Schon vor der Corona-Krise war Bill Gates ein beliebtes Ziel von Verschwörungstheorien. Nun ist er verstärkt zum Ziel der Ideologen geworden. Foto: imago images/Steinach

Die Corona-Krise birgt viele Bedrohungen. Weltweit starben bereits fast 300 000 Menschen an dem Virus, die Wirtschaft liegt am Boden und täglich werden im Internet neue Verschwörungstheorien verbreitet, die vorgeben, einfache Antworten auf schwierige Fragen zu liefern.  

Doch was oftmals lustig klingt, wie der Glaube an eine angeblich flache Erde, kann der Beginn einer Radikalisierung sein. Tobias R., der rechtsextreme Attentäter von Hanau glaubte, dass geheime Mächte sein Gehirn überwachen. Der rassistisch motivierte Terrorist von Christchurch Brenton T. glaubte, daran, dass die Bevölkerung in Europa ausgetauscht werden solle – und zwar ebenfalls von einer geheimen Macht.

Verschwörungsideologen präsentieren einfache Lösungen

Die geheimen Mächte waren schon immer zentral in Verschwörungstheorien sagt Giulia Silberberger dem KURIER. Sie ist Gründerin der Initiative „Der goldene Aluhut“, die sich zur Aufgabe gemacht hat, auf das Problem von Verschwörungstheorien und Fake News aufmerksam zu machen. Ein Problem sei, dass die Menschen es gewohnt seien, schnell an alle möglichen Informationen zu kommen. Doch da die Wissenschaft noch dabei ist, Wissen zum Coronavirus zu schaffen, gibt es die aktuell nicht. In diese Lücke stoßen Verschwörungsideologen.

Giulia Silberberger gründete die Organisation "Der goldene Aluhut".
Foto: Privat

Das sei nicht neu. Schon als Juden im Mittelalter beschuldigt wurden, Brunnen vergiftet oder die Pest ausgelöst zu haben, wirkten die gleichen Mechanismen. „Es geht darum die Gemüter zu kühlen“, sagt Silberberger und dafür brauche es damals wie heute einen Sündenbock. Auch heute werden Juden in vielen Verschwörungstheorien zur Wurzel allen Übels erklärt, aber es gibt auch andere: Bill Gates, Hillary Clinton, ihnen wird vorgeworfen, eine „Neue Welt Ordnung“ aufbauen zu wollen. Schon seit Jahren. In der Corona-Krise bekamen diese alten Theorien neues Futter.

In Krisenzeiten sind Menschen besonders anfällig

Dass in der aktuellen Lage viele Menschen anfangen, an die Verschwörungen zu glauben, sei nicht überraschend, sagt Silberberger. Viele Menschen leiden unter der Situation. Einige haben ihre Jobs verloren, bangen um ihre Existenz oder ihnen fällt nach Wochen im Homeoffice mit Kindern, die nicht draußen spielen sollen, die Decke auf den Kopf. „Das erhöht natürlich die Anfälligkeit für jemanden, der behauptet eine Möglichkeit zu bieten, um der Krise Herr zu werden, auch wenn das Blödsinn ist“, so Silberberger.

Viele dieser Theorien verbreiten sich über soziale Netzwerke. Problematisch ist laut Silberberger, dass viele Artikel geteilt werden, ohne sie zu lesen. So verbreiten sie sich schnell, „wie das Virus selbst“, sagt sie. Als Brandbeschleuniger treten in der aktuellen Krise immer wieder Prominente wie der Berliner Rapper Sido auf.

Oft gibt es einen "wahren Fitzel" in der Verschwörungstheorie

Silberberger hält Sido allerdings nicht zwangsläufig für einen Verschwörungstheoretiker. „Da gilt oft auch das Solidaritätsprinzip“, sagt sie. „Man stellt sich vor einen Freund (Xavier Naidoo, d. Red.), der öffentlich angegriffen wird. Und kann sich durchaus vorstellen, dass etwas an den Theorien dran ist, weil, man hört ja so viel’.“ Das sei eines der großen Probleme mit Verschwörungstheorien und Fakenews, so Silberberg. „Man nimmt sich irgendeinen wahren Fitzel und baut sich dann seine Geschichte darum.“

Daher sei es wichtig in der Familie oder im Freundeskreis das Gespräch zu suchen und besonnen zu bleiben, wenn jemand mit einer Verschwörungstheorie ankommt. Das könne übrigens jedem mal passieren, sagt Silberberger. Ihr Tipp: Gemeinsam zu recherchieren, was es damit auf sich hat. Oftmals lenken die Menschen ein, wenn sie erkennen, einer Fakenews aufgesessen zu sein. Wenn sie aber schon zu tief im Verschwörungssumpf stecken, helfe nur deutliche Gegenrede gegen Antisemitismus und Rassismus. Das ganze müsse aber respektvoll erfolgen, sonst stoße man diese Person noch weiter von sich weg – in die Arme der Verschwörungsideologen.