Nicht immer finden Waldspaziergänger Pilze, ab und zu sind auch menschliche Knochen dabei Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Krimifans kennen diese Szene: Ein Pilzsammler oder eine Spaziergängerin läuft durch den Wald. Mal ist es sonnig, mal wabert Nebel zwischen den Bäumen. Plötzlich entdeckt man zwischen den Blättern am Boden die Hand einer Leiche oder menschliche Knochen. Nächste Szene: Blaulicht, Absperrband, Ermittler in Schutzanzügen suchen nach Spuren.

Auch in der Realität beginnen auf diese Weise Kriminalfälle. Einige davon sind bundesweit in den Schlagzeilen: zum Beispiel bei der kleinen Peggy in Bayern oder der Kindermordserie des „Maskenmanns“ in Norddeutschland. Dadurch entsteht der Eindruck, dass regelmäßig jemand im Wald über eine Leiche stolpert. Doch stimmt das? Und was bedeutet ein solcher Fund für die Kriminalisten?

In Nürnberg beginnt am Dienstag (8. September) der Prozess um den Mord an einem 27-Jährigen, dessen Leiche ein Pilzsammler vor etwas mehr als einem Jahr in einem Wald im Umland gefunden hatte. Noch am selben Tag nahmen die Ermittler einen Verdächtigen und später auch seine Geliebte fest - und verhinderten nach Auffassung der Staatsanwaltschaft dadurch einen weiteren Mord. Denn nach den Plänen des Liebespaars sollte laut Anklage eigentlich auch der Ehemann der 32-Jährigen sterben.

Ein Polizist steht auf einem Waldweg an einem Einsatzfahrzeug der Polizei. Ein Pilzsammler hat in einem Wald im Landkreis Nürnberger Land einen toten Mann gefunden. Foto: Andreas Eberlein/dpa

Zuständig für den Fall war das Polizeipräsidium Mittelfranken, in dessen Beritt einiges an Wald liegt. Immer wieder haben die Ermittler deshalb mit Toten im Forst zu tun. Darunter seien aber nur wenige Tötungsdelikte, sagt Sprecher Michael Petzold. Und wenn, dann seien die Opfer meist woanders getötet und später im Wald abgelegt worden. „Die wenigsten Morde passieren im Wald.“

Für die Kriminalisten ist eine Leiche im Wald eine Herausforderung. „Durch die Witterung - Regen, Sonne, Wind - gehen Spuren verloren“, sagt Petzold. Außerdem liegen die menschlichen Überreste dort zum Teil Jahre, gelegentlich sogar Jahrzehnte, wie Professor Matthias Graw vom Institut für Rechtsmedizin in München erläutert. Tiere machen sich in der Zeit an dem Körper zu schaffen, was die Suche nach der Identität des Opfers, der Todesursache und der Todeszeit erschwert.

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Trotzdem: „Für mich als Kriminalisten ist der Fund der Leiche ein Glücksfall, weil sich eine ganze Palette neuer Möglichkeiten der Recherche und Fahndung ergibt“, sagt der Profiler Axel Petermann. „Je nach Zustand der Leiche kann geklärt werden, wie und wann die Person starb. Am Körper können Spuren des Täters gesichert, das Tatwerkzeug bestimmt und gegebenenfalls der Tatablauf rekonstruiert werden.“

Petermann war viele Jahre Mordermittler in Bremen. In Erinnerung sind ihm einige Vermisstenfälle geblieben, wo er und seine Kollegen von Tötungsdelikten ausgingen, aber vergeblich nach den Opfern suchten. Pilzsammler, Spaziergänger oder Jäger fanden diese dann zufällig in der Natur. So wie bei der Schülerin Adelina aus Bremen, die 2001 monatelang vermisst wurde.

Die wenigsten Morde passieren im Wald

Nach dem Fund der Leiche konnten die Ermittler klären, wie das Mädchen starb. Ihren Mörder fanden sie bis heute nicht. Aber zumindest bekam die Familie von Adelina Gewissheit. Ähnlich war es auch bei der neunjährigen Peggy, die ebenfalls 2001 im bayerischen Lichtenberg auf dem Heimweg von der Schule verschwand. 15 Jahre später fanden Pilzsammler Teile ihres Skeletts in einem Wald. Die Ermittlungen gegen einen Verdächtigen laufen noch.

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Im Fall der getöteten Maria Baumer, deren Skelett Pilzsammler im Herbst 2013 fanden, brachte das Jahre später noch den Durchbruch: Mit neuen technischen Methoden wiesen Experten Medikamenten-Rückstände an Kleidung und Haaren des Opfers nach. Zurzeit steht ihr früherer Verlobter in Regensburg vor Gericht. Und in Niedersachsen kam die Polizei erst auf die Mordserie des inzwischen verurteilten Martin N. (Spitzname „Maskenmann“), nachdem Pilzsammler auf die Leiche des dritten Kindes, Dennis K., gestoßen waren.

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Bleibt noch die Frage, wieso Kriminelle den Wald wählen, um Leichen, Tatwerkzeuge oder Diebesgut zu verstecken. „Wenn man eine Entscheidung unter Zeitdruck treffen muss, macht man das meist aus dem Bauch heraus“, sagt Direktor Thomas Bliesener vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Da sei der Wald naheliegend. „Als Ablageort ist er relativ bekannt - aus Krimis oder realen Fällen“, meint er.

Dass Krimiautoren den Wald als Ort für ihre Handlung lieben, kann Axel Petermann gut verstehen. Er selbst schreibt Bücher und berät die Macher vom Bremer „Tatort“-Krimi. „Auf mich übt diese Situation auch einen großen Reiz aus“, sagt er. Man könne die unberührte Natur und die Stimmung der ahnungslosen Spaziergänger oder Pilzsammler beschreiben und dann in totalem Kontrast zum Fund der Leiche setzen, sagt er. Das erzeuge Spannung und Grusel.