Sie gehörten einst so felsenfest zur Büro-fokussierten Arbeitswelt wie Kantinen, Aktenordner, Krawatten und konservative Haarschnitte: Klassische Businessschuhe zwischen rahmengenähtem Oxford und glänzendem Derby. Meist aus Leder, häufig geschnürt, seltener als Slipper, rundeten sie jedes seriöse Office-Outfit selbst dann nach unten ab, wenn sie weite Teile des Arbeitstags unter dem Schreibtisch unsichtbar verborgen blieben.
Doch ebenso, wie viele andere der genannten Klassiker scheinen die Business-Exemplare sich auf einem ziemlich absteigenden Ast zu befinden. Das zumindest verraten einige der Zahlen, die der Schuhfachhandel-Gigant SIEMES Schuhcenter in einer umfassenden Studie offenlegt.
Bequeme Schuhe hui - Businessschuhe pfui?
Nicht nur die Berliner sind ausnehmende Fans von bequemen Schuhen aus der sportlichen Kategorie geworden - auch auf der Arbeit. Leidtragende sind die ledernen Klassiker, ohne die noch vor wenigen Jahren kein komplettes Geschäfts-Outfit denkbar war. Folgendermaßen sehen die Zahlen aus:
· Allein zwischen 2013 und 2017 verloren klassische lederne Damen- und Herrenschuhe hierzulande 5,5 Prozentpunkte Marktanteile.
· Am stärksten wurde der Businessschuh gebeutelt. Er wird nur noch von 8,3 Prozent der Deutschen gerne getragen - obwohl 55,1% Prozent der Beschäftigten hauptsächlich Büroarbeit ausüben.
· Dem gegenüber bevorzugen ganze 76,3 Prozent der Deutschen Sneaker und tragen 24,6 Prozent der Befragten regelmäßig Sportschuhe.
Für Fans der Klassiker sind das definitiv keine guten Nachrichten. Denn Businessschuhe waren über Jahrzehnte hinweg viel mehr als nur Kleidung. Sie galten als der Inbegriff für Seriosität, Leistungsbereitschaft, sogar gesellschaftliches Standing. Ein gepflegter Lederschuh, zusammen mit einem passenden Outfit, war geradezu ein Signal: Hier steht jemand mitten im Berufsleben und trägt Verantwortung - egal, wie weit unten er tatsächlich in der Firmenhierarchie stand.
Aber: Dass diese Schuhe langsam verschwinden, ist fast schon ein Automatismus. Denn alles, wofür sie stehen, befindet sich schon seit geraumer Zeit im Wandel. Businessschuhe gehören zu einer Ära, in der Hierarchien klar und steil, Büros groß und anonym und Arbeit von täglicher Präsenz geprägt war - und man nach Feierabend grundsätzlich in andere Outfits schlüpfte. Das entspricht jedoch immer seltener der Realität individueller Berufe und ganzer Firmen.
Unsere neue Arbeitskultur: Clogs statt Chelseas
Die Schuhcenter-Studie zeigt, dass klassische Schuhe schon in den 2010ern einen Knick erlebten. Allerdings lässt sich die wirkliche „Wasserscheide" Anfang dieses Jahrzehnts finden - als die Pandemie insbesondere die Büroarbeit radikal - und wahrscheinlich für immer - veränderte.

Die Pandemie mag geendet haben. Sie sorgte jedoch nicht nur dafür, dass sich hybride Arbeitsmodelle zu einer etablierten neuen Normalität entwickelten, sondern ebenso, dass die zuvor etablierten förmlichen Dresscodes vielerorts selbst dort nicht mehr in die Büros zurückkehrten, wo es die Mitarbeiter taten - wenigstens für wenige Tage pro Woche.
Die Folge: Selbst in Banken, Kanzleien und ähnlich konservativen Branchen ist Smart Casual samt Sneaker mittlerweile der gängige, zumindest aber akzeptierte Look - wo dieser Dresscode zuvor vielerorts einen üblen Stilbruch bedeutet hätte. Und in anderen Sparten, wo es schon vor der Pandemie leger zuging, sind vielfach sogar sämtliche Schranken gefallen und herrscht höchstens die stille Übereinkunft, irgendein straßentaugliches Outfit zu tragen.
Der Grund für das alles geht aber tiefer als die reine Gewöhnung durch COVID: Die Pandemie sorgte vielerorts für Hierarchieabbau. Kleidung soll daher heute funktional und authentisch sein, nicht einschüchtern oder Status demonstrieren. Sie soll Kompetenz vermitteln und bei effektivem Arbeiten nicht hinderlich sein. Der Businessschuh mitsamt seiner Symbolik passt da für viele nicht mehr wirklich ins Bild.
Psychologie der Bequemlichkeit: Image ist nichts
Allerdings handelt es sich nicht nur um einen arbeitskulturellen, sondern ebenso körperlichen Wandel. Menschen verbringen zunehmend mehr Zeit auf den Beinen - höflich formuliert. Homeoffice, Coworking-Space, Kinderbetreuung, Späti, Supermarkt - die Schnelllebigkeit, die wir in den vergangenen Jahrzehnten durch Internet und Digitalisierung erlernten, ist längst auch in unser analoges Dasein vorgedrungen.
Damit einher gingen völlig andere Prioritätensetzungen an Mode im Allgemeinen und Schuhe im Besonderen:

Zweifellos, ein wirklich passender, hochwertiger Businessschuh kann sehr bequem sein. Ein solches Stück zu finden, kann jedoch aufwendiger und teurer sein, als zu einem Sneaker zu greifen, der selbst in der günstigsten Variante leicht und komfortabel ist.

Sozialer Wandel: Steife Distanz war gestern
Last, but not least, muss man auch noch einen gesellschaftlichen Wertewandel betrachten. Früher bestand eine Rolle von Kleidung darin, Autorität und Status auszustrahlen - auch abseits des Berufs. Stücke, die diese Funktion erfüllen, wirken jedoch auf viele Menschen heutzutage zwangläufig etwas autoritär, distanzierend, einschüchternd oder bloß protzig.
Selbst wer ein gestandenes Unternehmen anführt, kein Start-up, gilt heute nicht mehr als respektlos, wenn er mit Hoodie und Sneakern auftritt. Im Gegenteil, die meisten werden ihn durch den Look als nahbaren, bodenständigen Charakter wahrnehmen. Jemand, von dem man sich verstanden fühlt - nicht überwältigt oder gar belehrt. Diese neue
„soziale Dynamik" ist definitiv auch wichtig für den Businessschuh und alle Outfits, zu denen man ihn tragen kann. Denn Kleidung ist ein wichtiger Teil nonverbaler Kommunikation. Zu formell gekleidet zu sein, birgt rasch die Gefahr, unmodern, steif oder Ähnliches zu sein.
Fazit: Der Businessschuh verschwindet - allerdings aus gutem Grund
Mode ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Daher geht gesellschaftlicher Wandel stets mit veränderten Modegewohnheiten und -akzeptanz einher. Insofern sind die Zeiten, in denen konservative Businessoutfits Karrierechancen bestimmten, bis auf Weiteres vorbei.
Sneaker und Co. haben nicht nur gewonnen, weil sie bequem(er) sind. Sie sind ebenso Symbol für eine Epoche, in der immer weniger Menschen Arbeit und Freizeit strikt trennen und andere Maßstäbe an Mode anlegen.
Anders formuliert: Businessschuhe haben ihren Status nicht verloren, weil sie schlechte Schuhe wären, sondern weil die heutige Gesellschaft sie, im Gegensatz zu früher, kaum noch braucht, um ernst genommen zu werden oder erfolgreich zu sein.
