Wer Poledance als Sport wählt, der trainiert viele Partien des eigenen Körpers. Fotos: imago/Panthermedia

Egal ob die nächste Straßenlaterne in Moskau oder die Ampel an der Kreuzung um die Ecke. Kein Problem für Dmitri Politow, sich spontan auch an einem Verkehrsschild hochzuschwingen. Der 31-Jährige ist Sportler mit kräftigen Muskeln in Armen und Beinen. Sein Trainingsgerät ist eine Stange. Er verdient sein Geld aber nicht in Stripclubs. Der Russe gehört zu den weltweit besten Poledancern. Er will den kräfteraubenden Sport an der Metallstange noch bekannter machen - und muss dabei gegen Klischees kämpfen.

Seit fast zehn Jahren ist Dimitri Politow Poledancer

Geschickt wickelt der 31-Jährige seine Beine um einen langen Stab. Von seinem Trainingsstudio in der russischen Hauptstadt Moskau hat er einen guten Blick über die Häuser in Richtung Stadtzentrum. Dmitri Politow hat dafür aber keine Zeit. Er löst seine Hände und streckt seine Arme aus. Sein Lächeln wirkt professionell. Dann rutscht er die Stange hinunter. „Geschafft“, ruft Politow in den Raum.

Kurze Pause beim Training an der Stange (Englisch: Pole). Seit fast zehn Jahren betreibt der junge Mann Poledance, wie es viele meist aus Diskotheken kennen. „Für mich ist es Sport.“ Er hat aber auch kein Problem damit, wenn andere widersprechen. „Das ist eine Frage der Erfahrung. Wer nie in Berührung gekommen ist mit Poledance, denkt dabei vielleicht an Stripclubs“, sagt der Sportler. „Striptease heißt, seine Kleidung ausziehen. Ich bin kein Fan davon.“

Für Dmitri Politow bedeutet Poledance vor allem eines: bis zu sechs Stunden Training nahezu jeden Tag. Der Lohn: In den vergangenen Jahren gewann er mehrere Titel bei nationalen und internationalen Wettbewerben - unter anderem den „World Pole Dance Championship“. Die Corona-Pandemie hat den Mann aus dem Süden Russlands jedoch ausgebremst. Meisterschaften wurden abgesagt. Statt durch die Welt zu fliegen, suchte Politow nach einer anderen Beschäftigung.

Dmitri Politow gehört zu den weltbesten Poledancern.  Foto: dpa/Christian Thiele

Er lehrt nun Poledance. Der 31-Jährige kehrt damit zu seinen Wurzeln zurück. Er hat Lehramt studiert. „Eigentlich wollte ich Übersetzer werden.“ Doch schon früh hat der Sohn eines Priesters einen Drang nach Bewegung gespürt. Er sei schon in der Schule gern gesprungen. An der Militäruniversität in Moskau, wo er studieren wollte, ist er dafür bestraft worden, dass er etwa Purzelbäume schlug, erzählt er. Deswegen ist er an eine andere Hochschule gewechselt.

Männer in Frauensportarten sind oft Anfeindungen ausgesetzt

Gerade in Russland, wo traditionelle Geschlechterbilder propagiert werden, sind Männer in sogenannten Frauensportarten aber mitunter Anfeindungen ausgesetzt. Die Ehefrau von Kremlsprecher Dmitri Peskow sorgte erst vor wenigen Tagen für Entsetzen, als sie männliche Olympioniken der Rhythmischen Sportgymnastik verspottete.

Dabei ist Akrobatik in luftiger Höhe für männliche Sportler überhaupt nicht neu. Bereits seit Jahrhunderten führen Männer im traditionellen chinesischen Zirkus waghalsige Figuren an Stangen vor. Sie tauchten im 20. Jahrhundert schließlich in den Wanderzirkussen der USA auf. Als Frauen ihren Tanz dann mit erotischen Bewegungen kombinierten, kam das vor allem bei Männern gut an. Und so hielt Poledance letztlich in Bars und Clubs Einzug.

Der Sportler Dmitri Politow turnt an einer Stange in einem Sportstudio.  Foto: dpa/Christian Thiele

Die Stange ist inzwischen zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt. In Deutschland gibt es mittlerweile Hunderte Sportstudios, die Poledance anbieten. Auf vielen Internetseiten werben Frauen für den Freizeitsport, der verspricht, mit „eleganten und akrobatischen Elementen“ den Körper fit zu halten. Bei der Organisation des deutschen Pole Sports sind 70 Prozent der Mitglieder Frauen. Männer sind rar. Unter den professionellen Poledancern weltweit ist der Russe Politow aber keine Ausnahme.

Den Präsidenten der deutschen Organisation, Kay Lindrath, freut vor allem der große Zulauf. Er spricht von „rapide steigenden Zahlen“ in den vergangenen Jahren. Für die deutsche Meisterschaft im vergangenen Jahr, die wegen der Pandemie aber abgesagt werden musste, hätten sich mehr als 200 Athleten angemeldet. Die Auflage in diesem Sommer ging wegen Corona-Beschränkungen mit weniger Teilnehmern über die Bühne. Lindrath arbeitet nun daran, dass seine Organisation ins Olympische Komitee aufgenommen wird. Und mit Videos im Internet will er den Sport weiter weg vom Schmuddelimage bringen.

Politow hofft, dass sein Sohn irgendwann in seine Fußstapfen tritt

Dmitri Politow bekommt für seine Kurzfilme an der Stange inzwischen ziemlich viele Likes bei Instagram - wenn der Sportler aus Russland etwa mit freiem Oberkörper am Strand elegant und akrobatisch turnt. Er hofft, dass irgendwann auch sein Sohn ihm nacheifern wird. „Jeder sollte aber seinen Wünschen folgen.“ Beim Training schaut der Achtjährige schon zu.