Eine Müllhalde voller Plastikmüll.  Foto:  imago images/CHROMORANGE

Strohhalme, Becher, Flaschen, Tüten: In der Türkei türmen sich die Plastikabfälle aus ganz Europa – auch aus Deutschland. Nachdem China sich aus dem Müllgeschäft zurückgezogen hat, wurde die Türkei seit 2019 zum Hauptziel für vorsortierten Plastikabfall aus Europa. Das Recyclinggeschäft floriert, genauso wie die illegalen Aktivitäten drumherum. Doch zu welchem Preis? Bei Aktivisten wächst die Sorge um Gesundheit und Umwelt, Geschäftsleute hingegen können gar nicht genug Plastik bekommen.

In den Bezirken Cukurova und Seyhan sowie in der Provinz Adana stapelt sich der aus Großbritannien, Deutschland und Italien verschickte Müll in Gräben, Flüssen und am Straßenrand. Recycelt werden diese Abfälle nicht, obwohl sie dazu in die Türkei gebracht wurden.

„Die europäischen Bürger müssen eines wissen: Der endgültige Bestimmungsort für ihre Abfälle, die sie sorgfältig sortieren, ist nicht ein Recyclingzentrum“, sagt Sedat Gündogdu, Forscher an der Cukurova Universität in Adana.

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Zwar ist unklar, wie viel des importierten Plastikmülls auf illegalen Deponien landet. Aber solange Westeuropa für den Abtransport des Abfalls bezahlt, besteht für türkische Importfirmen eine finanzielle Versuchung. So ist es lukrativer, den Müll einfach zu deponieren, anstatt für das teure Recycling zu bezahlen. Interpol warnte im August vor der zunehmenden Verwicklung krimineller Organisationen in den weltweiten illegalen Handel mit Plastikmüll.

Umweltschützer befürchten, dass sich diese Probleme verschlimmern werden, wenn die Menge des europäischen Mülls, der in die Türkei geschickt wird, weiter steigt – vor allem durch die Corona-Pandemie und die vielen weggeworfenen Handschuhe und Masken.

„Türkei kann nicht einmal ihren eigenen Abfall verwalten“

Im Jahr 2019 importierte die Türkei rund 48.500 Tonnen Abfall pro Monat, 2018 waren es laut Eurostat 33.000 Tonnen. Im vorletzten Jahr stammten die meisten Abfälle aus Großbritannien (154.000 Tonnen), Italien (89.000 Tonnen), Belgien (86.000 Tonnen) und Deutschland (67.000 Tonnen).

Für die Umweltorganisation Greenpeace in der Türkei liegt der Kern des Problems in der mangelnden „Transparenz und Kontrolle“ beim Management des Abfalls im Land. „Der Import von Plastikmüll sollte verboten werden“, sagt Gündogdu. „Die Türkei kann nicht einmal ihren eigenen Abfall verwalten.“

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Doch Gegenwehr aus der Politik gibt es nur wenig, schließlich beschäftigt die Recyclingindustrie in der Türkei fast eine Million Menschen. Im September wies das Umweltministerium allerdings die Unternehmen der Branche an, ihre Importe von wiederverwertbaren Abfällen auf die Hälfte ihres Bedarfs zu begrenzen und den Rest in der Türkei zu beschaffen.

Doch nicht alle Abfälle aus Europa landen auf illegalen Mülldeponien: Zafer Kaplan betreibt in Gaziantep, im Süden der Türkei, ein Unternehmen, das Plastik aus den USA und Europa in Textilfasern umwandelt.

Aus einer Plastikflasche Olivenöl wird dort nach dem Reinigungs- und Zerkleinerungsprozess erst eine Faser, später dann eine Rolle mit Garn. Alles in zwei oder drei Tagen. Laut Kaplan wird das recycelte Material von Marken wie H&M, Zara und Ikea verwendet.

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„Der Recyclingsektor in der Türkei ist sehr weit entwickelt“, sagt er. Kaplan verteidigt auch die vorherrschende Praxis in der Türkei: Die Nachfrage nach den recycelten Produkten aus den Ländern Europas und des Nahen Ostens übersteige das, was die Türkei aus heimischen Kunststoffabfällen produzieren könne. Allein sein Unternehmen liefere jeden Monat 1500 Tonnen recycelten Draht in 30 Länder.

Das Unternehmen verwandele „Materialien, die sich in der Natur nicht zersetzen würden“ in „etwas, das wiederverwendet werden kann“, sagt Kaplans Entwicklungschef Mehmet Dasdemir. „Und das ist gut für die Umwelt.“