Eine Plüschgiraffe steht neben Kerzen auf einem Briefkasten vor dem Wohnhaus. Eine 27-jährige Mutter soll in Solingen fünf Kinder umgebracht haben.
Foto: Marcel Kusch/dpa

Der gewaltsame Tod von fünf Kindern in Solingen deutet nach Ansicht des Kriminalexperten Axel Petermann auf Hilf- und Perspektivlosigkeit der Mutter hin. Mögliche Warnzeichen für die Tat seien zudem womöglich wegen der Coronavirus-Pandemie nicht rechtzeitig erkannt worden, sagte Petermann der Deutschen Presse-Agentur. So sei beispielsweise denkbar, dass durch das Ausfallen von Schulunterricht und Kindergartenbetreuung Mechanismen nicht greifen konnten, die sonst Hilfe oder Unterstützung ermöglicht hätten.

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Die Kinder im Alter von einem bis acht Jahren waren am Donnerstag leblos in einer Wohnung in der nordrhein-westfälischen Stadt entdeckt worden. Die 27 Jahre alte Mutter steht unter Tatverdacht. Sie versuchte sich nach Angaben der Polizei am Bahnhof in Düsseldorf mit dem Sprung vor einen Zug das Leben zu nehmen. Sie überlebte schwer verletzt. Auch ein elfjähriger Sohn der Frau überlebte. Vermutet wird, dass die Mutter ihre Kinder vergiftet haben könnte, da diese nach ersten Erkenntnissen keine äußeren Verletzungen aufwiesen. Das Ergebnis der toxikologischen Untersuchungen steht aber noch aus.

Anwohner stellten vor dem Hauseingang in Solingen Kerzen und ein Kuscheltier als Zeichen der Trauer um die fünf getöteten Kinder ab. Die Polizei wollte die Nachbarn der Familie im Laufe des Donnerstags befragen, um sich den Hintergründen des Falles zu nähern. Zum Vater der Kinder hat die Polizei inzwischen Kontakt aufgenommen. Näheres teilte sie dahin gehend nicht mit.

Konsequenz des Tatgeschehens für Mütter ungewöhnlich

Dass bei dem Fall in Solingen eine Frau unter Tatverdacht stehe, sei außergewöhnlich, sagte Petermann, der Buchautor und Fallanalytiker ist. „Diese Gewalt bedeutet ja auch für jede einzelne Tötung einen neuen Entschluss.“ Die Konsequenz des Tatgeschehens sei für Mütter ungewöhnlich. „Ich zumindest habe das so nie erlebt“, so der Profiler. Häufiger seien es Männer, die ihre eigenen Kinder töteten und danach versuchten, sich selbst das Leben zu nehmen. Oft stehe dabei ein Streit um das Sorge- oder Besuchsrecht mit der Ex-Partnerin im Hintergrund.

Bei Männern komme als Motiv auch häufig eine Aggression gegen die Mutter der Kinder infrage. Die solle durch das Töten der gemeinsamen Kinder dann bestraft werden. Das hält Petermann bei einer Frau aber für unwahrscheinlich. Eher glaubt er, dass Mütter die eigene Perspektivlosigkeit auf die Kinder übertragen und ihnen das Leid ersparen wollen, das sie mit dem eigenen Leben verbinden.

Profiler Axel Petermann findet den Fall von Solingen ungewöhnlich. Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Das Einkommen der Familie sei für eine solche Tat wohl weniger entscheidend. Das seien Taten, „die sich doch durch alle Gesellschaftsschichten ziehen können“, sagte Petermann. Es komme darauf an, inwieweit Menschen in ein soziales Netzwerk eingebunden seien und Ansprechpartner hätten. Ihn interessiere beispielsweise die Frage, ob die Frau von dem Vater oder den Vätern bei der Erziehung der Kinder alleingelassen wurde.

Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon:
Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de