Die Kassiererin trägt Maske, die Frau auf dem Filmplakat nichts: So sieht der Eingangsbereich des „Ambasciatori“ in Rom aus. Foto: AFP/Alberto Pizzoli

Schwarzer Marmor, Samtsessel und ein Vorführraum wie im Film „Cinema Paradiso“: Mit seinem nostalgischen Charme hat das „Ambasciatori“ den Sex-Videotheken genauso getrotzt wie Porno-Plattformen im Internet – nun bietet Roms letztes Erotikkino auch der Corona-Pandemie die Stirn. Nur einen Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt liegt das Lichtspielhaus versteckt zwischen Wohnungen der gehobenen Preisklasse und Hotels.

Anfang März, als in Italien das öffentliche Leben wegen der Corona-Pandemie fast vollständig zum Erliegen kam, schlossen auch alle Kinos – das „Ambasciatori“, zu deutsch „Botschafter“ – machte da keine Ausnahme. Doch als Rom die Corona-Beschränkungen über den Sommer lockerte, öffnete das legendäre Sexfilmtheater unter Auflagen wieder seine Türen.

Das „Ambasciatori“ in Rom. Foto: AFP/Alberto Pizzoli

„Wir werden Covid-19 überleben“, sagt Geschäftsführer Carlo, der nur seinen Vornamen nennen will. „Viele Kunden rufen an und fragen, wann sie wiederkommen können.“ Draußen wirbt nur ein einfaches Schild „Cine“ – doch schon die Plakate in den Schaufenstern verraten, was für Filme hier gezeigt werden. Sie versprechen eine Auswahl von „Kultproduktionen“ und den „besten Stars in der Geschichte des Erotikkinos“.

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Im Abendprogramm laufen zwei Porno-Klassiker der 80er-Jahre – „Palestra per signora“ (Gymnastikraum für Frauen) und „Delirium carnale“ (Fleischliches Delirium) – mit schnauzbärtigen Männern mit Vokuhilas, riesigen Hemdkragen und Frauen in Strapsen und mit Haarmähnen wie aus der Kultserie „Dallas“.

Rund ein Dutzend Männer sitzen mit Mund-Nasen-Schutz und Abstand auf Samtsitzen in dem prächtigen, mit schwarzem Marmor verkleideten Saal. Dann erstrahlt die Leinwand und der Film beginnt. „Es sind den ganzen Tag über Leute hier – Männer, manche bis zu 80 Jahre alt“, und ab und zu ein Paar, erzählt Carlo.„ Sie haben kein Internet oder wissen nicht, wie es funktioniert. Sie treffen sich hier auch mit alten Freunden, um alte Filme zu sehen.“

Geschäftsführer Carlo zeigt sein Lager mit Filmrollen und ein Plakat eines Porno-Films, den das „Ambasciatori“ im Angebot hat. Foto: AFP/Alberto Pizzoli

Zwar ist das „Ambasciatori“ nicht so berühmt wie das Kolosseum oder der Trevi-Brunnen – dennoch hat es eine Art Kultstatus in der italienischen Hauptstadt. „Wir sind das letzte Porno-Filmtheater in Rom“, sagt Carlo und denkt zurück an eine Zeit, in der die Stadt mit Rotlichtkinos übersät war. Mit 400 Sitzen und einer großen Loge im Obergeschoss verströmt das „Ambasciatori“ eine nostalgische Atmosphäre. Ursprünglich ein Theater mit Bühne, wurde es von seinem Eigentümer in den späten 70er-Jahren in ein Rotlichtkino umgebaut. Inzwischen führen die Erben des Gründers das Geschäft weiter.

In der Eingangshalle werben große Poster für Titel wie „Fleshdance“ und „Heiße Münder und samtige Hände“. Stars vergangener Tage wie Ilona Staller alias Cicciolina, die 1987 ins italienische Parlament einzog, und der berühmte italienische Pornostar Rocco Siffredi schmücken die Wände.

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Im Obergeschoss befindet sich das Herzstück des Theaters – ein Vorführraum wie in Giuseppe Tornatores Kino-Hommage „Cinema Paradiso“ aus dem Jahr 1988. Zwei 50 Jahre alte Spulen-Projektoren Prevost P55, stapelweise Kisten mit 35-mm-Filmrollen: „Dies ist unser Archiv, mehr als 3000 Filme“, schwärmt Carlo. Auch in Zeiten von Internet und Corona hat das „Ambasciatori“ aus seiner Sicht seine Daseinsberechtigung nicht verloren: „Es ist ein wunderschönes Universum.“