Die Mathildenhoehe in Darmstadt: Im Vordergrund mit goldenen Kuppeln ist die Russische Orthodoxe Kirche der heiligen Maria Magdalena zu sehen. Links im Hintergrund ragt der Hochzeitsturm in den Himmel. imago images/Beautiful Sports

Seit zehn Jahren arbeitet Darmstadt am Traum vom Unesco-Welterbetitel. Bald schlägt die Stunde der Entscheidung. Gibt das Welterbekomitee mit Sitz in Paris grünes Licht, dann kann sich die Mathildenhöhe in der südhessischen Stadt künftig in einem Atemzug mit den Pyramiden von Giseh in Ägypten und der Inka-Stadt Machu Picchu in Peru nennen.

Am 16. Juli beginnt die Tagung des Komitees - pandemiebedingt online. Fünf Anträge mit deutscher Beteiligung stehen auf der Tagesordnung: neben der Mathildenhöhe sind dies Orte des jüdischen Mittelalters, bedeutende europäische Bäder des 19. Jahrhunderts, der römische Grenzwall Donaulimes und der Niedergermanische Limes.

Das Ensemble der Künstlerkolonie Mathildenhöhe stand eigentlich schon vor einem Jahr zur Entscheidung an, die Sitzung im chinesischen Fuzhou wurde wegen der Corona-Pandemie aber abgesagt.

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Stadtsprecher zeigt sich optimistisch

„Nachdem die Stadt jüngst auf die letzten Fragen aus Paris nochmals umfänglich geantwortet und auf Bitte der Unesco bereits ein Videoporträt der Mathildenhöhe eingereicht hat, was als positives Signal gedeutet wird, gibt es allen Grund, weiterhin optimistisch zu sein, dass die Mathildenhöhe in die Welterbeliste aufgenommen wird“, sagt ein Sprecher der Stadt. Die Anspannung steige. „Jetzt heißt es: Daumen drücken!“

Die Unesco gibt mit ihrer Welterbekonvention von 1972 zehn Kriterien vor, von denen mindestens eines erfüllt werden muss. „Maßgebend ist der außergewöhnliche universelle Wert einer Kultur- oder Naturstätte“, heißt es auf der Homepage der Deutschen Unesco-Kommission.

Die Macher in Darmstadt sehen gleich mehrere Kriterien für das vom Jugendstil geprägte Ensemble erfüllt. Unter anderem sei das Areal mit 15 Gebäuden wie dem Hochzeitsturm, einer russischen Kapelle, einem großen Ausstellungshaus, Parkanlage und Skulpturen ein entscheidender Schnittpunkt hin zur Moderne der Architektur. Sie sehen nicht einfach ein Jugendstil-Ensemble, sondern einen Schritt zum Bauhaus. Peter Behrens als einer der ersten Künstler auf der Mathildenhöhe war später Lehrer des Bauhausbegründers Walter Gropius.

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Als weiteres Kriterium sehen die Macher ein Ensemble von universeller Bedeutung. Die Mathildenhöhe repräsentiere die künstlerische und kulturelle Entwicklung um 1900 und ihre Wirkung auf die Moderne. Dabei war die Intention im ausgehenden 19. Jahrhundert keineswegs nur feingeistiger, sondern handfester ökonomischer Natur. Der hessische Großherzog Ernst Ludwig sah mangels Bodenschätzen einen wirtschaftlichen Aufschwung nur durch mehr Qualität in den Manufakturen gewährleistet und holte Künstler aller Couleur nach Darmstadt.

Als diese ersten 1899 in die Stadt kamen, befanden sich auf der Mathildenhöhe nur ein Wasserreservoir und eine vom russischen Zaren Nikolaus II. – dem Schwager des Großherzogs – errichtete Kapelle. Es sollte nach dem Willen des Architekten Joseph Maria Olbrich ein allumfassendes Kunstwerk entstehen; von der Architektur über die Anlage der Straßen bis hin zu täglichen Gebrauchsgegenständen in den Wohnungen. Kunst wurde zum Wirtschaftsfaktor. Darmstadt war dann unter anderem auf den Weltausstellungen in Paris 1900 und in St. Louis 1904 vertreten. Die Präsentation von Kunst und die Förderung der Industrie waren die Ziele der Künstlerkolonie bis zum Ersten Weltkrieg 1914.