Hans Much hatte sich im Januar 1963 zur Tarnung ein weißes Bettlaken über den dunklen Ledermantel gezogen.
Hans Much hatte sich im Januar 1963 zur Tarnung ein weißes Bettlaken über den dunklen Ledermantel gezogen. Bodo Müller

Der Winter vor 60 Jahren war ungewöhnlich kalt. Wochenlange Minustemperaturen ließen 1963 die Ostsee zufrieren. Diese Chance nutzte Hans Much aus Groß Schwansee zur Flucht. Zu Fuß machte sich der damals 26-Jährige auf den Weg von der mecklenburgischen Küste über die komplett zugefrorene Ostsee bis nach Grömitz im Kreis Ostholstein. „Ich wollte damals auf die Ingenieurschule, aber das wurde mir verwehrt, weil ich nicht in der Nationalen Volksarmee (NVA) dienen wollte“, erinnert sich Much in dem Buch „Faszination Freiheit“ des in Lübeck-Travemünde lebenden Journalisten Bodo Müller. „Deshalb hatte ich mich zur Flucht entschlossen“, sagte Much dem Autor.

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Getarnt mit einem weißen Bettlaken, das er sich übergeworfen hatte, habe sich Much auf den gefährlichen Weg über das Eis gemacht, heißt es in dem Buch. Er habe nicht gewusst, ob es einen Menschen tragen würde. „Er dachte, die Fahrrinne wäre offen und wollte mit einer Taschenlampe vorüberfahrende Schiffe auf sich aufmerksam machen“, sagt seine Ehefrau Gerlinde. Als er gemerkt habe, dass die Fahrrinne zugefroren war, habe er sich mit einem mitgebrachten Seil absichern wollen, aber nach der Hälfte der Fahrrinne sei das Seil zu Ende gewesen.

„Vor die Entscheidung gestellt, ob er weitergehen oder umkehren sollte, entschied er sich fürs Weitergehen“, sagt Gerlinde, deren Ehemann inzwischen an Demenz erkrankt ist. Er habe dann das Ende seiner Sicherungsleine an einer Eisscholle festgebunden und sei vorsichtig weitergegangen. Mit einem kühnen Sprung habe er sich schließlich vom dünnen Eis der Fahrrinne auf die dickeren Eisschollen am jenseitigen Ufer gerettet.

Eine Infotafel zur Seegrenze zur ehemaligen DDR steht am Ostseestrand bei Sierksdorf.
Eine Infotafel zur Seegrenze zur ehemaligen DDR steht am Ostseestrand bei Sierksdorf. dpa/Christian Charisius

Much selbst, der heute in Süddeutschland lebt, ist nach Angaben seiner Ehefrau aufgrund seines Alters nicht mehr in der Lage, die Details seiner Flucht zu schildern. Doch 2015, als Bodo Müllers Buch entstand, habe sich Much noch gut erinnern können, sagte Müller. Damals war Much noch einmal nach Groß Schwansee in Mecklenburg-Vorpommern gereist, wo er aufgewachsen ist und wo seine Eltern damals lebten. Von dort brach er an einem Abend Ende Januar 1963 auf.

Vier Stunden brauchte Hans Much über das Eis in die Freiheit

Vier Stunden brauchte Much über das Eis in die Freiheit. Wo genau er landen werde, habe er bis zum Schluss nicht gewusst, sagt er in dem Buch. Er habe zwar einen Kompass dabeigehabt, aber es sei zu dunkel gewesen, um etwas darauf zu erkennen. Schließlich habe er in Grömitz in Schleswig-Holstein das Festland erreicht.

Erst nach seiner geglückten Flucht hat er erfahren, dass sein in West-Berlin lebender Bruder die Polizei in Grömitz über sein Kommen informiert hatte. „Vor seinem Aufbruch aus der DDR hatte Much seinem Bruder telegrafiert: ‚Heute Nacht wird gefeiert‘“, heißt es in Müllers Buch.

Much war nicht der Einzige, der über die Ostsee in den Westen flüchtete. Nach Angaben der Forschungs- und Dokumentationsstelle der Universität Rostock, die unter anderem Fluchten aus der DDR über die Ostsee untersucht hat, haben zwischen 1961 und 1989 rund 5600 Menschen den Versuch unternommen, über die Ostsee in die Bundesrepublik, nach Dänemark oder Schweden zu gelangen. Doch nur 913 von ihnen erreichten ihr Ziel, mindestens 170 Frauen, Männer und Kinder kamen bei der Flucht über die Ostsee ums Leben. An der Berliner Mauer starben den Angaben zufolge mindestens 140 Menschen.