Experten und Polizisten untersuchen den Absturzort der Concorde. Foto: dpa/Ferdinand Ostrop

„Sie haben Flammen hinter sich“, meldet der Tower des Pariser Flughafens Charles de Gaulle. Doch es ist zu spät, das Flugzeug ist bereits zu schnell – es muss abheben. Um 16.44 Uhr endet die Aufzeichnung, nur Minuten nach dem Start stürzt der Air-France-Flug 4590 in ein Hotel. Alle 109 Insassen kommen am 25. Juli vor 20 Jahren ums Leben, vier Menschen sterben am Boden. Es ist ein fürchterliches Unglück und der Anfang vom Ende eines Mythos – des Überschalljets Concorde.

Rechtsanwalt Christof Wellens aus Mönchengladbach erfuhr auf einer Tagung von dem Absturz. In der Concorde saßen damals auch 99 Passagiere auf dem Weg nach New York, die eine Kreuzfahrt gebucht hatten. Fast alle von ihnen kamen aus Deutschland, 13 stammten aus Mönchengladbach.

Wellens vertrat viele Angehörige in Entschädigungsprozessen. „Diese Gespräche mit Hinterbliebenen erfordern viel Fingerspitzengefühl, weil in der Situation alles andere näher liegt, als über Geld zu sprechen“, sagt er. Damals konnte er für viele eine schnelle Einigung erzielen. Nach etwa einem Jahr wurden Entschädigungen ausgezahlt. Der Absturz hat den Juristen geprägt. Heute ist er Vorsitzender des Vereins Crash e.V., der nach einem schweren Unfall Angehörigen zur Seite steht. Er wurde direkt nach dem Unglück gegründet.

Eine Angehörige kniet an der Absturzstelle der Concorde. Foto: AFP/Mehdi Fedouach

Zehn Jahre später urteilte ein französisches Gericht darüber, was damals passiert war. Die Concorde rollte beim Start über ein Metallstück, das ein zuvor abgeflogener Jet verloren hatte. Das löste eine verhängnisvolle Kettenreaktion aus: Die Lamelle ließ einen Reifen am Fahrwerk der Concorde platzen, Gummiteile durchschlugen einen Flächentank des Flugzeugs, und das ausströmende Kerosin fing Feuer. Eine Lamelle besiegelte also damals das Schicksal von 113 Menschen.

Für viele war ein Flug mit der Concorde ein Traum. Sie war der einzige Überschalljet, der dauerhaft im Reiseverkehr eingesetzt wurde. Auf den Strecken von Paris und London nach New York war die schneeweiße Concorde mit der spitzen Nase ein Vierteljahrhundert lang unterwegs – als „Königin der Lüfte“ sozusagen. Nur rund dreieinhalb Stunden brauchte sie mit doppelter Schallgeschwindigkeit über den Atlantik. An Bord gab es Champagner und Kaviar.

Nach 26 Jahren war die Zeit der Concorde vorbei

Air France und British Airways hatten den Linienverkehr 1977 aufgenommen. 2003 wurde der Flugbetrieb eingestellt. Doch das Unglück war nicht der einzige Grund für das Aus. „Es veränderte sich schon etwas vor dem Absturz. Die Passagiere, die man an Bord der Concorde erwarten würde – die Berühmten, die gekrönten Häupter, die Magnaten – hatten ihr Verhalten geändert“, weiß Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Viele seien auf Privatjets umgestiegen, die nicht an einen Linienflugplan gebunden waren.

Feuerwehrleute tragen Leichen aus den Trümmern der Concorde. Foto: AFP/Jack Guez

Zudem war die Concorde ziemlich eng. Für Luxus wie eingebaute Betten oder Trennwände war schlicht kein Platz. Hinzu kamen ein riesiger Treibstoffverbrauch und unverhältnismäßig teure Instandhaltungskosten. Der „fliegende Bleistift“ wirkt allein aus Umweltgründen heute völlig aus der Zeit gefallen.

Trotzdem tüfteln immer wieder Unternehmen an einer neuen Concorde, doch die Corona-Krise wird in den kommenden Jahren wohl kein gewagtes Flugzeugprojekt zulassen. Und so bleibt die Erinnerung an ein außergewöhnliches Flugzeug, mit dem man die Zeit schlagen konnte. Schellenberg ist sicher: „Ohne den Absturz wäre die Concorde ins Museum geflogen. So ist sie auf den Schrottplatz geflogen.“