. Viele Menschen haben sich deutlich weiter voneinander entfernt. Sie leben allein in ihren vier Wänden und haben kaum Kontakt zu anderen. So habe die Hamburger Telefonseelsorge  in der ersten Phase der Corona-Pandemie zwischen Mitte März und Mitte Mai 25 bis 30 Prozent mehr Anrufe bekommen als sonst, sagt Stefan Deutschmann, Leiter des Fachbereichs Beratung und Seelsorge beim Diakonischen Werk Hamburg.

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Bundesweit haben die rund 100 von den beiden großen Kirchen getragenen Telefonseelsorgestellen eine ähnlich große Zunahme der Anrufe verzeichnet. In rund 40 Prozent der Telefonate seien die Einschränkungen, Verunsicherungen und Veränderungen durch Corona Hauptthema gewesen. Um Verunsicherung und Ängste drehten sich 16 Prozent der Gespräche, um Alleinsein und Einsamkeit 24 Prozent. Auch im September 2020 zählte die Telefonseelsorge mit 81.000 Anrufen weiterhin mehr als im Vorjahresmonat. Damals waren es 75.000 gewesen. Zudem hätten sich viele Jüngere über Mail und Chat gemeldet.

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Der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski warnt vor einer dramatischen Zunahme der Einsamkeit. „Die Pandemie droht zur Epidemie der Einsamkeit zu werden. Seit den ‚Bleib-zu-Hause‘-Empfehlungen der Politik wohnen und leben immer mehr Menschen in Deutschland ‚allein daheim‘“. In einer repräsentativen Umfrage stellte er fest, dass die Sorge vor Vereinsamung beinahe genauso verbreitet ist wie die Angst vor Altersarmut. Mitte März dieses Jahres, als in Deutschland der Lockdown begann, waren 84 Prozent der Ansicht: „Für viele ältere Menschen wird in Zukunft die Kontaktarmut genauso belastend wie die Geldarmut sein.“ In einer Befragung im Januar 2019 hatten nur 61 Prozent dieser Aussage zugestimmt.

Zukunftsforscher Horst Opaschowski warnt vor einer „Epidemie der Einsamkeit“.
Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Im vergangenen Mai gaben 80 Prozent der Befragten in einer Umfrage des Forsa-Instituts an, besonders belaste sie der fehlende Kontakt zu Familie und Freunden. Die Folgen der Pandemie hätten viele Menschen auf eine psychische Belastungsprobe gestellt, erklärte die Techniker Krankenkasse (TK), die die repräsentative Studie in Auftrag gegeben hatte. Die Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen nähmen allerdings schon seit Jahren zu.

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Grenzen von Einsamkeit, Depressionen und psychischen Erkrankungen seien fließend

Opaschowski macht in seinem neuen Buch „Die semiglückliche Gesellschaft“ auf die langfristigen Folgen aufmerksam. In der künftigen Gesellschaft des langen Lebens werde die größte Armut im Alter die Kontaktarmut sein, prophezeit er. Immer mehr Menschen lebten im Alter allein. Sie hätten deutlich weniger soziale Kontakte als in früheren Jahren, vermissten die Arbeitskollegen und die Anerkennung im Beruf. Die Grenzen von Einsamkeit, Depressionen und psychischen Erkrankungen seien fließend.

Die Bundespsychotherapeutenkammer hatte bereits im August auf diese Gefahr hingewiesen. „Neben Depressionen und Angststörungen, akuten und posttraumatischen Belastungsstörungen können auch Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Zwangsstörungen und Psychosen zunehmen“, erklärte Kammerpräsident Dietrich Munz. Ältere zählten zu den am stärksten betroffenen Gruppen. „Bei vielen, die 75 Jahre und älter sind, wird aus der Angst sich anzustecken nicht selten Todesangst und aus Rückzug totale Isolation“, so die Kammer unter Berufung auf praktische Erfahrungen von Psychotherapeuten. „Am Ende quälen sie sich mit der Erwartung, wegen Corona allein zu sterben.“