Ein Cartoon über Haushaltsgerüche aus dem 19. Jahrhundert. Foto: imago images/UIG

Wie hat die Vergangenheit gerochen? Wie die Straßen von London im 18. Jahrhundert, die Spree in Berlin vor ein paar Hundert Jahren, als die Menschen im Fluss ihren Unrat entsorgten? Oder die Schlacht von Waterloo? Angstschweiß, Blut- und Pferdegeruch werden dabei gewesen sein, auch Schießpulver. Aber was noch? Welche Düfte, Gerüche und olfaktorischen Praktiken gehörten zum Alltag? Das sind die Fragen, mit denen sich europäische Historiker und Wissenschaftler aus sechs europäischen Ländern in diesem gerade angebrochenen Jahr beschäftigen wollen. Man fragt sich, wie das gehen soll, ist doch Geruch der flüchtigste Forschungsgegenstand, den man sich vorstellen kann. Und er ist für Historiker ziemlich neu.

Odeuropa heißt das mit 2,8 EU-Millionen geförderte Projekt. Und was die Flüchtigkeit angeht: Peter Bell, der das deutsche Team leitet, sagt: „Ohne Digital Humanities geht es nicht.“ Bei diesem interdisziplinär ausgerichteten Fach dreht sich alles um die Nutzung computergestützter Verfahren in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Nur so lassen sich große Mengen an historischen Daten erschließen und auswerten. Derzeit haben sie sich Stillleben vorgenommen, in denen Blumen und Lebensmittel versammelt sind. Sie trainieren den Computer, bestimmte Gegenstände zu erkennen: Rosen, Tulpen, Hunde. „Sinfonien des Geruchs“ nennt Bell diese Gemälde. „Aber ein Mensch könnte nicht Hunderttausende Bilder durchsuchen.“ Das Gleiche gilt für Sachtexte, Romane und Zeitschriften, noch dazu in verschiedenen Sprachen. Deshalb arbeiten an dem Projekt auch Informatiker und Computerlinguisten mit.

Ziel ist es, die Daten in einer Online-Enzyklopädie des Geruchs zu veröffentlichen, die öffentlich zugänglich ist. Aber es soll auch Rezepte für Gerüche geben, und einige sollen auch tatsächlich rekonstruiert und etwa in Museen eingesetzt werden. Dann wird man Geschichte einatmen können, jedenfalls die vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Es wird sich allerdings nicht dieses unmittelbare starke und emotionale Erinnern einstellen, wie es Marcel Proust beschrieben und wie es jeder schon erlebt hat – denn wir haben den Geruchskontext der Vergangenheit ja nicht erlebt. Reizvoll ist dieser sinnliche Zugang aber allemal.

Es gehe aber nicht nur um die Gerüche selbst, sondern auch darum, wie sie wahrgenommen wurden, sagt Peter Bell. Sein Kollege in England, Will Tullett, Historiker an der Anglia Ruskin University in Cambridge, sagt, dass die Nase sich an die Gerüche in ihrer Umgebung gewöhnt. „Für uns riecht eine Stadt im 17. Jahrhundert vielleicht schlecht, aber die Leute damals waren wahrscheinlich an den Geruch gewöhnt.“ Würde man aber jemanden aus einer solchen Stadt ins heutige Berlin versetzen, würde er sich wahrscheinlich vor den Autoabgasen, dem Geruch aus Imbissen und in diesen Tagen auch von Desinfektionsmittel ekeln, sagt Tullitt.

Amsterdam war einst die Jungfrau mit dem Mundgeruch

Seine holländische Kollegin Caro Verbeek von der Vrije Universiteit Amsterdam widerspricht: An manche Gerüche gewöhne man sich nie. Im 18. Jahrhundert hätten wohlhabende Bürger Amsterdams im Sommer die Stadt verlassen, um dem Gestank der Kanäle zu entfliehen, die einst als Kloake fungierten. „Der Spitzname der Stadt lautete: die Jungfrau mit dem Mundgeruch.“ Für das Rijksmuseum hat Caro Verbeek zusammen mit der Parfümeurin Birgit Sijbrands diesen Geruch rekonstruiert: Er besteht aus Feuchtigkeit und Schimmelgeruch, Harz und Gewürzen, die man ins Feuer warf, um den von außen eindringenden Gestank zu übertünchen: Schwefel, Kloakengestank aus den Kanälen, Pferdegeruch. Aber manchmal auch der Duft von Lindenblüten. „Die Stadtverwaltung hat damals nämlich Linden und Ulmen gepflanzt, damit die Luft besser riecht“, sagt Caro Verbeek.

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Widersprochen hat Tulletts These auch schon vor fast 40 Jahren der französische Historiker Alain Corbin in seiner Sozialgeschichte des Geruchs „Pesthauch und Blütenduft“, die als Quelle für Patrick Süskinds Roman „Das Parfüm“ diente. Darin beschreibt Corbin, wie die Straßen von Paris gepflastert, Flüsse kanalisiert, private Toiletten eingeführt und Gemeinschaftsbetten abgeschafft werden – alles im Namen des Kampfs gegen den Gestank. Der Hygienefeldzug wird geführt, weil man glaubt, Gestank könne Krankheiten übertragen. Aber aus dem Unwillen gegenüber üblen Düften erwächst auch eine Art Klassenbewusstsein. Um es vereinfacht auszudrücken: Der Bourgeois duftet, aber subtil, Armut riecht.

Auch den Forschern von Odeuropa geht es um angenehme Düfte: den Geruch von Kräutern, Blumen, Gewürzen etwa – und von Tabak. Letzterer wurde lange als Wohlgeruch empfunden, heute gilt das nicht mehr. „Auch Gerüche sind diskursiv“, sagt Peter Bell. „Die Konnotation ändert sich ständig.“

Wie rochen Fabriken oder Kaufhäuser?

Das gilt auch für die Art der Gerüche selbst. Darauf macht die Lebensmittelchemikerin Andrea Büttner aufmerksam, die zum deutschen Team gehört und an der Universität Erlangen-Nürnberg den Lehrstuhl für Aroma- und Geruchsforschung innehat. Wenn man mit ihr spricht, begreift man, wie komplex das Forschungsfeld Geruch ist. Materialien und auch Gemüse oder Früchte hätten sich verändert, sagt sie. „Alte Karottensorten zum Beispiel sind vom Aroma und vom Geruch her ganz anders als solche, die heute im Supermarkt verkauft werden.“ Und wie etwa eine Kloake riecht, hänge auch damit zusammen, wie die Menschen sich ernähren.

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Durch die Auswertung von Massen an Bild- und Textmaterial hoffen die Forscher auch, dass ihre Nasen in unerwartete Richtungen gelenkt werden und sie auf Gerüche stoßen, die ihnen noch gar nicht vertraut sind. Einige duftende Schlüsselorte haben sie aber bereits identifiziert: Kaffeehäuser des 18. Jahrhunderts, Fabriken des 19. Jahrhunderts, Kaufhäuser des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.