Ein Auto bei einem Autokorso von Impfgegnern und Corona-Leugnern in Berlin Imago/Jochen Eckel

Es ist schon abstrus, was da auf Corona-Leugner-Demos so von sich gegeben wird – und oftmals wird es im Internet nochmal eine Spur krasser. Die Impfung tötet, der Mundschutz ist ein Maulkorb und natürlich steckt da eine durchtriebene und quasi allwissende Supermacht dahinter, die das alles steuert. Die meisten Menschen können, wenn sie mit solchen Behauptungen konfrontiert werden, einfach das Handy weglegen oder ihren Facebook-Account löschen. Doch was ist, wenn Familienangehörige bereits tief in die Querdenker-Szene abgetaucht sind? Eine junge Frau aus Bochum hat nun für diese Fälle eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Bochumerin gründete Selbsthilfegruppe für Angehörige von Corona-Leugnern

Im Interview mit dem WDR sprach die junge Frau, die Sarah genannt wird, über ihre Beweggründe für die Selbsthilfegruppe. „Ich telefoniere regelmäßig mit meinem Vater. Zuletzt endete das immer mit Schreierei auf beiden Seiten“, erklärt sie. Zuletzt wurde es immer krasser. Ihr Vater behauptete, er lebe in einer Diktatur, es herrsche Bürgerkrieg und zog sogar Vergleiche zum Holocaust.

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Sarah brach das Gespräch ab und weinte zwei Stunden lang. Sie hatte das Gefühl, ihren Vater verloren zu haben. Zusammen mit ihrem Freund Tim googelte sie dann aber nach Lösungen des Problems und stieß auf die Sekteninfo Essen. Und das schien genau die richtige Adresse. „Das war ein bisschen, wie einen uralten Freund treffen. Es war, als ob Christoph Grotepass (der Mitarbeiter der Sekteninfo Essen, Anm. d. Redaktion) meinen Vater schon ewig kennt und uns auch. Das hat uns sofort wieder ein bisschen Power gegeben. Und die praktischen Ratschläge waren echt Gold wert und haben auch super gewirkt.“

In vielen Städten stellen sich Menschen gegen die oft von rechten Kräften organisierten Corona-Leugner-Demos. Doch es gibt auch Menschen, deren Angehörige dort ebenfalls mitlaufen. Imago/Dominik Kindermann

Er habe Sarah geraten, ihrem Vater nicht direkt mit Fakten entgegenzutreten, damit der sich nicht in die Ecke gedrängt fühle. „Lieber auf der emotionalen Ebene bleiben. Fragen: ‚Warum denkst du das, wovor genau hast du Angst?‘ Und sich bloß nicht am Trennenden festbeißen, sondern die Gemeinsamkeiten suchen“, schildert Sarah die Strategie, die ihr mit auf den Weg gegeben wurde. Ähnliche Tipps formulierte bereits zu Beginn der Pandemie Giulia Silberberger, die Gründerin der Initiative „Der goldene Aluhut“, im Interview mit dem KURIER.

Sekten-Experte: Im Kontakt mit Corona-Leugnern Grenzen setzen

Zudem lerne Sarah, Grenzen zu setzen. Zu sagen, dass sie keine Lust auf das Thema habe, wenn ihr Vater wieder darauf komme. Und meistens wirke diese Strategie auch. „Das hat dazu geführt, dass ich meinen Vater auch wieder selbst anrufe. Vorher bin ich manchmal gar nicht mehr drangegangen“, berichtet Sarah von ihrem Erfolg. Und genau diesen wollen Sarah und ihr Freund Tim nun auch an andere Menschen, die unter verschwörungsoffenen Familienmitgliedern leiden, weitergeben.

Denn die beiden hatten herausgefunden, dass es so etwas in NRW, wo sie herkommen, noch gar nicht gab, und waren geschockt. „Es muss doch mega-viele betroffene Angehörige geben“, sagt Sarah im WDR-Interview. Und damit hatte sie recht. Die Gruppe ist voll, die Warteliste lang. Aus ganz NRW haben sich Menschen angemeldet. Da die Treffen wegen der Corona-Pandemie zunächst aber ohnehin digital stattfinden, ist das kein Problem. Sollten reale Treffen bald wieder verantwortungsvoller erscheinen, würden auch physische Treffen geplant werden. Die Entfernung wäre kein Problem, denn Sarah rechnet schon bald mit Ablegern in anderen Städten. Der Bedarf – das zeigt sich auf den zahlreichen Corona-Leugner-Demos – ist riesig.

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In Berlin gibt es bereits eine Stelle, an die sich die Angehörigen von Corona-Leugnern wenden können, wenn sie schlicht nicht mehr weiterwissen. Die Beratungsstelle Veritas kümmert sich um die Anliegen von Menschen, die im ganz persönlichen Umfeld mit Corona-Leugnern zu tun haben und diese nicht noch weiter in diese dubiosen Kreise verlieren wollen.