Younes Zarou ist bekannt für farbenfrohe Bilder und Videos auf Tiktok. Foto: Tony SK

Younes Zarou ist Deutschlands erfolgreichster Tiktoker. Gut ein Jahr ist der 22-jährige Student nun auf der Plattform aktiv – und hat mittlerweile mehr als 10 Millionen Follower. Sein Erfolgsrezept: farbenfrohe Videos mit Wasser und überraschenden visuellen Effekten – und das Geheimnis hinter den oft spektakulären, aber verblüffend einfachen Effekten. Wieso er im April einen ganzen Monat am Stück live ging und ob er sich um die Zukunft von Tiktok sorgt, verrät er dem KURIER im Interview.

KURIER: Herr Zarou, am 22. August 2019 haben Sie Ihr erstes Tiktok-Video hochgeladen, jetzt haben sie 10 Millionen Follower. War das so geplant?

Zarou: Nein (lacht). Als ich mit Tiktok angefangen habe, war mein Ziel, Ende 2020 100.000 Follower zu haben, und das war auch kein fest definiertes Ziel. Ich hab gar nicht daran gedacht, 10 Millionen Follower zu haben oder Deutschlands erfolgreichster Tiktoker zu werden. Einfach, weil es so absurd war. Und dann ist die Zahl der Follower auf einmal rasant gestiegen.

Wenn Sie Ihr erstes Ziel so drastisch übertroffen haben, was sind die neuen Ziele?

Ich will meine Community einfach weiter unterhalten und inspirieren. Um Zahlen geht es mir da gar nicht.

Sie setzen in Ihren Videos nicht nur auf visuelle Effekte, sondern verraten auch, wie Sie diese erzeugen. Wie kamen Sie darauf?

Tatsächlich durch meine Community. Ich habe am Anfang ganz andere Videos gemacht. Als ich dann einmal ein kreatives Video hochgeladen hatte, wollten viele wissen, wie ich das gemacht hab, andere dachten, das sei Fake. Und dann hab ich am nächsten Tag ein Tutorial gedreht, das dann mit 40 Millionen Views viral gegangen ist.

Sie sind im Management sehr professionell aufgestellt, doch die meisten Videos entstehen in der Einfahrt Ihres Elternhauses mithilfe Ihrer Familie. Was bedeutet Ihnen das?

Hier hat alles begonnen. Dieser Hof ist der viralste Hof von Tiktok. Es macht uns ja aus, so zu arbeiten, direkt bei uns zu Hause. Diese einfachen, kreativen Videos, die ich zu Hause drehe, die kann ja jeder nachmachen. Und das ist mir auch wichtig, dass ich meine Community so inspirieren kann.

Sie sprechen oft von Ihrer Community. Wie funktioniert der Austausch?

Ich gehe sehr oft live. Vor allem auf dem deutschen Kanal. Zur Erklärung: Ich habe zwei Kanäle, einen deutschen und einen internationalen. Der internationale Kanal hat 10 Mio. Follower. Im Live spielen wir Spiele zusammen, ich erzähle von meinen privaten Erlebnissen und sie können mir Fragen stellen. Versuche immer, so viele Nachrichten wie möglich zu beantworten. Außerdem habe ich WhatsApp-Gruppen mit der #yzfamily (So nennt Zarou seine Fans, Anm. d. Red.), die schon länger dabei sind.

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Das klingt sehr nahbar. Wie kombinieren Sie so eine Nähe mit professioneller Arbeit?

Ich habe ja angefangen, weil es mir Spaß macht, und ich mache es auch jetzt noch, weil es mir Spaß macht, und in Zukunft genauso. Ich sehe das gar nicht in erster Linie als Business. Ich nenne meine Community nicht ohne Grund #yzFamily, sie ist für mich wirklich wie eine Familie. Wenn ich Probleme hab, sind sie für mich da, wenn sie Probleme haben, versuch ich, für sie da zu sein.

Und doch ist es ja ein Beruf, oder?

Ich hatte früher zwei Traumberufe: Profifußballer oder Social-Media-Star. Von daher würde es mich sehr freuen, wenn ich damit meinen Lebensunterhalt finanzieren kann.

Können Sie das denn inzwischen?

Seit ich auf Tiktok aktiv bin, habe ich bisher im unteren fünfstelligen Bereich verdient. Dagegen stehen hohe Ausgaben für Farben, viel Glitzer, Equipment etc. Für Fotoshootings mit visuellen Effekte in der Frankfurter Innenstadt bezahle ich auch noch ein Team.

Ist es denn auf Tiktok schwieriger, Geld zu verdienen, als zum Beispiel auf Instagram?

Instagram ist in Sachen Monetarisierung weit voraus. Tiktok steckt da noch in den Kinderschuhen. Aber Facebook hat sich am Anfang auch schwergetan. Immer mehr Firmen kommen langsam auf Tiktok. Das geht auf jeden Fall in eine sehr, sehr gute Richtung gerade.

Besonders große Aufmerksamkeit haben Sie durch Ihre „Stay at home“-Challenge gewonnen, bei der Sie Ihr Leben einen Monat am Stück live gestreamt haben, um in der Corona-Krise dazu aufzurufen, zu Hause zu bleiben. Wie war das, einen Monat alles zu teilen?

Ich komme aus einer Großfamilie. Von daher war es für mich kein Problem, die ganze Zeit unter Beobachtung zu stehen. Außerdem habe ich das wirklich extrem gerne gemacht. Wenn ich könnte, würde ich das noch mal für 30 Tage machen. Aber das kann ich nicht. Ich wohne noch bei meiner Familie, und das wäre, glaube ich, eine Zumutung für sie.

Mit dieser Challenge waren Sie Ihren oft jungen Followern auch ein gutes Vorbild. Ist Ihnen das wichtig, diese Rolle auch einzunehmen?

Ich sage immer: Reichweite verpflichtet. Und ich habe jetzt 10 Millionen Follower. Das ist nicht nur eine riesige Zahl, sondern auch eine riesige Verantwortung. Und die nehme ich gerne an und versuche, meine Community für wichtige Themen zu sensibilisieren, sei es Corona, die Pride-Campagne oder Black Lives Matter. Wichtig ist, dass man für Werte einsteht und Haltung zeigt.

Welche Werte sind Ihnen denn wichtig?

Drei Stichworte: Nachhaltigkeit, Offenheit und Transparenz.

Reichweite bringt auch Neid und Hass mit. Gerade, wenn man sich für gesellschaftliche Themen engagiert. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ich finde, auf Tiktok ist die Community nicht so hart und beleidigend wie auf anderen Plattformen. Auf Instagram kam es unter einem Video von mir mal zu Hasskommentaren und starken Beleidigungen. Und das Traurige war, dass das Leute waren, die schon mitten im Leben standen. Klar gibt es auch auf Tiktok manchmal Hate, aber man wird nicht so fertiggemacht.

Wie gehen Sie mit Hatern um?

Ich versuche, positiv zu agieren. Mir hat mal ein Junge geschrieben, ich mache voll die schlechten Videos. Ich bin dann auf sein Profil gegangen und hab dort seine Videos gelobt. Dann hat er sich mega gefreut, sich entschuldigt und gesagt, dass er einfach nur einen schlechten Tag hatte.

Wie erklären Sie sich, dass Hass im Netz offenbar mehr von Älteren kommt als von Jüngeren, die ihr ganzes Leben mit dem Internet aufgewachsen sind?

Gerade die Kids sehen mich ja als Vorbild, schauen zu mir hoch wie zu einem großen Bruder. Aber die Menschen, die vielleicht etwas älter sind als ich, gönnen mir den Erfolg vielleicht nicht.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?

Ich drehe erst die Videos für meinen Hauptkanal, dann produziere ich Videos für meinen deutschen Kanal. Jeden zweiten Tag gehe ich trainieren – und wenn ich nicht trainieren gehe, beantworte ich die Fragen meiner Community. Abends folgt noch ein Live und dann geht es ins Bett.

Dabei studieren Sie eigentlich Wirtschaftsinformatik. Oder liegt das im Moment auf Eis?

Nein. Ich studiere noch. Aktuell sind aber Semesterferien, dadurch habe ich im Moment mehr Zeit für Tiktok. Ich will das Studium aber auf jeden Fall durchziehen.

Auch auf Eis liegt im Moment der Status von Tiktok in den USA. Haben Sie Kontakt zu Tiktokern in Amerika? Wie ist da die Stimmung?

Ich habe mit einigen größeren Accounts Kontakt. Gerade die Creator in Amerika hoffen, dass Tiktok nicht gebannt wird. Auch insgesamt wäre es sehr schade, weil die meisten Trends und viele der ganz großen Creator aus Amerika kommen. Aber ich glaube nicht, dass es das Ende für Tiktok in Europa wäre. Auch in Südamerika, Asien und Australien ist Tiktok sehr groß.

Eine andere Bedrohung für Tiktok könnte Instagram sein, das sogenannte Reels eingeführt hat und so die beliebte Tiktok-Funktion kopiert hat. Oder ist das Original einfach besser?

Ich benutze auf Instagram auch Reels. Aber es ist nicht das Gleiche. Auf Tiktok kann man die Videos viel besser und kreativer direkt in der App umsetzen. Außerdem ist die Dynamik eine ganz andere. Instagram müsste eigentlich den ganzen Algorithmus der App umschreiben, weniger auf die Follower und mehr auf den Content an sich setzen.

Wie muss denn guter Content auf Tiktok aussehen, damit Deutschlands erfolgreichster Tiktoker ihn anschaut?

Ein Video, bei dem ich stehen bleibe, muss dynamisch sein. Ich muss mitten im Geschehen sein. Es muss einen Spannungsbogen haben, der immer weiter ansteigt und man kaum abwarten kann, was zum Schluss passiert. Und dann kommt dieser Wow-Effekt. Das ist es, was Tiktok-Videos ausmacht.