Das Cover der ersten „Micky Maus“-Ausgabe aus dem Jahr 1951 dpa/Egmont Ehapa Media Disney

Hunderttausende Sprechblasen voller Spaß, Spannung und Abenteuer: Das „Micky Maus“-Heft gibt es jetzt seit genau 70 Jahren in Deutschland. Am 29. August 1951, einem Mittwoch, hatten Comicfreunde in der Bundesrepublik zum ersten Mal ein Heft mit dem tapferen Helden aus Entenhausen in der Hand. Und gleichwohl auf dem ersten deutschen Frontcover Micky und sein Freund Goofy eine Propellermaschine mit ängstlichem Blick in einen Sturzflug steuern, nahm das Kindermagazin schnell einen Kurs steil nach ganz oben.

Das „Micky Maus“-Heft erschien von Anfang an in Farbe

Der Untertitel lautete in den frühen Jahren noch „Das bunte Monatsheft“. Das war kluges Marketing. Comic-Experte Boemund von Hunoltstein erklärt in dem Jubiläumsband „Das Beste von 1951 bis 2021“, was an „Micky Maus“ so neu war: „Die Ausgabe erschien komplett koloriert, war man doch bis dato nur schwarz-weiße Illustrierte gewohnt. Das neue Format wurde sehr gut angenommen, obwohl Comics zur damaligen Zeit kein sehr hohes Ansehen genossen.“ Heute sind diese frühen Hefte gefragte und teure Sammlerstücke.

Eng verbunden mit dem großen Prestigegewinn der „Micky Maus“ unter Westdeutschlands Eltern ist der Name der Übersetzerin Erika Fuchs (1906-2005). Fuchs erfand ganze Sprichwörter. Etwa: „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.“ Ihre lautmalerischen Ausrufe wie „Ächz“, „Seufz“, „Quietsch“, „Freu“ und „Uff“ sind tief in den deutschen Wortschatz eingegangen. Linguisten nennen so etwas einen Inflektiv, Verehrer von Erika Fuchs sprechen als Hommage lieber von einem Erikativ.

Das „Micky Maus“-Heft startete mit Donald Duck

„Inhaltlich waren die Hefte immer nach einem festen Schema strukturiert“, so Hunoltstein. „Die Startgeschichte (...) war meist eine 10-seitige Donald-Duck-Geschichte, in der Regel von Carl Barks.“ Zeichengenie Barks (1901-2000) gilt bis heute als der Übervater der Disney-Welt. „Dann gab es oft eine Kurzgeschichte mit Micky, Goofy oder Pluto. Auch Oma Duck und Franz Gans waren häufig mit je zwei Seiten vertreten.“ Von 1957 an kam das Heftchen jede Woche heraus.

Der Stil der Geschichten wandelte sich mit den Jahren immer mehr. Viele US-Zeichner gingen in den 1960er und 1970er-Jahren in Rente, europäische Zeichner rückten für sie nach. Das hatte Einfluss auf die Plots. Micky Maus, dessen erste Abenteuer oft Märchen-Charakter gehabt hatten, wurde immer häufiger in harte Action hineingezogen.

Europäische Zeichner brachten verrückte Plots

Manche seiner Erlebnisse hatten sogar starke psychedelische Anklänge. Einen der schönsten und spannendsten Micky-Strips dieser Jahre schufen die Italiener Guido Martina und Romano Scarpa 1967 für den „Micky Maus“-Ableger „Lustiges Taschenbuch“: In „Der Tomatenmagnet“ attackiert der skrupellose Wissenschaftler Magnetofix von einem Ufo in den Wolken aus Supermärkte und stiehlt tonnenweise Tomaten, um so hochexplosiven Sprengstoff herzustellen. Fliegende Roboter entführen auch Micky und Goofy hoch in den Himmel. Die Story hat Logik-Löcher so groß wie der Andromedanebel, sie ist aber hinreißend zu lesen.

Mit bisher mehr als 3300 erschienenen Ausgaben und mehr als 1,3 Milliarden verkauften Heften gilt die deutschsprachige Ausgabe der „Micky Maus“ heute als eines der erfolgreichsten Kinder-Magazine Europas. Im Schnitt hat ein Heft in Deutschland über 400.000 Leser.

In den Anfangsjahren hatte die Micky Maus noch den Untertitel „Das bunte Monatsheft“. dpa/Egmont Ehapa Media Disney

Zeichner Ulrich Schröder liebt das Unperfekte

Ulrich Schröder gehört schon seit vielen Jahren zum Team und ist dort einer der wichtigsten Zeichner. Bereits als Kind hatte er Briefe mit seinem Idol Carl Barks gewechselt. „Wenn ich Comics zeichne, empfinde ich genau das Gefühl, das ich hatte, wenn ich als Junge die Geschichten gelesen habe. Und genau dieses Gefühl möchte ich weitergeben“, sagt Schröder in einem Interview seines Verlags.

Schröder setzt auf Handarbeit: „Da ich Computer nicht wirklich mag, hat sich für mich nicht so viel geändert. Viele Zeichner haben angefangen, am Computer zu zeichnen, das sieht auch oft gut aus. Aber bei genauem Hinschauen, ist eben alles sehr perfekt. Ich finde es einfach schön, wenn man sieht, dass es handgemacht ist. Wie der Bio-Apfel: Er ist nicht immer ganz perfekt, hat aber Charakter.“

Zum Jubiläum hat der Verlag Egmont Ehapa, dessen Geschichte mit der „Micky Maus“ begann, vor wenigen Tagen ein „Micky Maus“-Sonderheft und die Chronik „Das Beste von 1951 bis 2021“ herausgebracht.