Ein Lebensmittelskandal von unglaublichem Ausmaß erschüttert Frankreich: Mit Kolibakterien verseuchte Pizza soll mehrere Kinder vergiftet haben. imago images/Panthermedia

Ein Lebensmittelskandal von unglaublichem Ausmaß erschüttert Frankreich: Mit Kolibakterien verseuchte Pizza soll mehrere Kinder vergiftet haben. 75 Kinder erkrankten an einem hämolytisch-urämischen Syndrom, kurz HUS genannt. Dabei kommt es zu akutem Nierenversagen und schweren Blutproblemen. Zwei Kinder sollen gestorben sein.

Mehrere Wochen war unklar, wie die Kinder erkrankten. Mittlerweile haben Ermittler einen Zusammenhang zwischen den Vergiftungen und Tiefkühlpizzen der Marke Buitoni, die zu Nestlé gehört, hergestellt. Die französischen Gesundheitsbehörden bestätigten jetzt, dass einige Fälle von Escherichia-coli-Bakterien mit dem Verzehr der „Fraîch'Up-Pizzen“ in Verbindung stehen. Alle Pizzen wurden vor dem 18. März verkauft, teilte Nestlé mit.

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Der Konzern rief die Pizzen mittlerweile zurück und riet von ihrem Verzehr ab. Die Pizza war erst im Juni vergangenen Jahres auf den Markt gekommen. Alle Chargen sind betroffen und die Verfallsdaten reichen vom 1. Juni 2022 bis zum 31. März 2023.

Nestlé stoppt die Produktion und den Verkauf

Die beiden Produktionsstätten der verseuchten Pizzen befinden sich im nordfranzösischen Caudry. 200 Mitarbeiter sollen dort angestellt sein. Die Fabriken wurden vorerst geschlossen. Auch der Verkauf der Buitoni-Pizzen wurden jetzt eingestellt. Der Konzern gab bekannt, dass die Pizzen wohl vor allem in Frankreich verkauft worden. „Die Qualität und Lebensmittelsicherheit unserer Produkte hat oberste Priorität und wir arbeiten mit den Behörden zusammen, um herauszufinden, was passiert sein könnte“, hieß es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

Bisher habe man E.-coli-Bakterien auf den Pizzen nicht nachweisen können, die Produktion werde aber erst wieder anlaufen, „wenn die Ursachen für diese Kontamination ermittelt wurden, damit entsprechende Abhilfemaßnahmen ergriffen werden können“.

Eine der zurückgerufenen Pizzen von Buitoni. zVg

„Größte bekannte E.-coli-Epidemie“ in Frankreich

Laut Behördenangaben wurden bisher insgesamt 75 Lebensmittelvergiftungen bei Kindern erfasst. Die kranken Kinder im Alter von einem Jahr bis 18 Jahren mit einem Durchschnittsalter von 5,5 Jahren hatten zwischen dem 10. Januar und dem 10. März 2022 Symptome. Es ist nicht bekannt, wie viele Erwachsene möglicherweise infiziert sind.

Eine Mitarbeiterin der französischen Organisation zur öffentlichen Gesundheitspflege Santé public sagte gegenüber dem Sender France Info, es handle sich um die größten bekannte Epidemie von E.-coli-Bakterien bisher in Frankreich.

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Die Symptome einer E.-coli-Infektion sind bei jedem Menschen unterschiedlich, umfassen jedoch oft schwere Magenkrämpfe und Durchfall, der oft blutig ist. Einige Patienten können auch Fieber haben. Die meisten Patienten erholen sich innerhalb von fünf bis sieben Tagen. Andere können nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) schwere oder lebensbedrohliche Symptome und Komplikationen entwickeln.

Etwa fünf bis zehn Prozent der mit E.-coli-Infektion diagnostizierten Patienten entwickeln eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation des Nierenversagens, die als hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) bekannt ist. Zu den Symptomen von HUS gehören Fieber, Bauchschmerzen, starkes Müdigkeitsgefühl, verminderte Häufigkeit des Wasserlassens, kleine unerklärliche Blutergüsse oder Blutungen und Blässe.

„Schimmel an den Wänden, Zigarettenstummel zwischen den Lebensmitteln“

Mitarbeiter berichten in Medien von katastrophalen sanitären Bedingungen in der Produktion des Unternehmens in Nordfrankreich. Gegenüber dem Sender RMC sagte ein Angestellter, der 18 Monate lang in einer Produktion in Caudry arbeitete, an den Wänden der Produktionshalle hätte sich Schimmel gebildet, „wenn sich Würmer auf den Abfertigungsbändern, auf denen die Pizzen transportiert werden, tummeln und der Lack am Metallgerüst absplittert, Essensreste, die Tage oder Wochen lang herumliegen, Zigarettenstummel in den Auffangbecken der Soße (...), dann weiß man, da läuft etwas falsch.“

Die meisten Angestellten hätten sich nie die Hände gewaschen, „es hat mich gewundert, dass so etwas nicht schon vorher passiert ist.“ Der Whistleblower, der zur Zeit seiner Anstellung die Leitung der Produktionsstätte alarmiert hatte, teilte zahlreiche schockierende Bilder mit den Medien, berichtet Euronews.

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Nestlé reagiert: „Alle Proben negativ“

Einige der jetzt zirkulierenden Bilder waren bereits im Mai vergangenen Jahres auf einer Website veröffentlicht worden. Nestlé-Generaldirektor Teulié räumte gegenüber AFP ein, dass die Aufnahmen tatsächlich in einer der Fabriken aufgenommen wurde. Aber „was sie zeigen, stellt nicht den normalen, üblichen oder akzeptablen Zustand der Fabrik dar“, so Teulié.

„Wenn es einer Realität entspricht“, könne es sich nur um punktuelle Situationen handeln, „nach einer Panne“ oder „während des Reinigungsprozesses“, sagte er und betonte, dass bei unangekündigten Kontrollen im September 2020 und März 2021 keine Abweichungen von den Vorschriften festgestellt worden seien.

Nestlé hat 75 Proben an der betroffenen Fertigungslinie und in der gesamten Fabrik genommen, die „alle negativ“ waren, wie Pierre-Alexandre Teulié, Generaldirektor für Kommunikation von Nestlé Frankreich, gegenüber AFP erklärte.