Im Juli 2020 erlitt Herzogin Meghan (li.) eine Fehlgeburt. Das Model Chrissy Teigen verlor ihr Baby im September.  Foto: Collage Berliner KURIER; imago images/i Images; imago images/Future Image

Man möchte es sich eigentlich nicht vorstellen, schon gar nicht selbst erleben. Auch die Geschichte einer fremden Person zu erfahren, wenn auch nur lesend, ist schwer erträglich. Und doch scheinen viele Frauen und Männer nur darauf gewartet zu haben. Die Reaktionen folgten jedenfalls auf dem Fuße.

Nachdem Meghan Markle, ehemalige Schauspielerin und dem breiten Publikum seit ihrer Hochzeit mit dem britischen Prinzen Harry besser als Herzogin von Sussex bekannt, Ende November in der New York Times von ihrer erlittenen Fehlgeburt berichtete, applaudierte ein Großteil der Öffentlichkeit. Mutig seien ihre Zeilen, gäben Hoffnung. In dem sehr persönlichen Text schreibt Meghan, dass sie im Juli einen scharfen Krampf spürte und zu Boden fiel, als sie Sohn Archie wickelte. „Während ich mein erstgeborenes Kind im Arm hielt, wusste ich, dass ich mein zweites verlieren würde.“ Die 39-Jährige schreibt über eine „unerträgliche Trauer“, die viele erlebten, obwohl kaum jemand wirklich darüber spreche. Gespräche über Fehlgeburten seien noch immer mit ungerechtfertigter Scham verbunden, ein „Kreislauf einsamer Trauer“ werde so fortgesetzt.

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Mit ihrer Offenheit ist die britische Herzogin nicht allein: Erst im September berichtete das amerikanische Model Chrissy Teigen über die Totgeburt ihres dritten Kindes. Auf Instagram teilte sie eindringliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Krankenhaus. Man sieht sie mit schmerzverzogenem Gesicht, weinend, angeschlossen an Schläuche, händchenhaltend mit Ehemann John Legend. „Wir sind schockiert und in der Art von tiefem Schmerz, von dem man nur hört, dieser Art von Schmerz, die wir noch nie zuvor gefühlt haben“, erklärt sie die Bilder.

Prominente Frauen thematisieren ihre Fehlgeburten seit ein paar Jahren immer häufiger auch öffentlich, selbst Michelle Obama gab Einblicke in ihre Gefühlswelt. Ehe sie die Töchter Sasha und Malia gesund zur Welt brachte, durchlebte auch sie eine Fehlgeburt. Sie hatte das Gefühl, „versagt zu haben“, weil sie „nicht wusste, wie häufig Fehlgeburten sind. Niemand redet darüber“, erzählte die Anwältin und ehemalige First Lady der USA in einem Interview zu ihrer Autobiografie bereits 2018.

Fehlgeburten, medizinisch auch Abort genannt, enttabuisieren – das wollen Markle, Teigen und Obama. Der Bundesverband der Frauenärzte schätzt, dass etwa jede dritte Schwangerschaft in den ersten zwölf Wochen in einem Abort endet. Eine Fehlgeburt zu erleben, das ist – leider – ziemlich normal. Nach den ersten drei Monaten sinkt die Wahrscheinlichkeit für einen Abort zwar rapide, in der 14. Schwangerschaftswoche trifft es – statistisch betrachtet – nur noch eine von hundert Schwangeren. Verliert die Frau ein ungeborenes Kind mit einem Gewicht von über 500 Gramm, sprechen Medizinerinnen von einer Totgeburt. Diese sind in Deutschland extrem selten, vier von tausend Kindern werden tot geboren. Oder anders gesagt: 0,4 Prozent. Seltene Einzelfälle, ja. Aber eben immer auch harte Schicksalsschläge.

Michelle Obama erlebte ihre Fehlgeburt vor zwei Jahrzehnten, Meghan Markle vor wenigen Monaten. Dass beiden Frauen damals wie heute nicht klar war, dass sie mit dem Erlebten alles, nur nicht allein waren, verwundert kaum. Jedes Paar, jeder Mensch mit Kinderwunsch kennt das: Die ersten Monate der Schwangerschaft werden möglichst geheim gehalten, es wird sich im Stillen gefreut. Denn niemand weiß, was noch passieren kann. Gemeint ist damit doch: Eine Fehlgeburt ist ziemlich wahrscheinlich, alle wissen das. Irgendwie. Aussprechen tun oder möchten das die wenigsten.

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Abwarten, hoffen, ja, auch bangen, dass diese unsicheren ersten zwölf Wochen irgendwie schnell (und sicher) vorbeigehen. Dann erst soll Freude aufkommen. Dann erst wird die freudige Nachricht mit einem breiten Kreis geteilt. Dann erst wiegt man sich und das Kind in Sicherheit. Dabei würde ein offener Umgang mit dem Thema betroffenen Frauen (und Männern), im Fall der Fälle, bei der Trauerbewältigung helfen. Eine Schwangerschaft muss nicht risikoreich sein, um riskant zu sein.

„Es hilft, wenn Frauen sich dieser Tatsache und dessen, dass es keine Garantie für eine glückliche Geburt gibt, bewusst sind“, erklärt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. „Dann wird der Verlust nicht so sehr als persönliches Versagen erlebt, sondern umgekehrt jeder gut gelaufene Tag der Schwangerschaft als Erfolg und Geschenk.“

Dabei ist ein Frühabort, so schmerzlich es klingt, oft nicht mehr als eine Laune der Natur. Es sind meist genetische Ursachen und der Körper beendet die beginnende Schwangerschaft von selbst. Er merkt zum Beispiel, dass eine Chromosomenstörung die weitere Entwicklung des Embryos unmöglich machen würde, und zieht die Notbremse.

Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, von der Natur sozusagen als Sicherheitsnetz eingerichtet. Betroffene Frauen glauben aber immer noch häufig, dass Stress eine der Hauptursachen ist, geben sich so selbst die Schuld. Eine Langzeitstudie aus Taiwan fand heraus, dass das Suizidrisiko bei Frauen ein Jahr nach einer durchgestandenen Tot- oder Fehlgeburt beziehungsweise einem Schwangerschaftsabbruch im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen mit Lebendgeburten erhöht war. Auch die Rate der durchgeführten Suizide war in derselben Gruppe im Vergleich zu Frauen mit Lebendgeburten höher.

Die Ergebnisse zeigen nur zu gut, dass auf die psychischen Reaktionen nach einer erlebten Fehlgeburt besonders geachtet werden muss. Dass das Leben eben nicht einfach so weitergeht. Dass Aufklärungsarbeit über Ursachen und Wahrscheinlichkeiten eines Aborts weiter nötig ist. In der gynäkologischen Praxis fehlt dafür oft die Zeit. Dass prominente Frauen sensibilisieren, Fehlgeburten enttabuisieren, ja als etwas Normales, weil Alltägliches beschreiben, ist ein wichtiger Schritt und gibt vielen betroffenen Frauen und Eltern das Gefühl, nicht allein zu sein. Wenn die ehemalige First Lady der USA oder ein Mitglied der britischen Königsfamilie eine Fehlgeburt erleidet und dann noch ohne Scham darüber spricht, dann sollten, dann müssen sich auch „Normalsterbliche“ nicht dafür schämen. Sie sind schließlich der Beweis: Jeder kann es passieren.

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Über Fehlgeburten zu sprechen, ist heute nicht normal, aber es ist auch kein Tabu mehr. Erschreckend ist dennoch, dass die öffentliche Reaktion auch hier nicht ganz frei von Spott und Häme ist. Chrissy Teigen wurde scharf kritisiert, diese zutiefst intimen Aufnahmen freiwillig geteilt zu haben. Selbstbestimmtes Handeln, das soll Frauen eben auch 2020 nach Meinung einiger verwehrt bleiben. Meghan Markle wurde in sozialen Medien sogar vorgeworfen, die Fehlgeburt nur vorgetäuscht zu haben. Ein britischer Journalist kritisierte dieses „sehr öffentliche Geständnis“ der Herzogin, die Darstellung der eigenen Wunden und Schwächen, um Bewusstsein zu schaffen, sei eine Form von emotionalem Exhibitionismus Prominenter. Man sieht auch hier wieder, dass Verletzlichkeit und Wunden kaum Platz in einer sich ständig selbstoptimierenden Leistungsgesellschaft haben. Und mehr noch: Der Herr versteht offensichtlich nicht, dass Fehlgeburten keine Schwäche sind, sondern unverschuldet jede vierte Frau betreffen. Vielleicht hatte er aber auch einfach keine Zeit, Meghans Text im Ganzen zu lesen, mittig spricht sie über Zahlen. Das ist ja wirklich eine Schwäche: fehlende Zeit.