Von einem Boot aus beobachten Politiker und Wissenschaftler, wie das „Mose“-System hochfährt. Foto: dpa/Claudio FUrlan

Langsam erscheinen gelbe Barrieren auf der Wasseroberfläche. An Hochwasser erinnert hier an diesem ruhigen Sommertag rein gar nichts. Doch die Flutschutzanlage „Mose“ soll Venedig künftig vor verheerenden Überschwemmungen schützen. Am Freitag wurde das Projekt erstmals komplett getestet und fast 80 mobile Flutschutzbarrieren wurden an drei Laguneneingängen ausgefahren.

Von außen sieht „Mose“ ziemlich unspektakulär aus. In einem Koloss aus grauem Beton ist der Kontrollraum auf einer Insel in der Nähe vom Lido untergebracht. Dass hier High-Tech das Unesco-Welterbe schützen soll, erschließt sich nicht sofort. Erst unterirdisch lässt sich erahnen, was für ein kompliziertes Unterfangen das ist. In einem etwa 400 Meter langen Gang verlaufen große glänzende Edelstahlrohre und graue Schläuche. Druckluft soll bei Flut die Barrieren aus dem Wasser heben, die dann Adria-Wasser aus der Lagune fernhalten und die Stadt vor „Acqua Alta“, dem Hochwasser, schützen sollen.

Barrieren des Hochwasserschutzprojekts „Mose“ ragen aus dem Wasser.  Foto: dpa/Claudio Furlan

Rund sechs Milliarden Euro soll das kosten - viele befürchten mehr. Seit Jahrzehnten laufen die Planungen, vor etwa 17 Jahren gab es den ersten Spatenstich. Doch Korruption, Bürokratie, fehlende Entscheidungen, politische und wirtschaftliche Eigeninteressen sind ein toxischer Mix, der „Mose“ wie so viele andere Großbauprojekte in Italien ins schier Unendliche herauszögert. „Es ist richtig, Zweifel zu haben“, sagte Conte. Nun sollten aber alle auf das Ziel hinarbeiten, das Projekt endlich zu beenden.

Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro hält „Mose“ für eine großartige Errungenschaft und für das Symbol von italienischem Einfallsreichtum. „Ich bin ein Fan dieser Anlage“, bekennt er. Doch auch er weiß, wie heikel das Projekt ist. Zuletzt hatten Tests technische Schwierigkeiten offenbart, weil Sand die Funktion der Barrieren beeinträchtigt hatte. Die Angst vor einem Flop ist also nicht unberechtigt. „Wir sprechen über ein gigantisches Projekt, das niemand auf der Welt vorher gemacht hat“, sagte Brugnaro der Zeitung „La Stampa“. 

Im November stand Venedig unter Wasser. Solche Szenarien soll „Mose“ verhindern. Foto: dpa/Claudio Furlan

Es gibt genügend Gegner der Flutschutzanlage in Venedig. Wer nur das Wort „Mose“ in den Mund nimmt, bekommt entweder Schulterzucken oder resigniertes Abwinken oder eine längere Erklärung über Umweltschutz und das sensible Gleichgewicht in der Lagune sowie über die Unfähigkeit von Politikern im Allgemeinen. „Nach dem Hochwasser vom 12. November 2019 haben sie uns gesagt, dass Mose die einzige Lösung sei, um Venedig zu retten: Es ist eine beschämende Lüge. Mose wird die Lagune töten, es wird dieses einzigartige und empfindliche Ökosystem zerstören“, erklärte das Bündnis No Grandi Navi, das sich auch gegen die Kreuzfahrtschiffe in der Lagune einsetzt. Einige Gegner fuhren daher auch am Freitag aufs Wasser, um zu protestieren. 

Denn der Klimawandel bedroht Venedig, davor warnen Wissenschaftler seit langem. „Mose“ sei „eine gute Nachricht für die Welt“, sagte Wasserexperte Giovanni Cecconi, der an der Universität Ca Foscari in Venedig lehrt. „Venedig wird die erste Lagune sein, die Wasser nur bei Bedarf einlässt. Aber wir müssen schon jetzt über Mose hinaus denken.“ Venedig sei wegen des Klimawandels einem beschleunigten Anstieg des Wasserspiegels ausgesetzt. „Was früher in einem Jahrhundert angestiegen ist, steigt jetzt in 25 Jahren.“