Muslimische Pilger umrunden die Kaaba in der al-Haram-Moschee in Mekka bei der muslimischen Pilgerreise Hadsch. Foto: dpa/Amr Nabil

Für viele Anhänger des Islams ist Mekka eine Art religiöser Polarstern, die dort liegende Heilige Moschee mit der Kaaba das innere Heiligtum. Millionen Pilger reisen jedes Jahr zum Hadsch an, um zu beten und muslimische Rituale zu befolgen. Aber das Gedränge ist gefährlich: Immer wieder kam es in Mekka zu tödlichen Zwischenfällen, teils wurden dabei Hunderte Menschen zerquetscht oder sie erstickten. Das wohl schwerste Unglück der jüngeren Geschichte ereignete sich vor 30 Jahren - mehr als 1440 Menschen kamen damals ums Leben.

Es war der 2. Juli 1990, die Temperaturen in dem Wüstenstaat waren auf rund 45 Grad Celsius gestiegen. Am etwa 500 Meter langen und 20 Meter breiten Al-Muaissim-Tunnel, der Menschenströme vom Stadtteil Mina nach Mekka leiten soll, kommt es zur Katastrophe. Die genauen Ursachen sind bis heute ungeklärt. Nach offiziellen Angaben stürzten sieben Menschen von einer Brücke vor den Eingang des Tunnels, was zum Gedränge führte. Zugleich gab es Berichte, dass ein Stromausfall das Belüftungssystem und die Beleuchtung im Tunnel zusammenbrechen ließ.

Über jeden Gestürzten seien „zahllose Füße hinweggetrampelt“, sagte ein Augenzeuge seinerzeit im saudischen Fernsehen. Es trifft viele Ältere, die nicht die Kraft haben, sich auf den Füßen zu halten. Etliche dürften in der großen Hitze und wegen Sauerstoffmangels erstickt sein. Etwa 560 der insgesamt 1426 Todesopfer jenes Tages stammen aus Indonesien, viele weitere aus Malaysia und Pakistan.

Muslimische Pilger sind im Jahr 2015 auf dem Weg zur Jamarat-Brücke wo sie als letztes großes Ritual der fünftägigen Hadsch mit Kieselsteinen symbolisch den Teufel steinigen. Auch in diesem Jahr kamen Pilger um. Foto: dpa/Amel Pain

Saudi-Arabiens König Fahd Ibn Abdel Asis spricht von „höherer Gewalt“ und weist jede Schuld der Behörden zurück. „Es war Schicksal“, sagt er. „Wären sie dort nicht gestorben, wären sie anderswo und an einem ebenso vorbestimmten Moment gestorben.“ Forderungen nach einer internationalen Untersuchung des Vorfalls lehnt die Regierung ab.

Menge darf niemals zum Stehen kommen

„Bei einer großen Menschenmenge ist das Wichtigste, dass sie niemals zum Stehen kommen“, sagt Professor Armin Seyfried, der die Dynamik großer Fußgängermassen am Forschungszentrum Jülich untersucht. „Wenn man im Gedränge steht, hat man gar keine Chance, zu entkommen.“ Wer in so einem Andrang gefangen sei, könne nur noch den Kopf hochhalten - und alles tun, um nicht hinzufallen.

Die Tunnel-Tragödie von 1990 ist ein besonders schwerer, aber längst nicht der einzige tödliche Vorfall während der Wallfahrt. 2015 kamen in einem Gedränge nach offiziellen Angaben 769 Menschen ums Leben. Die US-Nachrichtenagentur AP zählte sogar 2400 Tote. In Mina war es an einer Fußgänger-Kreuzung an einem Septembermorgen zum Gedränge gekommen. Bilder zeigten bergeweise Leichen in weißen Gewändern am Boden. Weitere Unglücke gab es 2006 (362 Tote), 2004 (251 Tote) und 1994 (270 Tote).

Angesichts der wiederholten Katastrophen hat das Königreich Milliarden in ein neues Sicherheitskonzept gesteckt. Der Bau neuer Brücken und Tunnel sowie Züge und erhöhte Straßen sollten für mehr Sicherheit sorgen. Außerdem legt die Regierung die zulässige Zahl der Pilger fest: 2019 nahmen fast 2,5 Millionen Menschen am Hadsch teil, darunter 1,9 Millionen aus dem Ausland. Dieses Jahr darf wegen der Corona-Pandemie nur eine „sehr begrenzte Zahl“ von Gläubigen teilnehmen, die sich schon im Land befinden, heißt es aus Riad.