Der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow im Gerichtssaal Foto: AP/dpa

Der Verurteilte demonstrierte am Freitag noch im Gerichtssaal versöhnlichen Humor: „Der Welt Frieden!“ stand auf seinem schwarzen Kapuzenpulli. Aber Kirill Serebrennikow (50) ist nach Auffassung eines Moskauer Gerichts ein Krimineller. Es sprach den international bekannten Theater- und Filmregisseur sowie seine früheren Mitarbeiter Alexei Malobrodski und Juri Itin des schweren Betrugs schuldig. Allerdings muss er nicht in Haft, sondern ist zu einer Bewährungsstrafe von drei Jahren verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Lagerhaft gefordert und zwischen vier und fünf Jahre für seine Mitangeklagten.

Laut Urteil haben sie zwischen 2011 und 2014 als Leiter der Theatergruppe „Siebtes Studio“ 129 Millionen Rubel Staatssubventionen (1,6 Millionen Euro) gestohlen. Dieses Geld sollen sie nun zurückzahlen. Er sei nicht zufrieden mit dem Urteil, sagte Serebrennikow der Agentur Interfax zufolge, als er den Gerichtssaal verließ. Ein Verteidiger kündigte an, Einspruch erheben zu wollen. „Danke für eure Unterstützung. Danke, dass ihr an unsere Unschuld glaubt. Für die Wahrheit muss man kämpfen“, sagte Serebrennikow seinen vor dem Gerichtsgebäude wartenden Unterstützern.

Auch in Berlin hatten Freunde und Kollegen auf das Urteil gewartet. „Ich bin erleichtert“, sagte Thomas Ostermeier, der Intendant der Schaubühne, am Freitag. Erleichtert, dass Kirill Serebrennikow nicht ins Lager müsse. Doch das Urteil sei auch perfide. Die russische Justiz wahre ihr Gesicht, denn dieses Urteil könne man nicht als Terrorurteil bezeichnen. Gleichzeitig sende es ein Signal an alle Kulturschaffenden und Andersdenkenden: „Passt auf, was ihr sagt, was ihr macht.“ Um die 1,6 Millionen Euro aufzutreiben, die Serebrennikow nun bezahlen soll, habe sein Theater noch am Freitag eine Crowdfunding-Plattform eingerichtet.

„Free Kirill“ steht auf dem Plakat einer Frau vor der russischen Botschaft Unter den Linden. Foto: Annette Riedl/dpa

Das Verfahren gegen Serebrennikow zog sich lange hin. Es behinderte die Arbeit des Regisseurs, der künstlerischer Leiter des Gogol-Centers in Moskau ist. Vergangenes Jahr war eine erste Anklage in sich zusammengebrochen. Ein Gutachten hatte ergeben, dass die „Platforma“-Aufführungen, die Serebrennikow und seine Leute zwischen 2011 und 2014 organisiert und die das Kulturministerium mit 216 Millionen Rubel (knapp fünf Millionen Euro) finanziert hatte, sogar 260 Millionen Rubel (etwa sechs Millionen Euro) gekostet hatten und von privaten Sponsoren mitfinanziert worden waren.

Moskaus Intelligenzija betrachtet das Verfahren als Schauprozess: Serebrennikow, für Nacktszenen, Popenschelte und andere Provokationen berühmt, solle als Symbolfigur des liberalen Experimentaltheaters abgeurteilt werden. Oder wie er selbst in seinem Schlusswort sagte: „Man reagiert auf unsere Arbeit mit Verfolgung, Festnahmen und Prozessen.“

Serebrennikow hatte zugegeben, dass in der Buchhaltung Chaos herrschte. Übliches russisches Theater-Chaos. Wer Bühnenhandwerker, Komparsen oder Kostüme abrechnete, der musste bar bezahlen, musste Geld abheben, vorstrecken, erhielt als Quittung formlose Papierchen oder gar keine, nach den kleinlichen Regeln der vaterländischen Finanzbuchhaltung durchaus kriminelle Lücken. „Die Theater brauchen Cash“, erklärt der Anwalt Sergei Badaschmin der BBC, „und das ist fatal.“ Ostermeier nannte dieses System tückisch.