Strandkörbe stehen am Strand von Westerland. Der Tourismus ist unter Corona-Bedingungen längst wieder angelaufen. Foto: dpa/Carsten Rehder

Auf dem Parkplatz vor der „Sansibar“ bildet sich an diesem Vormittag im Juni eine lange Schlange. Geduldig warten Familien mit kleinen Kindern, Radfahrer und Paare in der Sonne darauf, einen Platz zu ergattern. Am Eingang zum Weg durch die Dünen, der zum Lokal führt, steht eine Mitarbeiterin und regelt den Einlass. Christina steht mit ihrem Mann und der kleinen Tochter relativ weit hinten in der Schlange. Es ist 11.15 Uhr, erst um 12 wird geöffnet.

Eigentlich wollte die Hamburger Familie in den Urlaub fliegen, „aber das ging ja nicht“, sagt Christina. Auf Sylt seien sie oft. Es sei so entspannt hier, gerade auch mit Kindern, findet sie. Für das Lokal mit dem großen Spielplatz in den Dünen stellt sie sich gerne an.

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Ein ganz anderes Bild bot sich auf Sylt in der Woche vor Ostern, als Touristen die Insel nicht betreten durften. Auf den weitläufigen Parkplätzen stehen nur vereinzelt Autos, die Straße die über die Insel führt, ist kaum befahren und auch die allgegenwärtigen Fahrradfahrer sind nur selten zu sehen. Die Insel liegt in einer Art Dornröschenschlaf. Und zeigt ihre Schönheit. Die Dünen, die kilometerlangen weißen Sandstrände, das Meeresrauschen, die Wäldchen, wie in die Landschaft gekuschelte Reetdachhäuser - in der Stille wird noch deutlicher, wie schön die Insel ist und warum Sylt für viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist.

Vor Öffnung der „Sansibar“ warten Gäste in einer Schlange auf den Einlass. Foto: dpa/Carsten Rehder

„Sansibar“-Wirt Herbert Seckler fährt kurz vor 12.00 Uhr mit seinem schwarzen Mercedes den Dünenweg hoch zum Restaurant. Jeden Tag ist er hier, auch während der Corona-Zeit, trotz seiner 68 Jahre. Sein „Büro“ hat er nach draußen auf die Terrasse verlegt. „Hier fühle ich mich relativ sicher“, sagt er. Der Lockdown sei wirtschaftlich eine Katastrophe gewesen.

Die Saison habe er eigentlich schon abgeschrieben. Aber: „Wenn man den wirtschaftlichen Aspekt abzieht, war das eine tolle Zeit“, sagt er. „Man sieht Dinge, die man sonst nicht sieht. Jetzt sieht man nur Menschen und Fahrräder und Fahrräder und Fahrräder.“ Um 12.01 Uhr ist das Restaurant voll. Kellner mit Masken rotieren, um die Gäste zu bedienen, um die Zettel mit den Kontaktdaten einzusammeln.

Kellnerin Amelie Ehlie serviert in der „Sansibar“ Getränke. Das Restaurant hat nach dem Corona-Lockdown wieder offen. Foto: dpa/Carsten Rehder

Am ersten Tag der Öffnung für alle Gäste - dem Montag vor Himmelfahrt - zieht es die Reisenden sofort wieder auf die Insel, die zu 100 Prozent vom Tourismus lebt. Es ist ein Wiederanfahren des Tourismus von Null auf Hundert. Bereits am frühen Morgen bilden sich kilometerlange Staus auf den Zufahrtsstraßen zur Autoverladestation in Niebüll. Die Menschen die jetzt wieder auf die Insel dürfen, seien euphorisch, beobachtet Seckler. „Die sind sehr glücklich, dass sie wieder auf die Insel dürfen. Die Leute kommen und sehen das Meer. Das Glücksgefühl ist ganz stark.“

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Wer jetzt Ende Juni über die Insel fährt oder geht, in die Gesichter der Menschen blickt, kann das Glücksgefühl erahnen. Durch die Westerländer Fußgängerzone schlendern entspannte Paare, setzen sich zu einem Kaffee oder Aperol in eines der wieder geöffneten Cafés. Am Strand liegen Sonnenhungrige, einige Wellenreiter paddeln durch die Brandung. Der Abstand, auf den überall mal mehr, mal weniger dezent hingewiesen wird, kann hier am Strand leicht eingehalten werden.

Autos fahren auf dem Autozug in Richtung Sylt. Die obligatorischen Fahrräder sind natürlich dabei. Foto: dpa/Carsten Rehder

Entlang der sogenannten Whiskymeile in Kampen cruisen Luxuskarossen. Die Plätze der Außengastronomie sind gut gefüllt. Radfahrer und Fußgänger in Windjacken oder Strandoutfits schlendern entlang der Nobelboutiquen, machen sich auf die kostspieligen Röcke und Kleider im Schaufenster aufmerksam, schauen den Porsches, Ferraris und Bentleys hinterher. An der Autoverladestation in Westerland wartet ein junges Paar in einem alten VW-Bulli auf den Autozug gen Festland.

Warum ziehen diese 99 Quadratkilometer Land in der Nordsee so viele Menschen in den Bann? Kaufen sich Menschen ein Millionen Euro teures Häuschen in Kampen oder schlagen ihr Zelt auf dem Campingplatz auf? „Sylt kann man nicht erklären. Das spürt man oder nicht“, sagt Seckler. 

Nach Pandemie sieht es hier nicht unbedingt aus:Besucher gehen über die Promenade von Westerland. Foto: dpa/Carsten Rehder

Manche Gäste kämen vielleicht, weil sie Promis gucken wollen, sagt Seckler. Aber vor allem habe Sylt im Vergleich zu anderen Feriendestinationen einfach eine super Infrastruktur. „Hier oben kriegt jeder jedes. Egal, hier gibt es alles.“ Man könne für drei Euro essen oder im Sternerestaurant.

Während sich die einen freuen, dass sich die Insel wieder füllt und die finanziellen Sorgen weniger werden, werden Stimmen bei Gästen und Insulanern lauter - nicht nur in den sozialen Medien - dass sich etwas ändern, die Taktung langsamer werden muss. Verschiedene Initiativen setzen sich für nachhaltigen Konsum, weniger Plastik und mehr Umweltschutz ein. Denn die Insel leidet nicht nur unter dem Substanzverlust durch Naturgewalten, auch das Problem des Plastikmülls in den Meeren ist hier auf der Nordseeinsel sichtbarer als anderswo.