Die Frau im gelben Regenmantel hielt ein Pappschild mit der Aufschrift „Allez Opi Omi“ in die Motorad-Kameras – und löste damit einen Massensturz der Tour-Fahrer aus. Screenshot Sportschau

Nach dem Auftakt der Tour de France gab es im französischen Brest nur ein Thema: Die Frau in einer gelben Regenjacke mit einem großen Pappschild – in das der deutsche Profi Tony Martin mit hohem Tempo krachte, was wiederum einen Massensturz auslöste.

Die lebensgefährliche und folgenschwere Aktion der Zuschauerin auf der ersten Etappe ist schon jetzt eines der Bilder, wenn nicht das Bild dieser 108. Frankreich-Rundfahrt. Ein Schreckensbild: Eine einzige Frau, die mit einer einzigen Aktion und einem gemalten Urlaubsgruß an die Großeltern („Allez Opi Omi“) ein Drittel des Fahrerfeldes abräumt und für ein Dutzend Verletzte sorgte.

Der Tour-Veranstalter A.S.O. bestätigte der Sport-Nachrichtenagentur SID, dass er die – mittlerweile polizeilich gesuchte – Zuschauerin verklagen wird. „Wir machen dies, damit sich die winzig kleine Minderheit von Leuten, die sich so verhält, den anderen nicht die Show verdirbt“, sagte der stellvertretende Renndirektor Pierre-Yves Thouault.

Wer ist die „Enkelin im Regenmantel“?

Doch wer ist die „Enkelin im Regenmantel“? Rund 45 Kilometer vor dem Ziel in Landerneau war am Samstag eben jene junge Frau im gelben Regenmantel mit dem Rücken zum heranrasenden Feld auf die Straße getreten. In den Händen trug sie ein Schild mit der Aufschrift „Allez Omi Opi“ und hielt dieses lachend in die Motorrad-Kamera.

Organisatoren und Behörden wollen nun die regenbemantelte Enkelin zur Verantwortung ziehen und ein Exempel statuieren. Einige Minuten nach dem Crash hatte sie sich vom Unfallort entfernt, die Polizei sucht nach Zeugen, aufgrund der Aufschrift auf dem Schild wird vermutet, dass die Gesuchte aus dem deutschsprachigen Raum stammt.

Der deutsche Profi Tony Martin an der Spitze des Peloton prallte aus voller Fahrt in das Plakat, was den Massensturz auslöste. Der 36-Jährige zog sich zahlreiche Prellungen und Wunden zu, blieb von Knochenbrüchen glücklicherweise verschont. „Ich habe zwar noch gesehen, dass sie ein Schild in der Hand hatte“, sagte Martin über die letzten Momente vor dem Einschlag: „Wir können nicht jedes Mal einen Bogen fahren – dann fahren wir nur noch Bögen …“

Tourstrecke sah aus wie ein Schlachtfeld

Mehrere Fahrer liegen nach dem Massensturz während der ersten Etappe der Tour de France verletzt am Straßenrand. AFP

Die Landstraße sah nach dem Gruß an die Verwandtschaft aus wie ein Schlachtfeld, demolierte Rennräder und demolierte Rennfahrer bedeckten den Asphalt. Mit am schlimmsten erwischte es den Freiburger Jasha Sütterlin vom Team DSM, der verletzt aufgab. „Ich habe dafür keine Worte. Ich bin so enttäuscht, dass ich nach Hause muss“, sagte er.

Die bittere Erkenntnis: Ein solcher Vorfall – wie auch der zweite, durch einen Fahrfehler im Feld ausgelöste Massensturz zehn Kilometer vor dem Ziel mit Chris Froome als prominentestem Beteiligten (konnte ebenfalls weiterfahren) - ist durch Sicherheitsmaßnahmen schlichtweg nicht zu verhindern. Eine Etappe von 200 Kilometern lässt sich nicht komplett absperren, unter Zehntausenden Zuschauern, wird immer eine(r) sein, die oder der sich nicht an die Regeln hält.

Nachdem der erste Zorn verraucht und der erste Schock verdaut waren, wollte Tony Martin der berüchtigsten Enkelin der Tour de France gar nicht mehr richtig böse sein. „Das war eine Rennsituation, wie sie in jeder Tour ständig stattfindet. Die meisten Zuschauer gehen dann nur irgendwann zur Seite …“, sagte der deutsche Radstar sichtlich erleichtert, nachdem er beim skurrilsten Rennunfall der jüngeren Tour-Geschichte mit Schrecken und Schrammen davongekommen war.