Telefonphobie wird bislang klinisch nicht erfasst, dennoch haben immer mehr junge Menschen Hemmungen. Foto: Unsplash/Alex Sheldon

Schnell eine Pizza bestellen oder den Friseurtermin ausmachen – ein Anruf genügt. Keine große Sache, könnte man meinen. Für manche aber doch. Für Stephanie Cao zum Beispiel. Sie ist jung, sprachgewandt und hat auf Youtube mehr als 3000 Abonnenten. Aber sie hat Angst vorm Telefonieren.

Die 23-jährige Berliner Studentin fürchtet sich davor, einen Arzttermin telefonisch zu vereinbaren. Wie andere Betroffene auch, tippt sie lieber ins Smartphone oder nimmt lange Wege zur Terminvereinbarung auf sich. Hauptsache nicht telefonieren. Telefonphobie nennt man das. Vieles spricht dafür, dass das Phänomen in Zukunft immer mehr Menschen betreffen könnte.

Telefonphobie wird für sich alleine bislang klinisch nicht erfasst, ist also keine gesicherte Diagnose. Sie könnte aber durchaus zu einer neuen Ausprägung der Sozialphobie werden, meint Nadine D. Wolf, auf Phobien spezialisierte Oberärztin der psychiatrischen Klinik am Uni-Klinikum Heidelberg. Grund ist das veränderte Kommunikationsverhalten.

Die YouTuberin schildert in einem Clip ihre Angst vor dem Telefon.

Video: YouTube/Stephanie Cao

Nur jeder Fünfte nutzt das Smartphone zum Telefonieren

Nach der JIM-Studie 2018 - JIM steht für Jugend, Information Medien - tauschen sich 95 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland regelmäßig allein über diese Kommunikationsplattform aus - im Schnitt erhalten sie 36 Nachrichten pro Tag. Nur jeder Fünfte nutzte täglich noch das Smartphone zum Telefonieren.

Das Internet ist voll von Berichten Betroffener, Blogs zum Thema und von guten Tipps gegen die Telefonangst. Für die Heidelberger Psychiaterin Wolf gibt es eine Reihe von Gründen, warum jemand Hemmungen vor dem Telefonieren hat: „Angst, abgelehnt zu werden, Angst davor, sich am Telefon peinlich oder erniedrigend zu verhalten, oder einfach auch davor, dass man am Telefon ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit steht und mit unbekannten Personen spricht. Es gibt Hinweise, dass bis zu 17 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren darunter leiden.“

Junge Frauen mehr als Männer. Symptome: Erröten, Zittern, Stottern bis hin zur Angst vor Erbrechen oder Einnässen. Ärztlichen Rat sollte man suchen, wenn die Angst so groß ist, dass es den Alltag einschränkt. „Dann sollte man unter therapeutischer Anleitung Telefonieren wieder neu lernen“, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. Wolf zufolge ist es zunächst wichtig, dass Betroffene den Teufelskreis durchbrechen, der durch eine ständige Vermeidungsstrategie entstehen kann. Sie empfiehlt, der Angst entgegenzutreten und das Telefonieren bewusst zu üben.

Youtuberin Stephanie Cao telefoniert nach wie vor nur, wenn es unbedingt sein muss. Möglichst morgens gleich nach dem Aufstehen. „Da bin ich noch sehr entspannt.“