Wer in der 90.000-Einwohner-Stadt Tübingen ein negatives Ergebnis vorweisen kann, kann für einen Tag shoppen und die Gastronomie nutzen. Sonnabends wird die Zahl der Besucher beschränkt. Foto: Tom Weller/dpa

Die Notärztin Lisa Federle ist die Initiatorin von „Öffnen mit Sicherheit“. Das Tübinger Modellprojekt erlaubt es den Bewohnerinnen und Bewohnern der Universitätsstadt seit dem 16. März mit einem negativen Schnelltest-Ergebnis einkaufen oder ins Museum zu gehen oder im Garten eines Restaurants zu speisen. Im Gespräch erklärt die Medizinerin, was sie dazu bewegt hat, das lokale Projekt zu starten, das eine Rückkehr zu einem normalen Alltag ermöglicht. Und erzählt von ihrem monatelangen Kampf mit dem baden-württembergischen Sozialministerium.

Berliner KURIER: Frau Federle, seit wann beschäftigen Sie sich mit Corona-Tests?

Lisa Federle: Seit Beginn der Pandemie. Ich habe dem Sozialministerium Baden-Württemberg schon im März 2020 versucht zu erklären, dass in Alten- und Pflegeheimen die Menschen regelmäßig getestet werden müssen, selbst wenn sie keine Covid-typischen Symptome zeigen und habe dafür um finanzielle Unterstützung gebeten. Die habe ich leider nicht erhalten. Stattdessen wurde mir geraten, die Kosten für die Corona-Tests beim Sozialgericht einzuklagen.

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Ein erster Rückschlag.

Ich beobachtete die dramatische Entwicklung in Italien und anderen europäischen Ländern und habe deshalb Anfang April begonnen, in Tübingen die ersten Heimbewohner zu testen. Bei unserer ersten Station haben wir 16 asymptomatische Personen identifizieren können. Für mich war das ein Indiz dafür weiterzumachen. Wir haben weitere Heime durchgetestet und nach zwei bis drei Wochen wurde mir zugestanden, dass man die Kosten übernehmen wolle.

Damals handelte es sich ausschließlich um PCR-Testungen. Wann haben Sie sich mit Schnelltests auseinandergesetzt?

Eigentlich parallel. PCR sind sehr aufwendig und machen für Menschen wenig Sinn, die ihren kranken Vater oder ihre Mutter im Heim besuchen wollen und nicht tagelang auf ihr Ergebnis warten können. Die ersten Schnelltests sind in Deutschland allerdings erst am 15. Oktober auf den Markt gekommen. Ich habe wieder das Sozialministerium kontaktiert und es darum gebeten, die Heime mit den Schnelltests auszurüsten.


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Zur Person

Lisa Federle ist Notfallmedizinerin und ehrenamtliche Präsidentin des DRK-Kreisverbands Tübingen.

Im Jahr 2015 entwickelte Federle für den Kreis Tübingen eine „rollende Arztpraxis“, damit Geflüchtete und andere bedürftige Gruppen in ihren Notunterkünften medizinisch versorgt werden konnten. Während der Pandemie wurde diese zur mobilen Fieber- und Abstrichambulanz.

Für ihr Engagement in der Corona-Krise wurde die gebürtige Tübingerin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Wie lautete die Antwort diesmal?

„Nicht nötig. Die Heime in Baden-Württemberg können das selber organisieren.“ Im Nachhinein konnten wir ja sehen, dass sie dazu nicht in der Lage waren. Es sind sehr viele Menschen gestorben.

Ich habe mich aber nicht entmutigen lassen und habe am selben Tag, innerhalb von fünf Stunden, von allen Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeistern im Landkreis insgesamt 100.000 Euro gesammelt. Habe die Schnelltests gekauft, sie an die Heime verteilt und das Personal eingelernt, damit sie vor allem Besucherinnen und Besucher testen können. Ich habe weitere Schnelltests bestellt und das Deutsche Rote Kreuz Kreisverband Tübingen, dessen Präsidentin ich bin, gebeten, in Vorleistung zu gehen – habe aber auch gesagt, dass ich finanziell dafür geradestehen werde, wenn das Projekt nicht funktioniert. So konnte ich für 110.000 Euro weitere 25.000 Schnelltests kaufen.

Haben Sie diese wieder in Heimen eingesetzt?

Diesmal haben wir sie allen Bürgerinnen und Bürgern kostenlos angeboten. Vom 26. November bis Ende Februar haben wir fünf Tage die Woche ehrenamtlich ausschließlich Menschen ohne Symptome getestet – in 350 Fällen sind die Tests positiv ausgefallen. Die meiste Zeit waren wir in Tübingen, aber auch einige Tage in den Kreisstädten Rottenburg und Mössingen.

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Wie hat sich die Infektionszahlen in Tübingen in dieser Zeit entwickelt?

Am 21. Januar waren wir in Baden-Württemberg der erste Landkreis mit einem Inzidenzwert unter 50. Das spornte uns an, weiter zu testen. Mit einem Hersteller von Schnelltests stand ich die ganze Zeit in Kontakt und erfuhr Mitte Januar, dass sie die neuen nasalen Abstrich-Tests auf den Markt bringen. Ich habe also wieder mit dem Ministerium gesprochen und gesagt, dass diese Test-Kits, die leicht anwendbar sind, was für Schulen wären. Das Land hat allerdings abgewehrt und gesagt, dass das Sozialministerium – mit dem ich mich ja schon seit Monaten duelliert habe – die Schnelltests an Schulen nicht für nötig empfinde. Dann habe ich den Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer angerufen.

Foto: Tom Weller/dpa
Ein Armband mit einem QR-Code ist die Eintrittskarte in eine fast normale Welt in Tübingen.

Was haben Sie ihm gesagt?

Ich habe ihm erklärt: Lass’ uns die jungen Menschen testen. Damals hatten wir schon eine Notbetreuung in den Kitas und teilweise auch wieder Präsenzunterricht in den Schulen. Ich habe ihm erklärt, dass man die Lehrerinnen und Lehrer und die Kitabetreuer ganz schnell einlernen kann und auch Schüler die Tests ganz einfach an sich selbst durchführen können. Da ist nur ein 4-Augen-Prinzip notwendig. Der OB gab sein Okay und ab Februar haben wir mit der Schulung gestartet. Und zeitgleich habe ich Boris Palmer einen weiteren Vorschlag unterbreitet: Die Stadt Tübingen mit den Schnelltests kontrolliert zu öffnen.

Das machen Sie seit dem 16. März.

Ja. Die Menschen sind so glücklich. Man bekommt richtig Gänsehaut, wenn man durch Tübingen spaziert. Was ich aber unbedingt betonen möchte: Ich bin Ärztin und keine Unternehmerin. Für mich steht das Leben und die Sicherheit der Menschen an erster Stelle. Ich habe mir dieses Modell ausgedacht, weil ich der Meinung bin, dass es keinen Sinn macht, die Leute nicht mitzunehmen. Viele haben kein Verständnis mehr für die Entscheidungen der Politikerinnen und Politiker, fühlen sich nicht gesehen und gehört und das führt dazu, dass manche sich eben nicht an die Regeln halten und zu Überträgern werden. Die sicherste Methode, um das Infektionsgeschehen zu kontrollieren, ist doch deshalb: die Menschen mitzuziehen.

Deshalb war es mir so wichtig zu zeigen, dass man wenigstens nach Alternativen sucht. Sollte der Tübinger Versuch nicht funktionieren, ist er in meinen Augen trotzdem nicht gescheitert, weil man wenigstens guten Gewissens sagen kann, dass man was probiert hat.

Eine von insgesamt neun Corona-Teststationen in Tübingen. Wer negativ getestet wird, erhält ein Tagesticket für die Innenstadt.
Foto: Imago

Was werden Sie tun, wenn die Inzidenz in der Stadt rapide steigt?

Wir werden das Projekt nicht durchziehen nach dem Motto, komme, was wolle. Wenn die Infektionszahlen exponentiell ansteigen, machen wir einen Cut. Die Gesundheit der Menschen steht über allem. Was man mit den Schnelltests in jedem Fall erreicht: Infizierte ohne Symptome herausfiltern – allen voran die Superspreader, die nicht nur eine Person, sondern mehrere anstecken. Damit werden Infektionsketten schon ganz früh durchbrochen. Das Projekt wird von der Universität Tübingen ja auch wissenschaftlich begleitet. Die Forscher überprüfen die Tests zum Beispiel auf Corona-Varianten.

Nur Tübinger werden Tagestickets über Ostern erhalten

Wie läuft das Modellprojekt praktisch? Stehen die Menschen schon um 6 Uhr früh vor einer der insgesamt neun Teststationen in Tübingen?

Nein. Die erste Station macht um 8.30 Uhr auf. Und natürlich müssen die Menschen anstehen. Manchmal bis zu einer Stunde. Aber meistens geht das schneller. Uns ist auch bewusst, dass wir samstags überrannt werden könnten und haben deshalb die Höchstzahl der Besucherinnern und Besucher, die außerhalb Tübingens anreisen, auf 3000 eingeschränkt. Wir sind ein Pilotprojekt und fahren uns nicht fest, sondern passen uns den Gegebenheiten und Umständen ständig an. Wir probieren eben aus. Von Karfreitag bis Ostermontag geben wir Tagestickets nur aus an Personen, die im Landkreis Tübingen wohnen oder arbeiten.

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Wie läuft es technisch ab?

Die Menschen bekommen einen Nasenabstrich entnommen und erhalten ein Armband mit einem QR-Code. Nach etwa 15 bis 20 Minuten können sie ihr Test-Ergebnis mit dem Handy scannen und über eine App aufrufen. Wer ein negatives Ergebnis erhält, kann an dem Tag zum Beispiel shoppen, Restaurants oder Cafés besuchen oder abends ins Kino. Wer positiv getestet wird, muss zurück zur Teststation. Bislang haben wir etwa 35.000 bis 40.000 Tests durchgeführt. Das digitale Tagesticket läuft technisch ganz gut und wird auch angenommen. Aber es gibt auch die Möglichkeit, eine Bescheinigung auf Papier zu erhalten. Es hat ja nicht jeder ein Smartphone oder kommt mit einer App klar.

Das Pilotprojekt war zunächst für insgesamt drei Wochen angesetzt. Wie soll es danach weitergehen?

Am Freitag hat das Sozialministerium unseren Antrag auf Verlängerung des Modellprojekts bis 18. April genehmigt. Danach werden wir die Daten erst einmal auswerten. Ob das Modellprojekt in Tübingen weitergeführt oder auf andere baden-württembergische Städte übertragen wird, ist noch offen. Ich habe aber auch die große Hoffnung, dass es mit den Impfungen vorwärts geht. Denn sie sind der eigentliche Schlüssel zur Freiheit. Wenn mehr Menschen geimpft werden, müssen wir nicht mehr so extrem testen. Vielleicht bekommen wir bis dahin auch die Gewissheit, dass Geimpfte das Virus nicht übertragen. Dann müssten wir sie auch nicht testen.