Die Kasseler Künstlerin Doris Gutermuth hält in ihrem Atelier ein Zebrastreifenschild aus Afghanistan in der Hand.  dpa/Uwe Zucchi

„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Zebrastreifen eingestellt“, sagt Doris Gutermuth. Ein Rundgang durch das Atelier der Kasseler Künstlerin und Psychoanalytikerin zeigt, dass sie mit ihrer Marlene-Dietrich-Anleihe nicht übertreibt. Schon die Fußmatte vor der Tür ist im Design des blau-weißen Piktogramms mit Fußgänger gestaltet. Im Altbau selbst gibt es kaum einen Winkel, in dem der Fußgängerüberweg nicht irgendwie präsent ist. Neben ihren eigenen Illustrationen, in denen die 65-Jährige das übliche Männchen auf dem Zebrastreifen-Schild durch Figuren der grimmschen Märchen ersetzt, reihen sich an den Wänden Fußgängerüberweg-Schilder aus aller Welt.

dpa/Uwe Zucchi
Diverse Zebrastreifenschilder hängen im Atelier der Kasseler Künstlerin Doris Gutermuth an der Wand. 

Das jüngste Exponat, Nummer 37 in Gutermuths Sammlung, ist frisch aus Kanada eingetroffen. Seit 2007 sammelt die Künstlerin die Schilder. Im Gegenzug sendet sie eine ihrer Zebrastreifen-Illustrationen an das Herkunftsland zurück. Kanada etwa erhält als Dankeschön eine Illustration des Märchens „Schneewittchen“, transformiert auf Mobilität und die heutige Zeit. So befragt Schneewittchens böse Stiefmutter beim Überqueren des Zebrastreifens nicht etwa den Spiegel an der Wand, wer die Schönste im ganzen Land sei, sondern ihr Smartphone in der Hand. Gutermuths Werke erzählen die Geschichten ohne Text und somit ohne Sprachbarriere.

Lesen Sie auch: Aus Legosteinen, in Form von Raumschiffen oder Donuts: Neuseeländer zimmert individuelle Särge >>

Eine kulturelle Brücke zwischen dem Herkunftsland der Verkehrszeichen und Kassel

Mit dem Projekt will die Künstlerin eine kulturelle Brücke zwischen dem Herkunftsland der Verkehrszeichen und ihrer nordhessischen Heimat schlagen, wie sie sagt. „Mein Anliegen ist es, ein Schild aus dem Heimatland jeder Nationalität nach Kassel zu holen, die hier beheimatet ist.“ Keine Kleinigkeit bei 168 unterschiedlichen Staatsangehörigkeiten, die es laut Pressesprecher der Stadt in Kassel gibt. Hessenweit sind es laut Statistischem Landesamt übrigens sogar 197 Nationalitäten.

Zu den Exponaten, die Gutermuth bereits gesammelt hat, zählen unter anderem Schilder aus China, Japan, Tschechien, Frankreich, den USA, der Türkei und der DDR. Alle verfügten über einen Herkunftsnachweis und würden im Herkunftsland natürlich ersetzt, betont die Künstlerin. Dem Tausch gehe meist viel Korrespondenz voraus, berichtet sie. Unterstützt wird sie dabei von Menschen aus den Herkunftsländern, Freunden, Bekannten, Unternehmern und Politikern. Für ein Verkehrszeichen aus Warschau habe sich sogar der damalige Außenminister und FDP-Politiker Guido Westerwelle eingesetzt.

dpa/Uwe Zucchi
Die Kasseler Künstlerin Doris Gutermuth zeigt in ihrem Atelier auf ein Tableau von Zebrastreifenschildern mit Dornröschen-Motiven. 

Highlights in ihrer Sammlung sind etwa ein Schild aus Afghanistan, das ihr ein Angehöriger der Bundeswehr geschickt habe, sowie eines aus dem westafrikanischen Burkina Faso. An ihm haftet noch der Sand der Sahara. „Ich liebe diese Gebrauchsspuren. Sie erzählen Geschichten“, sagt Gutermuth. Sie zeigten, dass die Verkehrszeichen ihre schützende Funktion bei Wind und Wetter erfüllten. Ein Exponat ist auch ein vom chinesischen Künstler Ai Weiwei signiertes Schild. Gutermuths Favorit hängt allerdings noch gar nicht an der Wand ihres Ateliers. „Mein Lieblingsstück ist immer das, welches als Nächstes kommt.“ Aktuell erwartet sie ein Schild aus Nepal.

Lesen Sie auch: Flüssiges Brot: Wie diese Brauer mit ihrem Bier Lebensmittel retten >>

Das Besondere an den Zebrastreifenschildern ist für Gutermuth deren universelle Bedeutung. „Sie werden auf der ganzen Welt verwendet. Überall stellen sie den Menschen in seiner Schutzlosigkeit ins Zentrum.“ Auch wenn es durchaus Unterschiede gebe. „Manche Fußgänger sind staksig dargestellt, manche forsch und schwungvoll.“ Gemein bleibe allen die Philosophie der Rücksichtnahme. „Es ist das Prinzip, dem Schwächeren Vorrang zu geben, das mich an den Schildern berührt.“