Wenige Stunden nach der verheerenden Flutwelle sitzt Daniel Schmitz in Insul auf einem Wassertank. Als seine Frau das Foto sieht ist es das erste Lebenszeichen ihres Mannes nach der Katastrophe. dpa/Boris Roessler

Als Manuela Göken am Tag nach der verheerenden Flutwelle im Ahrtal das Foto eines Mannes auf einem Wassertank im Internet entdeckt, traut sie zunächst ihren Augen nicht. Es ist ihr Mann – Daniel Schmitz – im überfluteten Insul vor Trümmern der Katastrophe. „Das war das allerallererste Lebenszeichen, das ich von ihm hatte“, erzählt die Gastronomin zwei Wochen später unter Tränen vor ihrem beschädigten Haus.

In Insul wurden ganze Häuser weggespült

Telefon, Handy, Internet und die Zufahrtswege zu dem Dorf an der Ahr waren nach der Flutwelle zerstört. „Das ist das bedeutendste Foto in meinem ganzen Leben“, sagt Göken. Inzwischen funktioniert das Handynetz wieder einigermaßen und es gibt Wasser. Die schlammigen Müllberge sind größtenteils abtransportiert, und die Bundeswehr baut gerade eine Behelfsbrücke neben der zerstörten Bogenbrücke über die Ahr. Dazwischen stehen noch eine Reihe – provisorisch umzäunter – völlig baufälliger Häuser. Davor abgekrachte und überspülte Uferreste, die Häuser sind weg.

Am Tag der Katastrophe, am 14. Juli, ist Göken bei der Arbeit im etwa 45 Kilometer entfernten Bonn-Bad Godesberg. Zunächst kommt sie bei einer Freundin in Sinzig unter, fährt dann 24 Stunden umher, um irgendwie nach Hause zu kommen. Schließlich erreicht sie in Insul das andere Ahr-Ufer und sieht ihren Mann vor dem gemeinsamen Haus.

Flutkatastrophe: Nach zwei Tagen konnten sich Daniel Schmitz und Manuela Göken wieder in die Arme schließen

Aber alles Rufen und Winken nutzt nichts – die Entfernung ist zu groß, das Wasser zu laut, alle Brücken zerstört. „Ich konnte sie nicht sehen“, sagt Schmitz. Erst etwa zwei Tage nach Beginn der verheerenden Regenfälle, fällt sich das Paar im höher gelegenen Nachbarort Hönningen endlich in die Arme.

Nach zwei Tagen konnten sich Daniel Schmitz und Manuela Göken wieder in die Arme schließen. dpa/Boris Roessler

„Wir haben uns wieder, alles andere ist ersetzbar“, sagt Göken rund zwei Wochen später. Der Keller und das Erdgeschoss des Hauses sind unbewohnbar, die Einrichtung und der Garten zerstört. „Aber unsere drei Katzen kamen nach acht Tagen zurück“, berichtet Göken. „Wir richten uns jetzt in der oberen Etage gemütlich ein.“

Flut-Katastrophe: Hotelier Ewerts geht den Wiederaufbau an

„In den ersten zwei Tagen hätte ich weglaufen können“, berichtet Hotelier Wolfgang Ewerts, wenige Hundert Meter weiter. „Mittlerweile bin ich überzeugt, wir schaffen das.“ Eigentlich habe er sich mit seiner Frau langsam aus dem Betrieb zurückziehen wollen, den seine Mutter 1974 mit drei kleinen Privatzimmern begründet hatte, erzählt der gelernte Koch. „Die Kraft, alles wieder aufzubauen, habe ich zunächst nicht gesehen. Jetzt habe ich sie, aber nur, weil mein Sohn mit im Geschäft ist.“ Der 28-Jährige ist gelernter Hotelfachmann, wohnt auch in Insul.

Wenige Stunden nachdem eine gewaltige Flutwelle sein Hotel zerstört hat, sitzt der Gastronom Wolfgang Ewerts aus Insul auf einem steinernen Betstock dpa/Boris Roessler

Die untere Etage des Hotels mit Küche und Speisesaal sowie der Biergarten an der Ahr sind völlig zerstört. Alles muss in den Rohbau zurückversetzt werden, aber das Gebäude kann stehen blieben. Gerade wird die Rezeption abgebrochen. In den Zimmern im ersten Stock übernachten freiwillige Helfer. „Da ist eine absolute Dankbarkeit für die Leute, die hier geholfen haben. Das hätte ich nie für möglich gehalten.“

Er habe in der Corona-Zeit noch mehrere Zehntausend Euro in das Hotel investiert und glücklicherweise eine Elementarversicherung, berichtet der 53-Jährige. Für sein neues Wohnhaus, hat er sie aber nicht abgeschlossen. Erst im November ist er mit seiner Frau eingezogen. „Ein Bungalow ist zwar altersgerecht, der Nachteil ist aber, alles steht unter Wasser.“ Drei Autos habe er auch in den Fluten verloren, „meine gesamten Büro-Unterlagen, Fotoalben – alles ist weg“.

Den Wohnwagen habe er aber retten können, darin hatte er mit seiner Frau ihren Geburtstag feiern wollen, war deshalb in der Hochwassernacht zunächst nicht vor Ort. Das ohrenbetäubende Getöse, das ihn empfing, kriegt er nicht aus dem Kopf: Wassermassen, die ganze Wohnwagen und Tanks mit sich reißen. „Was für eine Gewalt“, sagt Ewers, der in dem Flüsschen als Kind Schwimmen gelernt hat.

Flut-Katastrophe: Soforthilfe ist ein Tropfen auf den heißen Stein

Ewers hat, wie die meisten, Soforthilfe beantragt. Nur, was sind die 1000 bis 3500 Euro angesichts der Millionenschäden allein in seiner Familie? „Aber es hat ja Zehntausende getroffen“, sagt er.

Die Geräusche, die Kälte, die Dunkelheit: „Ich hab gedacht, das war es jetzt“, sagt Maria Günzel aus dem besonders getroffenen Altenahr-Altenburg. Auch ihr kommen die Tränen, wenn sie von der Nacht zum 15. Juli erzählt, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang auf dem Dachboden ihres Hauses verbracht hat - rund 250 Meter von der Ahr entfernt.

Umgeben von Schutt und Treibgut stehen Maria und Wolfgang Günzel in Altenahr an ihrem Haus. dpa/Boris Roessler

„Das Wasser stieg immer weiter, wir haben irgendwann die Dachluke aufgemacht und sind hoch“, berichtet er. Nur ein paar Anziehsachen hätten sie mitgenommen, wichtige Papiere lagen auf dem Dachboden. „Alles andere ist weg und existiert nicht mehr“, sagt Wolfgang Günzel, der wie einige im Hochwassergebiet von seinem Arbeitgeber erstmal freigestellt worden ist. Sie hätten versucht, einiges zu waschen, „aber auch nach zweimal waschen roch das immer noch nach Öl“.

Das Haus von Maria Günzels Schwester steht noch

Nur acht Häuser in dem Ortsteil mit seinen rund 500 Einwohnern seien unbeschädigt davon gekommen. Darunter eines von Maria Günzels Schwester, das etwas höher liegt. Ihr Elternhaus dagegen habe schon abgerissen werden müssen, einer Reihe anderer Häuser steht das noch bevor. Überall sind noch die Reste der braunen Wasserflut zu erkennen – auf dem Zufahrtsweg türmen sich noch meterhohe Müllberge aus Kindersachen, voll eingerichteten Wohnwägen, Bäumen, Stofftieren, zermalmtem Hab und Gut.

Daniel Schmitz aus Insul sitzt auf dem Balkon seiner durch die Flut zerstörten Wohnung. Vom geliebten Garten ist nichts mehr übrig. dpa/Boris Roessler

Rolf Gasner, dessen Familie auch mit mehreren Häusern betroffen ist, schildert beim Schlammschippen seine Eindrücke von der Bürgerversammlung in dem evakuierten Ortsteil. „Wir haben Angst, dass die Politik uns vergisst.“ Denn Altenburg werde im Gegensatz etwa zu Schuld oder Bad Neuenahr-Ahrweiler fast nie erwähnt. Allein gelassen habe er sich schon in der Katastrophennacht gefühlt: „Wir standen oben auf dem Dach und haben gerufen“, erzählt er ganz ruhig über den späten Mittwochabend. „Es kam keine Rettung.“ Die ersten Hubschrauber seien erst am Donnerstagmittag gekommen – wegen der Wetterverhältnisse konnten sie nicht früher starten. 

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Und nun? Trotz Elementarversicherung rechnet Wolfgang Günzel damit, dass es bis zu zwei Jahre dauert, bis er mit seiner Frau in das Haus in Altenburg zurück kann. Hotelier Ewerts sagt: „Mein Ziel ist, höchstens in einem Jahr wieder am Start zu sein.“ Göken und Schmitz wohnen zur Miete und denken ans Weggehen. „Unser Baby war unser Garten“, sagt Göken. „Ich habe jeden Stein geliebt und wusste genau, wo jede Pflanze herkam.“ Übrig ist davon nichts: Die Wassermassen haben alles mitgerissen und nur Schlamm zurückgelassen.