Berlin ist bekanntlich eine Stadt der Gegensätze: Weltstadt sein, gleichzeitig Dorf bleiben – und bei nur wenigen Flocken Neuschnee oder Eis aussehen, als hätte jemand den Stecker gezogen. Diese Stadt der Gegensätze traf und trifft 2025 und 2026 auf einen Winter, der sich verblüffend ähnlich verhält: Erst ein Dezember, der erheblich zu warm und trocken war und sich eher nach Herbst anfühlte, dann ein Januar, der die Stadt in einen Panzer aus Frost, Schnee und Glätte packte.
Selbst, wenn man den Brandanschlag auf die Stromversorgung zu Jahresbeginn ausklammert, wäre dieser Winter eine Belastungsprobe gewesen. Mit ihm wurde er zu einem Stresstest für die gesamte Stadt.
Angesichts zunehmender Wetterextreme stellt sich daher nicht mehr die Frage, ob sich solche Lagen wiederholen, sondern wie gut Berlin darauf vorbereitet ist. Folgende Lehren sollte die Stadt daraus mitnehmen:
1) Extremwetter ist nicht mehr Ausnahme, sondern Planungsgrundlage
Ende Januar traf gefrierender Regen Berlins Nahverkehr an der wahrscheinlich empfindlichsten Stelle: den Oberleitungen. Die BVG musste den Straßenbahnverkehr zeitweise komplett einstellen, weil Oberleitungen innerhalb kurzer Zeit vereisten – was einzigartige Witterungsverhältnisse benötigt. Nicht die Kälte allein war dabei das Problem, sondern die Kombination: Gefrierender Regen – also Niederschlag, der beim Auftreffen sofort zu Eis wird – gehört zu den technisch anspruchsvollsten Wetterlagen überhaupt. Er überzieht Leitungen, Weichen, Fahrbahnen und Gehwege binnen Minuten mit einer spiegelglatten Schicht.
- Winterdienst und Verkehrsunternehmen benötigen für Eisregen-Szenarien andere Einsatzkonzepte als für klassischen Schneefall.
- Technische Redundanzen – etwa alternative Verkehrsangebote oder robuste Informationssysteme – sind kein Komfort, sondern Teil moderner Daseinsvorsorge.
Wichtige Erkenntnis:
Berlin muss (auch) gegenüber seltenen, aber folgenreichen Wetterlagen robuster werden – denn just die dürften aufgrund des Klimawandels künftig häufiger werden.
2) Die Stadt ist nicht nur wettertechnisch verwundbar
Nachdem am 3. Januar die Kabelbrücke über den Teltowkanal gelöscht war, aber nach wie vor rund 45.000 Haushalte und 2.200 Firmen im Dunkeln standen, wurde schnell etwas klar:
- Stromausfall an sich ist schwierig.
- Stromausfall im Winter ist jedoch brutal.
Ohne Strom fallen nicht nur Licht und Kühltruhe aus. Es geht um Heizung, Warmwasser, Kommunikation, Kühlketten, medizinische Versorgung, Ladeinfrastruktur – und somit grundlegende Funktionen der Gesellschaft. Unabhängig von der strafrechtlichen Aufarbeitung ist die Lehre jetzt schon eindeutig: Kritische Infrastruktur ist ein Ziel und sie muss auch so behandelt werden.
Folgendes hat dieser Anschlag vielen Berlinerinnen und Berlinern auf die Harte Tour ins Bewusstsein gedrängt:

Die Kombination aus winterlicher Kälte und gezielter Sabotage war hoffentlich ein Weckruf: Eine moderne Metropole ist hochgradig vernetzt – und dadurch anfällig.
3) Resilienz beginnt nicht erst im Rathaus
Zugegeben, manche Dinge, die eine Stadt von der Größe Berlins besser auf einen erneuten Chaoswinter vorbereiten, gehören in die Hände der Regierenden, ihrer Fachgremien und ähnlicher Profis.
Allerdings zeigte der Winter auch erneut, wie wichtig die private Ebene ist. Genauer: Berlin verfügt über einen hohen Anteil älterer, energetisch nicht optimal sanierter Gebäude. Gerade in Altbauten mit älteren Fenstern oder undichten Fugen wird in Kälteperioden deutlich, wie viel Wärme verloren geht – doch längst nicht jeder kann kurzfristig in neue Fenster oder umfassende Sanierungen investieren.
Dennoch lassen sich mit pragmatischen Maßnahmen Effekte erzielen - und sollten auch getan werden. Dazu zählen:

Ebenso können Isolierfolien selbst bei älteren Fenstern deutliche Verbesserungen bringen; so schreibt der Spezialist Velken Folientechnik dazu:
„Isolierfolie für Fenster spart bis zu 35 % Energie […] Grundsätzlich gilt, je älter die Fenster sind, desto höher ist das Einsparpotential.“
Und bereits frühzeitig die Rollläden herabzulassen oder dicke (Winter-)Vorhänge vorzuziehen, hilft ebenfalls dabei, Wärme besser im Raum zu halten.
Zugegeben, das alles kann keine energetische Modernisierung ersetzen – sehr wohl aber energetisch Schlechtes deutlich aufwerten und bereits Gutes noch besser machen. Und das für Preise, die erheblich unterhalb einer vollwertigen Modernisierung liegen.
4) Der Winter als strategischer Weckruf
Nein, auch wenn manche es anders sehen, hat der Winter 2025/2026 nicht gezeigt, dass Berlin grundsätzlich überfordert wäre. Er hat vielmehr sichtbar gemacht, wo die Belastungsgrenzen liegen – technisch, organisatorisch und gesellschaftlich.
Die zentralen Erkenntnisse lassen sich zusammenfassen:

Ob dieser Winter als einmalige Ausnahmesituation in Erinnerung bleibt oder als Beginn einer neuen Normalität, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen – zumal er beim Verfassen dieser Zeilen noch andauerte. Klar ist jedoch: Resilienz entsteht nicht erst im Krisenmoment. Sie entsteht im Vorfeld durch Planung, Investitionen und das Bewusstsein, dass Stabilität kein Selbstläufer ist. Der aktuelle Winter hat Berlin nicht wirklich bloßgestellt, sondern vielmehr sensibilisiert. Wichtig ist nun aber, ob aus dieser Sensibilisierung konkrete Maßnahmen erwachsen.
