Idyllische Landschaft vor einem Zugfenster. Foto: Imago Images

Inzwischen bietet fast jedes Pflegeheim in seinem Garten neben einem Kräuterbeet und einem Barfußparcours eine Bushaltestelle an als einen Ankerpunkt für das nachlassende Bewusstsein von Demenzkranken. Da sitzen sie dann und vergessen die Welt, fallen sich selbst ab und zu wieder ein, überlegen: Woher sie kommen? Wer sie sind? Und was sie da wohl tun? Ob sie nur sitzen? Oder womöglich warten? Und wenn ja, worauf? Doch wohl nicht auf den Tod? Nein, auf den Bus. Das ist ja hier schließlich eine Bushaltestelle. Wo der nur wieder bleibt?

Vermutlich regen diese Installationen sehr viel nachdrücklicher die Besucher zum Sinnieren an, während die Bewohner die Möblierung im Einerlei des Alltags gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Das geht ja auch Leuten so, die prall mit Saft und Geisteskraft im Leben stehen.

Lesen Sie auch: Gesundheit im Alter: Berliner Experte erklärt: Das sind die ersten Anzeichen für Alzheimer

Das Altersheim in der Sticker Lane im englischen Bradford bietet seinen Gästen mehr. Hier haben sie einen Raum wie einen Bahnwaggon ausgebaut, einen Speisewagen erster Klasse, mit gespendeten Sitzen der Keighley Worth Valley Railway. An einem orginalgetreuen Ticketschalter können die Reisenden einen Fahrschein lösen, einsteigen und sich vom Zugpersonal, das den einen oder anderen vielleicht an das Pflegepersonal erinnert, zum Beispiel mit Kaffee und Kuchen bedienen lassen, während hinter den großen Panoramascheiben die Landschaft vorbeifliegt.

Die Scheiben sind Bildschirme

Nur dass die Scheiben Bildschirme sind. Sie zeigen Landschaftsaufnahmen, die entlang echter Bahnstrecken gemacht wurden, mal langsamer, mal schneller, mal mit Bäumen, mal bebaut. Ein von der BBC getweetetes Filmchen zeigt gut gelaunte Alte. Sie genießen den Service sowie die Aussicht und loben die Authentizität. Sie durchschauen also die Installation, würdigen aber vor allem die liebevolle Mühe, die man sich für sie gibt. Ob auch welche mitfahren müssen, die auf die Illusion hereinfallen, sich langweilen und mal endlich irgendwo ankommen wollen? Es gibt bestimmt Bedenkenträger, die die Menschenwürde in Gefahr sehen. Es gab aber auch schon die Anfrage eines Ehepaares, das seinen 60. Hochzeitstag in diesem Zug feiern will. Wir winken dann am Bahnsteig und werfen Blumen.