„SOS“ ist an der Fassade dieses völlig überlasteten Klinikums zu lesen. dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Die Lage scheint paradox: Schaut man auf die Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) und die Lageberichte etwa des Landes Berlin, spielt die Omikron-Variante so gut wie keine Rolle. Dennoch warnen Virologen davor, dass uns die fünfte Corona-Welle überrollen werde – wie eine „Wand“, so formulierte es der Chef-Virologe Christian Drosten der Berliner Charité. Wenige Hundert Fälle in Deutschland hat das RKI bislang überhaupt als Omikron-Verdachtsfälle eingestuft, und dennoch könnte die neue Virus-Variante innerhalb weniger Tage dominant werden, so schätzen führende Virologen die Lage ein.

Wie geht das zusammen? Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek erklärt im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“, dass die Ergebnisse sogenannter Sequenzierungen nach positiven Coronatests mit einer Verzögerung von bis zu 14 Tagen vorliegen. Überhaupt, so Ciesek, wird nur ein geringer Teil von Corona-Abstrichen sequenziert, um herauszufinden, welche Virus-Variante vorliegt. Die Professorin geht davon aus, dass sich bereits deutlich mehr Menschen in Deutschland mit der Omikron-Variante infiziert haben, als bisher bestätigt ist.

Lesen Sie auch:  Kuschelig: Kleine Fluchten im Berliner Advent>>

Innerhalb weniger Tage wird Omikron die Delta-Variante verdrängen

Etwa alle drei Tage, so Ciesek weiter, verdopple sich die Rate der Infizierten. Aus 100 werden so innerhalb von 3 Tagen 200, dann 400, 800 usw. Sie gehe davon aus, dass bereits zu Weihnachten Omikron die Delta-Variante verdrängt und zur dominanten Variante in Deutschland wird. Probleme sieht sie dabei weniger für die Ansteckung von Menschen, die geimpft und geboostert sind. Die hohe Ansteckungsrate führe jedoch zu Personalausfällen, was Ciesek anhand ihres eigenen Labors veranschaulicht: Fallen zu viele Mitarbeiter aus, könne die Forschung an Coronaviren dort nicht mehr weiterbetrieben werden.

Betroffen von Ausfällen können auch weite Teile der sogenannten kritischen Infrastruktur sein, also Nah- und Fernverkehr, das Gesundheitswesen, Polizei, Feuerwehr, Wasser-, Energie- und Wärmeversorgung. Wie konkret die Befürchtungen sind, zeigt die aktuelle Situation in England: In London, wo die Omikron-Variante besonders rasant um sich greift, sind bereits in etlichen Krankenhäusern und Rettungsdiensten viele Beschäftigte gleichzeitig ausgefallen. Nun wurde die Quarantäne für Corona-Infizierte jetzt von zehn auf sieben Tage reduziert. Damit sollen Ausfälle im Gesundheitssystem und anderen systemrelevanten Branchen reduziert werden. Die neue Regelung solle „die Störungen im Alltag der Menschen reduzieren“, sagte der britische Gesundheitsminister Sajid Javid. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass Schnelltests an Tag sechs und sieben negativ ausfallen.