Im September letzten Jahres tötet eine Mutter in Solingen fünf ihrer sechs Kinder.
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Im Fall der fünf getöteten Kinder im nordrhein-westfälischen Solingen beginnt am Montag vor dem Landgericht Wuppertal der Mordprozess gegen deren Mutter. Die zur Tatzeit 27-Jährige muss sich wegen heimtückischer Tötung in fünf Fällen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der sechsfachen Mutter vor, ihre fünf jüngsten Kinder am 3. September 2020 in ihrer Wohnung erstickt beziehungsweise erwürgt zu haben.

Laut Anklagevorwurf verabreichte sie ihren drei Töchtern und zwei Söhnen im Alter von eineinhalb, zwei, drei, sechs und achteinhalb Jahren jeweils hohe Dosen verschiedener Medikamente. Demnach soll sie ihnen Antibrechmittel, Fiebersaft und Medikamente gegen Reiseübelkeit in die Frühstücksgetränke gemischt haben. Als die Kinder ausgetrunken hätten, seien sie - wie laut Staatsanwaltschaft von der 27-Jährigen gewollt - schläfrig geworden und eingeschlafen.

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Daraufhin habe die Angeklagte im Badezimmer Wasser in die Wanne gelassen, Badespielzeug bereitgelegt und ein mobiles Heizgerät in den Raum gestellt und angeschaltet. Laut Staatsanwaltschaft weckte sie danach ein Kind nach dem anderen und verfuhr nach demselben Muster.

Mutter aus Solingen wollte sich nach Tötung der Kinder selbst umbringen

Jedes der fünf Kinder soll sie - beginnend mit dem Jüngsten - ins Badezimmer gebracht, ausgezogen und schließlich in der Badewanne erstickt oder ertränkt haben. Anschließend habe sie das jeweilige Kind in Handtücher gewickelt und zurück ins Kinderzimmer gelegt.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft nutzte die Angeklagte den durch den Medikamentencocktail „gezielt ausgelösten Dämmerzustand“ aus, um eine mögliche Gegenwehr zu verhindern.

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Ihr sechstes Kind, ein elfjähriger Junge, ging laut Polizeiangaben am Tag der Tat planmäßig in die Schule. Unter einem Vorwand habe die Mutter ihren Sohn aus dem Unterricht geholt und sei gemeinsam mit ihm im Zug in Richtung Düsseldorf gefahren. Sie habe ihn zu seiner Großmutter nach Mönchengladbach bringen wollen, ihn dann aber allein weiterfahren lassen.

Spurensicherer der Kripo stellen am Tatort in Solingen Beweise sicher.
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In einem Chat habe die 27-Jährige ihrer Mutter anschließend geschrieben, dass die Kinder tot seien. Die Großmutter alarmierte die Polizei, welche die fünf getöteten Kinder in der Wohnung fand. Die Mutter wurde nach einem Suizidversuch im Düsseldorfer Hauptbahnhof schwer verletzt im Krankenhaus behandelt.

Die Motive des Verbrechens sind bislang öffentlich nicht genauer bekannt. Unmittelbar nach der Tat vermuteten die Ermittler, dass die Mutter die Taten in einem „Zustand emotionaler Überforderung“ begangen haben könnte, wobei ihre zerrüttete Ehe ein möglicher Hintergrund gewesen sein könnte. Die sechs Kinder stammten von drei verschiedenen Vätern. Hinweise auf eine psychische Vorerkrankung der Frau oder Anhaltspunkte für Auffälligkeiten in der Familie gab es nicht.

Bis Mitte August soll das Urteil gegen Mutter aus Solingen fallen

Der Fall sorgte bundesweit für Entsetzen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) kündigte danach eine umfassende Aufklärung an und sprach den Hinterbliebenen sein Beileid aus. „Das lässt einen im Tagesgeschäft innehalten und an die wirklich wichtigen Dinge im Leben denken“, sagte Laschet im September.

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Wegen der Berichterstattung im Nachgang des Verbrechens sprach der Deutsche Presserat Rügen gegen drei Medien aus, die Auszüge aus einem Chat zwischen dem überlebenden elfjährigen Sohn und einem Freund sowie einer Freundin veröffentlichten. Ein anderes Medium nannte die komplette Adresse des Tatorts. Der Rat sah darin eine Verletzung der Menschenwürde.

Für den Prozess vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wuppertal sind zunächst elf Verhandlungstage bis Mitte August angesetzt. Die Angeklagte befindet sich derzeit in Untersuchungshaft.

Hier bekommen Sie Hilfe 

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