Björn Vedder mit seinen Kindern auf dem Ammersee bei München.  privat

Er hat zwei Kleinkinder und ein Baby zuhause. Die spielen oder brabbeln manchmal selbst, es vergeht aber kaum eine halbe Stunde von den 16 Stunden, die sie jeden Tag wach sind, wo nicht mindestens eins unterhalten oder auch nur gewickelt werden will. Dazu kommt eine Menge Hausarbeit. Das meiste davon übernimmt Schriftsteller Björn Vedder in der coronabedingten Krise, weil seine Frau im Moment beruflich Vorfahrt hat. Die Tage sind oft zäh und lang für ihn. Für ihn ist das eine Zeitenwende – wir sprachen mit ihm darüber, und wie er sich die Väter der Zukunft vorstellt und warum die sich endlich mal aus einem veralterten Rollenbild verabschieden sollten.

Björn Vedder über die Väter der Zukunft. Robert Carruba

KURIER: Herr Vedder, wie geht es Ihnen zurzeit als Rund-um-die-Uhr-Vater?

Björn Vedder: Also ich finde es ehrlich gesagt sehr schön, denn so viel Zeit mit seinen Kindern, wie man sie jetzt hat, hat man ja sonst nicht. Das ist ein großes Geschenk und man kann es auch mehr genießen, so geht es mir zumindest, weil man jetzt für die Arbeit nicht ständig noch hierhin und dorthin muss. Es ist, als sei eine Stopptaste gedrückt worden. Die Welt läuft langsamer und man kann es sich auf der Familien-Arche gemütlich machen.

War das bei Ihnen schon vor der Corona-Krise so?

Ich habe schon immer viel Zeit mit meiner Familie verbracht, und seitdem ich Kinder habe, nicht länger als halbtags gearbeitet. Aber jetzt ist es  noch intensiver, weil ich zurzeit nicht verreise, keine Abend-Termine habe, und wenn doch, meine Arbeit zuhause am Schreibtisch erledige. Ansonsten bin ich mit meinen Kindern zusammen. Das ist ja das Gute an dieser Pandemie, dass man gegenüber dem Strom der Ereignisse zurücktreten kann, weil der Lauf der Welt langsamer geworden ist. Ich sehe das als Chance, mal über alles nachzudenken - also so eine Art nachdenkliche Distanz zum Leben einzunehmen.

Ihre älteste Tochter wird bald vier Jahre, die jüngste ist drei Monate alt. Da ist ganz schön viel los bei Ihnen, oder?

Ja, bei uns ist Highlife von morgens um 6 bis abends um 21 Uhr. Ich habe einmal am Tag eine große Pause, in der ich Sport machen oder mal telefonieren kann, aber den Rest des Tages bin ich eingespannt. Aufräumen, kochen, Wäsche waschen, spazieren oder auf den Spielplatz gehen. Wir haben zum Glück ein Haus mit Garten nahe München. Früher haben wir in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Stadt gewohnt, da hätten wir es jetzt schlechter gehabt. Meine älteste Tochter leidet natürlich darunter, dass sie ihre Freundinnen nicht sehen kann. Vor zwei Tagen meinte sie zu mir: Papa, man muss schon aufpassen, dass einem in der Corona-Zeit das Herz nicht bricht. Sie ist in den vergangenen Wochen ein bisschen ernster und nachdenklicher geworden. Ich bin sehr bemüht, das wieder aufzulockern.

Werden Sie manchmal komisch angeschaut, weil sie ein Vollzeit-Vater sind und Ihre Frau gerade arbeitet?

Das ist schon ein bisschen so eine Orchideen-Existenz. Gerade Männer fragen mich: Ach wirklich, wie geht das denn und kann man denn dann überhaupt Geld verdienen? Die meisten Männer in meinem Umfeld definieren sich in erster Linie über ihre Ernährerrolle. Ich sehe das anders. Ich habe das Glück, alles mit meiner Frau teilen zu können.

Diese Ernährungsrolle ist also bei den meisten Männern noch tief verankert.

Es ist ein Gefühl von Macht, aber auch Hilflosigkeit. Umso mehr man sich auf die Ernährerrolle kapriziert, umso mehr wird man zum Stellvertreter - für die Wirtschaft und für das Geld. Damit entfernen sich viele aber, das ist jedenfalls mein Eindruck, von ihren Familien, und müssen sich dann umso stärker an diese Ernährer-Versorger-Vertreterrolle klammern, um überhaupt eine Aufgabe und eine Berechtigung zu haben, und damit wird es immer schwieriger für sie zurückzukehren und sich der Familie anzunähern.

Aber dann müssen gerade diese Männer es doch jetzt ziemlich schwer haben. Viele sind ja wegen der Corona-Krise zuhause.

Mir hat neulich ein Freund erzählt, dass die Corona-Phase für ihn die allerschönste Zeit ist. Er sitzt zu Hause, die Frau versorgt die Kinder. Zwischen zwei Zoom-Konferenzen geht er mal zu seiner Familie, streichelt den Kindern über den Kopf und gibt seiner Frau einen Klaps auf den Po, während sie das Mittagessen vorbereitet. Er macht sich ein Bier auf und geht wieder zu seinem Schreibtisch. Das klingt wie eine Idylle aus den 1950er Jahren, wie wir sie aus Filmen vielleicht kennen. Also ich habe nicht den Eindruck, dass die Home-Office-Väter jetzt besonders darunter leiden, dass sie zuhause arbeiten. Manche sehen natürlich, dass es schon schwierig ist, sich ständig mit den Kindern auseinanderzusetzen. Aber dass die Krise für Väter jetzt genauso schlimm ist wie für viele Mütter, die teilweise unter krassen Bedingungen und existenziellen Bedrohungen alles bewältigen müssen, sehe ich nicht. Ehrlich gesagt, wundere ich mich auch, dass das in vielen Partnerschaften einfach so durchgewunken wird und dass sich Mütter eher an den Staat wenden, dass endlich wieder die Kitas und Schulen aufgemacht werden, um wieder arbeiten zu gehen - ungeachtet der Risiken, die es da vielleicht gibt - und nicht mal zu ihrem Ehemann sagen, er soll jetzt mal beruflich kürzer treten, damit sie nicht ihren Job verliert.

Also legt die Corona-Krise auch offen, was in Familien schiefläuft.

Es zeigt, dass die Logik des Kapitalismus regiert. Und in den meisten Familien ist es eben so, dass die Arbeit des Mannes viel rentabler ist als die Arbeit der Frau. Es sind ökonomische Überlegungen, die das alte Modell durchsetzen.

Sie haben in einem Essay Ihre Vaterrolle mit König Sisyphos verglichen. Wie kamen Sie darauf?

Ich glaube, dass wir in allem, was wir tun, gewisse Rollen spielen. In meiner täglichen Kinder-Haushaltsarbeitswelt, in der ich gerade bin, racker ich den ganzen Tag, und abends gibt es diese zwei Minuten, in denen die Welt heile ist und acht Stunden später versinkt wieder alles im Chaos. Ich glaube, dass es wichtig ist, daran nicht zu verzweifeln, sondern sich Vorbilder zu suchen oder Figuren, mit denen man sich identifizieren kann, um eine andere Perspektive zu gewinnen. Und um darin Sinn und Freude zu sehen. Und da ist mir eben König Sisyphos aus der griechischen Mythologie eingefallen, der auf ewig dazu verdammt ist, einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen. Immer wieder und wieder. Denn kaum, dass der Stein oben ist, rollt er wieder hinab. Seine Anstrengung ist vergeblich und trotzdem erfüllend, weil sie seinem Tun einen Sinn und seinem Leben Struktur gibt.

Wie sollte der Vater der Zukunft aussehen?

Ich würde mir wünschen, dass er von dieser alleinigen Vertretung oder Repräsentation der Ökonomie, der Kultur, der Ordnung, der Moral und des Gesetzes zurücktritt und davon ein ganzes Stück an die Frau, die Mutter abgibt – um dann mit seinen Kindern eine kontemplative Distanz zum Leben einzunehmen. Aus dem Fluss des Lebens aussteigen und schauen, wie die Phänomene an einem vorbeischwimmen und sich ablösen. Das kann man ja gerade jetzt ganz gut machen. Und dabei kann man, glaube ich, zwei ganz wichtige Dinge beobachten. Erstens eine große Veränderlichkeit: nichts bleibt, alles verändert sich, Neues entsteht. Die Einsicht in diese allgemeine Veränderlichkeit  können Kinder, glaube ich, zurzeit ganz gut gewinnen und dies gut für die Zukunft gebrauchen – sie bietet ihnen nämlich die Möglichkeit, auch Verlust und Scheitern anzuerkennen und das Leben als etwas zu begreifen, das begrenzt ist, und das sinnvoll zu gestalten. Ich würde die Väter der Zukunft eher in Form von asketischen, nachdenklichen Typen sehen – und weniger als Geschäftsmänner und Macher.

Über Björn Vedder

Dr. Björn Vedder, 1976 in Brakel geboren, schreibt über Kunst, Literatur, Populärkultur und Philosophie. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Bochum, Berlin und Bielefeld und promovierte 2008 in Bielefeld. Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören „Neue Freunde“ (transcript, 2017) und „Reicher Pöbel“ (BüchnerVerlag, 2018) sowie „Väter der Zukunft“. Er lebt mit seiner Familie in Herrsching am Ammersee.