Wie stark breitet sich das Coronavirus aus? Die Zahlen geben nur wenig Aufschluss über das Infektionsgeschehen. Foto:
Friso Gentsch/dpa

Das Robert-Koch-Institut (RKI) vermeldet erneut einen Rekord, die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist gestiegen. Sie lag in der Nacht zu Freitag erstmals über 20.000. Insgesamt haben sich seit Beginn der Pandemie bundesweit 597.583 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert (Stand: 5.11., 0 Uhr).

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Gleichzeitig ist der R-Wert gesunken. Er ist einer der vielen Parameter, die immer wieder zu Rate gezogen und bei Begründungen für Corona-Maßnahmen angegeben werden. Am Mittwoch lag die Reproduktionszahl in Deutschland laut RKI-Lagebericht bei 0,81. Am Dienstag hatte das RKI noch einen R-Wert von 0,94 vermeldet. Dieser Trend ist auch in Berlin zu beobachten: Laut Lagebericht der Gesundheitsverwaltung am Mittwoch ist der Wert für die Reproduktionszahl von 0,92 auf 0,77 gesunken. Ist das ein Indiz dafür, dass sich der erhoffte Brems-Effekt bei der Ausbreitung der Pandemie bereits einstellt? Nicht wirklich, lautet leider die Antwort.

Welche Corona-Kennziffer sagt was?

Zahl der Neuinfektionen: Die Gesundheitsämter melden an das Robert-Koch-Institut (RKI), wie viele Menschen sich neu mit dem Virus infizieren. Diese tägliche Fallzahl spiegelt somit ein Stück weit das aktuelle Infektionsgeschehen wider. Allerdings unterliegt die Zahl starken Schwankungen, etwa weil es am Wochenende in der Regel einen Meldeverzug gibt. Außerdem gibt es eine hohe Dunkelziffer. Zudem muss auch die Testrate, also die Zahl der Corona-Tests, beachtet werden. 

Neuinfektionen der vergangenen 7 Tage: Indem die Neuinfektionen einer Woche zusammengezählt werden, werden die Schwankungen der täglichen Neuinfektionszahlen weitgehend ausgeglichen. Das RKI gibt diese auf die vergangenen sieben Tage summierten Fallzahlen in seinem Lagebericht an. Auf diese Weise lassen sich Trends besser erkennen.

7-Tage-Inzidenz: Diese Inzidenz zeigt die Zahl der Neuinfektionen innerhalb der vergangenen sieben Tage und wird pro 100.000 Einwohner angegeben. Sie wurde von Bund und Ländern mit Blick auf Kreise und kreisfreie Städte als maßgeblich für neue Einschränkungen in der Corona-Pandemie festgelegt. Bei 50 Fällen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner sollen sofort wieder Beschränkungskonzepte umgesetzt werden.

R-Wert: Die sogenannte Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Liegt diese Zahl unter 1, deutet es darauf hin, dass die Epidemie abflaut. Denn dann steckt ein Infizierter im Schnitt weniger als eine weitere Person an. Der R-Wert, der vom RKI berechnet wird, lässt also Rückschlüsse auf die Epidemie-Entwicklung zu. Allerdings ist zu beachten, dass der R-Wert meist das Infektionsgeschehen von Tagen oder Wochen zuvor abbildet und auch von Tag zu Tag schwankt.

Intensivbetten: Ob es genug Behandlungskapazitäten für schwerkranke Corona-Patienten gibt, hängt vom Platz der Intensivstationen in den Kliniken ab. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) gibt in einem Register an, wie viele Intensivbetten gerade frei sind. Auf das aktuelle Infektionsgeschehen lässt diese Zahl aber kaum Rückschlüsse zu, denn laut Divi dauert es bis zu 14 Tage, bis ein Schwerkranker auf eine Intensivstation kommt.

Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Liegt die Zahl unter 1, steckt also ein Mensch weniger als einen anderen an. Dies war immer ein erklärtes Ziel im Kampf gegen die Pandemie. Allerdings, und das ist wichtig zu bedenken: Der R-Wert bildet nicht das aktuelle Geschehen ab. Er ist Symbol für das Infektionsgeschehen von vor etwa eineinhalb Wochen.

Dunkelziffer und Meldeverzug verfälschen Werte

Das hängt mit der Berechnung der Reproduktionsrate zusammen. Wissenschaftler können verschiedene Modelle wählen und müssen Parameter schätzen. Das RKI ermittelt den R-Wert aus den übermittelten Daten der bestätigten Fälle. Die Zahl wird anhand positiver Testergebnisse ermittelt, sie gibt nur an, wer als infiziert registriert wurde. Die Dunkelziffer kann also hoch sein. Zudem kann es immer zu einem gewissen Meldeverzug kommen. Dies lässt sich zum Beispiel gut am Wochenende beobachten, nicht alle Gesundheitsämter übermitteln Sonnabend und Sonntag alle Daten, die Zahlen sind dann meist niedriger.

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Um Schwankungen von einzelnen Tagen oder vom Wochenende auszugleichen, wird in der Regel der Mittelwert von mehreren vergangenen Tagen berechnet. Dazu nutzt das RKI ein statistisches Verfahren, das sogenannte Nowcasting. „Damit wird prognostiziert, wie viele Fälle mit einem Erkrankungsbeginn bis vier Tage vor dem Datum der Analyse wahrscheinlich nachgewiesen werden. Dies sind alle bereits gemeldeten Fälle und die erwarteten Nachmeldungen“, schreibt das RKI über das Verfahren.

R-Wert sinkt derzeit leicht

Im Moment sinkt der R-Wert leicht. Das könnte dadurch erklärt werden, dass sich einige Menschen bereits in der vergangenen Woche vorsichtiger als zwei Wochen zuvor verhielten. Dies ergibt sich aus einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung für den Corona-Monitor. Bis sich Effekte des Teil-Lockdowns zeigen, dauert es wegen der Zeit von Ansteckung zu Symptomen, Test und Erfassung nach RKI-Angaben zwei bis drei Wochen. Ob der R-Wert im Moment einen stabilen Trend oder eine Schwankung anzeigt, könne man daher noch nicht wissen, hatte RKI-Vizepräsident Lars Schaade am Dienstag gesagt. Um in eine wieder kontrollierbare Lage zu kommen, müsse die Reproduktionszahl weiter sinken und eine längere Zeit deutlich unter 1 liegen, bei 0,7 oder noch niedriger.

Zudem kann die Reproduktionszahl nicht alleine als Maß für die Wirksamkeit und Notwendigkeit von Maßnahmen herangezogen werden. Im Blick behalten muss man immer auch die absolute Zahl der täglichen Neuinfektionen sowie die Schwere der Erkrankungen. „Da die Zahl der infizierten Personen derzeit in Deutschland sehr hoch ist, bedeutet dies weiterhin eine hohe Zahl von täglichen Neuerkrankungen. Aktuell ist eine zunehmende Beschleunigung der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten“, heißt es im Lagebericht des RKI.