Vor zwei Jahren war die Welt noch in Ordnung auf dem Dresdner Striezelmarkt: Stollenbäcker Tino Gierig mit einem Riesen-Stollen im Dezember 2019. dpa/Jens Meyer

Wer sich in einem Berliner Supermarkt auf die Suche nach einem industriell gefertigten Weihnachtshefekuchen macht, für den ist die Angelegenheit klar: Er findet einen Dresdner Christstollen oder einen handgefertigten Marzipanstollen. Aber als ich neulich zu Besuch im Spreewald war, staunte ich nicht schlecht, als mir eine Scheibe köstliche „Stolle“ serviert wurde. Nicht nur dort, wo sich einst die Sorben und Wenden im Brandenburgischen angesiedelt hatten, ist das Gebäck weiblich.

Auch im sächsischen Leipzig hebt man sich von den Dresdnern mit ihrem männlichen Stollen ab. Die Dresdner machen übrigens die Verwirrung komplett, denn in ihrer Stadt nennt man den Stollen auch noch „Striezel“, ein Begriff, der sich bis ins Mittelhochdeutsche zurückverfolgen lässt. Der Dresdner Striezelmarkt ist tatsächlich der älteste Weihnachtsmarkt Deutschlands: Zum 587. Mal hätte er dieses Jahr in der Dresdner Altstadt stattfinden sollen – doch die hohen Corona-Inzidenzen erzwangen die Absage.

Päpstliches Butterbackverbot zwang Bäckereien, auf Leinöl und Rübenöl auszuweichen

Die Entstehung des Striezelmarktes deckt sich auch in etwa mit den Anfängen des Stollens oder der Stolle. Gedacht war der nämlich damals, Anfang des 14. Jahrhunderts, als ein einfaches Fastenbrot aus Mehl, Hefe und Wasser, wie ihn mittelalterliche Klosterbäckereien buken. Außerhalb der Fastenzeit wurde das Rezept angereichert mit Butter, aber um 1450 zwang ein päpstliches Butterbackverbot die Stollenbäcker, auf pflanzliche Öle auszuweichen, etwa Leinöl oder Rüböl. Die sächsischen Kurfürsten Ernst und August schafften es jedoch, Papst Innozenz VIII. zu einem „Butterbrief“ zu bewegen.

1,8 Tonnen Stollengebäck, 162 Ochsen, 54.000 Liter Wein für 30.000 hungrige Soldaten

Der erlaubte fortan die Verwendung von Butter statt der eigenartig riechenden Öle. Und damit war der Weg frei für den Siegeszug des Stollengebäcks: Auf dem Striezelmarkt wurde fortan, ab Mitte des 15. Jahrhundert, ein Riesenstollen an die Dresdner Leckermäuler verteilt. Angeschnitten wurde der am zweiten Adventssonntag. Serviert wurde der Striezel an mehr als 30.000 Soldaten. Landesherr August der Starke soll das Motto geprägt haben: „Nicht nur schießen – auch genießen“. Da man vom Stollengebäck alleine nicht satt wird, wurden zu dem Anlass noch 162 Ochsen geschlachtet und 54.000 Kübel Wein serviert. Erst danach gab es den Nachtisch: Ein siebeneinhalb Meter langer, dreieinhalb Meter breiter, eineinhalb Meter hoher und 1,8 Tonnen schwerer Stollen. Um diesen sechs Stunden lang zu backen, musste ein eigens hergerichteter Riesenofen befeuert werden.

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Und diese Tradition haben die Dresdner jedes Jahr auf dem Striezelmarkt wieder aufleben lassen, wobei dem Stollen nach und nach immer üppigere Zutaten zugefügt wurden: Mandeln, Korinthen, Rosinen und edle Gewürze wie Kardamom und Muskat. Bis schließlich Corona die jahrhundertealte Tradition unterbrach. Auf dass der Riesenstollen im nächsten Jahr wieder angeschnitten werden darf!