Luis Urzua (li.) und Jorge Galleguillos, zwei der Bergleute, die vor zehn Jahren gerettet wurden, stehen an dem Ort, an dem der erste Kontakt zwischen den Bergleuten, die in der San-Jose-Mine verschüttet waren, und den Rettungskräften stattfand.  Foto: Alex F. Catrin/dpa

Die ganze Welt fieberte mit, als vor zehn Jahren 33 verschütteten Bergleute aus der Mine San José in der Atacama-Wüste in einer spektakulären Rettungsaktion an die Erdoberfläche geholt wurden. Über eine Milliarde Menschen verfolgten das „Wunder von Chile“ live im Fernsehen. Heute aber fühlen sich viele der Kumpel verraten und verkauft. „Die Welt hat uns vergessen“, klagt der bolivianische Bergmann Carlos Mamani in der Zeitung „El Mercurio“. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern immer noch in Copiapó nahe der Mine. Zwei Jahre war er in psychologischer Behandlung, um sein Trauma zu überwinden. „Ich werde nie mehr unter Tage arbeiten“, sagt er.

69 Tage mussten die Männer in 700 Meter Tiefe ausharren, bis sie schließlich mit der eigens angefertigten Rettungskapsel „Phönix“ am 13. Oktober 2010 wieder an die Oberfläche gebracht werden konnten. In den ersten 17 Tagen wussten die Kollegen und Angehörigen gar nicht, ob die Männer das Minenunglück überhaupt überlebt hatten. Dann endlich drang die Rettungsmannschaft mit einem Spezialbohrer und einer Sonde zu den Verschütteten durch. Die Männer schickten einen Zettel nach oben: „Uns geht es gut im Schutzraum. Die 33.“

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José Ojeda hatte damals die Botschaft geschrieben, die die Familien im Camp „Esperanza“ (Hoffnung) aufatmen ließ. Heute geht es ihm gar nicht gut. Er ist an Herz, Prostata und Nieren erkrankt, leidet unter Diabetes und hat psychische Probleme. Auch Jonny Barrios sagt: „Mir geht es schlecht“. Er hat eine Staublunge und ist wegen der Corona-Pandemie seit Monaten zu Hause in Quarantäne. Nach der Rettung aus der Mine seien ihnen viele leere Versprechungen gemacht worden, klagt er.

Ergreifende Szenen: Der Bergarbeiter Florencio Avalos (li.) umarmt seine Frau, nachdem er aus der Mine San José gerettet wurde. 
Foto: Hugo Infante/Government Of Chile/Zuma Press/dpa

Ein Stolleneinsturz schloss 33 Bergleute in 700 Metern Tiefe für 69 Tage ein

Am 5. August 2010 gegen 14 Uhr war in dem Kupfer- und Goldbergwerk San José im Norden von Chile ein Stollen eingestürzt und hatte die 33 Kumpel eingeschlossen. Es begann die wohl aufwändigste Rettungsaktion in der Geschichte des Bergbaus. Über zwei Monate mussten die Männer warten – bei über 30 Grad, hoher Luftfeuchtigkeit und teilweise in totaler Finsternis. Schichtführer Luis Urzúa rationalisierte die Thunfischdosen und sorgte somit dafür, dass die Kumpel zum Zeitpunkt der Rettung noch nicht verhungert waren.

Am 13. Oktober 2010 wurden die Bergleute dann endlich an die Oberfläche geholt. Einer nach dem anderen stieg in die Rettungskapsel „Phönix 2“ und fuhr hinauf. Allein diese letzte Phase der Rettungsaktion dauerte 22 Stunden und 36 Minuten. Die Fotos von den geretteten Kumpeln gingen um die Welt.

In einer Rettungskapsel wurden die 33 verschütteten Bergleute nach und nach an die Erdoberfläche geholt.  Foto: Marcelo Hernandez/dpa

Hollywood verfilmte die Geschichte der 33 Bergleute mit Antonio Banderas und Juliette Binoche in den Hauptrollen, die Kumpel reisten um die Welt, selbst Actionfiguren der Männer wurden verkauft. Doch den Profit mit ihrer Geschichte machten vor allem andere. „Als wir herauskamen, haben sie uns große Projekte versprochen, aber jetzt stehen wir mit leeren Händen da“, sagte Urzúa zuletzt im Fernsehsender BBC Mundo. „Seit zehn Jahren versuchen wir nun, unsere Würde, unsere Rechte zurückzuerlangen.“

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Strafverfahren gegen die Betreibergesellschaft der Mine ohne Anklage eingestellt

Die Mine San José wurde nach dem Unglück geschlossen, das Strafverfahren gegen die Betreibergesellschaft ohne Anklage eingestellt. Im Camp Esperanza erinnert heute nur noch ein fünf Meter hohes Betonkreuz an das „Wunder von Chile“. Die Männer erhalten eine monatliche Rente von 315.000 Peso (335 Euro), die Hälfte ihres Einkommens als Arbeiter in der Mine. Zwar wurde den Männern eine Entschädigung in Höhe von 80 Millionen Pesos (85.000 Euro) zugesprochen. Allerdings hat die Regierung Berufung gegen die Entscheidung eingelegt, wegen der Corona-Krise liegt das Verfahren derzeit auf Eis.

Kaum einer der 33 Kumpel arbeitet heute noch im Bergbau. Mario Sepúlveda hat in einer Spielshow gewonnen und mit dem Geld ein Zentrum für autistische Kinder gegründet. Daniel Herrera lernte eine Deutsche kennen und heiratete. Omar Reygadas und Franklin Lobos arbeiten als Fahrer.

Angehörige der 33 Kumpel, die in der Mine San Jose verschüttet wurden, stellten damals symbolisch Flaggen für die Bergleute auf.
Foto: Pool/Zuma Press/dpa

Eine große Feier zum 10. Jahrestag des „Wunders von Chile“ wird es wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr nicht geben. Mario Gómez, der Älteste der Gruppe, sitzt seit Monaten in seinem Haus in Copiapó fest. Er ist lungenkrank, gehört zur Risikogruppe. „Wenn ich mich infiziere, werde ich das nicht überleben“, sagt er. Doch auch ohne Gedenkveranstaltung wird er sich an jenen Tag vor zehn Jahren erinnern, als er zum zweiten Mal auf die Welt kam. „Es ist, als wäre es gestern gewesen“, sagt er.